Mit Wehmut denkt Fahrdienstleiter Bernd Mönch an den 19. November. An dem Tag wird um 15.15 Uhr sein Stellwerk B2, von dem sämtliche Signale, Weichen und Riegel im Südwesten des Cottbuser Hauptbahnhofs gesteuert werden, außer Dienst genommen. “Das ist keine schöne Vorstellung„, sagt er. Seine Füße stecken in Hausschuhen, trotz der vielen Hebel und Apparte versprüht der Raum mit seinem Teppich Wohnzimmeratmosphäre. “Ich bin seit 20 Jahren hier oben.„ Plötzlich erklingt ein Stakkato-Piepen, schon dreht der 58-Jährige eine Kurbel, drückt mehrere Knöpfe und legt einen riesigen Hebel um. Damit setzt er einen Seilzug in Bewegung, der durch das Gebäude ins Freie entlang der Strecke bis zur Weiche reicht. B2 ist ein rein mechanisches Stellwerk, es braucht Muskelkraft. Die Technik stammt aus der Vorkriegszeit.

Doch es ist nicht das älteste Stellwerk. Das ging 1904 in Betrieb, das jüngste 1989. Alle 13 werden ab November durch ein einziges elektronisches Stellwerk ersetzt. Dort gibt es keine Hebel, die jemand umlegen muss, sondern riesige Computerschränke. “Das heißt aber nicht, dass Cottbus verwaisen wird„, betont Bahnsprecher Gisbert Gahler. “Die Instandhaltung und der Servicebereich werden erhalten. Allein für Störfälle ist das notwendig.„

Vor vier Jahren hat die Bahn mit der Planung des Großprojektes begonnen, im Juli 2009 begannen die Arbeiten. Denn für die Stellwerksumstellung werden nicht einfach 13 Gebäude zugeschlossen und ein neues errichtet. 150 Weichen und 120 Signalanlagen wurden erneuert, genauso wie Gleise und Bahnübergänge, Oberleitungen mussten angepasst und kilometerweit Kabel verlegt werden. Wer am Bahnhof genau hinsieht, erkennt, dass neben jedem Signal und jeder Weiche bereits ein modernes Pendant steht und auf die Übernahme wartet.

Die Inbetriebnahme wird drei Tage in Anspruch nehmen. “Das dauert so lange, weil die alten Stellwerke bis zum Schluss funktionieren müssen„, erklärt Michael Wesseli von DB Netze. Sämtliche Anlagen können erst dann umgestellt und die alten abgebaut werden. Allein für den Weichenumbau werden sechs Bautrupps mit jeweils 18 Leuten im Einsatz sein. Danach folgt die Mammutaufgabe: Jedes einzelne der 800 Bauteile wird überprüft, ob es auch richtig funktioniert. “Das geht nicht im laufenden Betrieb„, so Gisbert Gahler. Doch schon jetzt laufen Tests, wie Projektleiter Wolfram Tautz von DB Netze erklärt.

Wie zum Beweis springt am neuen Stellwerk das Notstromaggregat an und pustet eine Dieselwolke in die Luft. Am 22. November geht es vollends in Betrieb. Es sieht unscheinbar aus, kauert sich mit seinem gelblichen Anstrich an den Boden - kein Vergleich zu den alten imposanten Stellwerksbauten, die sich in den Himmel recken, um ihren Fahrdienstleitern den nötigen Überblick über die Gleise zu verschaffen, denn die werden nicht mehr gebraucht.

Bahnsprecher Gisbert Gahler versichert: “Wir als Bahn entlassen niemanden wegen einer Rationalisierung.„ Es gebe Umbesetzungen, Schulungen und Qualifizierungen. Bernd Mönch von Stellwerk B2 wird auf ein anderes in der Region wechseln.

Zum Thema:
Das elektronische Stellwerk am Cottbuser Hauptbahnhof wird Mitte November in Betrieb genommen. Da dies die Auswechslung und Funktionsprüfung der Sicherheitstechnik an rund 800 Bauteilen erfordert, wird der Zugverkehr vom 19. November, 15.15 Uhr bis 22. November, 3.15 Uhr in alle sechs Fahrtrichtungen eingestellt. In der Zeit wird ein Schienenersatzverkehr vom Parkplatz eingerichtet.