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| 07:34 Uhr

Gegenpressing
Wer entscheidet, was Sport ist?

Der Landessportbund NRW hat sich festgelegt: E-Sport ist kein Sport. Killer-Spieler seien mit den Werten des Verbands unvereinbar. Geht es wirklich darum? Oder haben die großen Organisationen nicht vor allem Angst vor Machtverlust?

Der Landessportbund NRW hat sich festgelegt: E-Sport ist kein Sport. Killer-Spiele seien mit den Werten des Verbands unvereinbar. Geht es wirklich darum? Oder haben die großen Organisationen nicht vor allem Angst vor Machtverlust?

Dorothee Bär hatte da so eine Idee. Die Staatsministerin im Kanzleramt für Digitalisierung war noch nicht einmal offiziell im Amt, da plauderte sie in einem Interview über "Themen, die uns wirklich beschäftigen sollten" - wie der Möglichkeit, sich mit einem Flugtaxi fortbewegen zu können. Sicherlich ein charmanter Gedanke, aber in einem Staat, in dem der Breitbandausbau noch immer auf dem Niveau eines Entwicklungslandes ist, vielleicht nicht das Projekt mit der allergrößten Priorität. Und so ist die Ideenschmiede Bär weitergeflogen und hat das Thema E-Sport für sich entdeckt. Die CSU-Politikerin forderte alsbald die Aufnahme der noch jungen Bewegung in den Kreis der etablierten Disziplinen durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Bei den Verbänden war man über den Vorstoß keineswegs amüsiert. Hinter den Kulissen donnerte es gewaltig - die Granden vom DOSB, aber auch vom DFB wetterten unisono gegen die Überrumpelungstaktik der Politik. Immerhin versprach man, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. "Intensiv" ist gleichbedeutend mit der Einberufung einer Arbeitsgruppe. Der DFB ist als Erster zu einem Ergebnis gekommen: Beim größten Sportverband der Welt findet man nur fußballbezogene Spiele gut - E-Soccer, nennt man das beim DFB. "Wir wollen keine Spiele fördern, in denen Kinder auf andere schießen und das Ganze auch noch als Sport bezeichnet wird", verkündete DFB-Präsident Reinhard Grindel.

Beim DOSB hatte man sich eigentlich noch etwas mehr Beratungszeit genehmigt. Doch der Landesverband Nordrhein-Westfalen war vermutlich so stolz über seine Erkenntnisse, dass er der Öffentlichkeit unbedingt davon berichten wollte. Der LSB NRW hat eine Sonderrolle innerhalb des Verbandskonstrukts. Das liegt vor allem an Walter Schneeloch, dem mächtigen Funktionär an der Spitze. Schneeloch ist gleichermaßen beliebt und gehasst, weil er fast immer sagt, was er denkt.

Nun hat also der LSB NRW sich zum Thema E-Sport positioniert. Kernbotschaft: Es handelt sich dabei nicht um Sport. Ende der Durchsage. In der Gaming-Gemeinde zeigte man sich hernach enttäuscht von dieser Festlegung. Und auch in der Staatskanzlei war man nicht besonders erfreut über die Botschaft. Schließlich versucht Ministerpräsident Armin Laschet derzeit mit einiger Anstrengung, weitere Unternehmen aus diesem Bereich nach NRW zu locken. Der Wunsch war dementsprechend vorhanden, das Thema etwas diplomatischer anzugehen.

Der LSB NRW setzt damit den DOSB unter Zugzwang. Dialog wohl unerwünscht. Oder war es nie die Absicht, nach einem gemeinsamen Weg Ausschau zu halten? Ist E-Sport nur Teil einer Jugendkultur? Sind die Werte des Sportes wirklich so in Gefahr? Wenn es um Werte ginge, müssten viele Sportarten nach diversen Mauscheleien um ihren Status bangen.

Tatsächlich geht es vor allem um eins: die Verteidigung des Reviers und damit um viel Geld.

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(RP)