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| 08:25 Uhr

Gegenpressing
Wenn einer nur den Fußball hat

Ein Fahrverbot kann auch seine guten Seiten haben - jedenfalls bei einem, der ab Mitte Juni ohnehin nur noch an der Fußball-WM interessiert ist.

Ein Fahrverbot kann auch seine guten Seiten haben - jedenfalls bei einem, der ab Mitte Juni ohnehin nur noch an der Fußball-WM interessiert ist.

Mein Freund Ernst ist ein ruhiger, besonnener, angenehmer Zeitgenosse. Er ist freundlich zu jedermann, hilfsbereit und harmoniebedürftig bis zur Selbstaufgabe - ein (fast) mustergültiges Mitglied der Gesellschaft. Doch eine Macke ist ihm zu eigen. Sein Leben ist Fußball, ebenfalls bis zur Selbstaufgabe. So hat er bis heute den Gedanken verworfen, eine Lebenspartnerin an seiner Seite zu dulden. Die würde nur stören. Sein Herz hängt am Fußball.

Unvorstellbar allerdings, dass er selbst mal gegen den Ball getreten hätte. Nein, er ist überzeugter Fernsehfußballer. Voller Leidenschaft. Natürlich hat er den Bezahlsender Sky abonniert, weil nur der die volle Bandbreite aller Wettbewerbe von der Bundesliga bis zur Champions League garantiert. Da sitzt er dann stundenlang vor dem Bildschirm, macht sich Notizen und kennt sämtliche Statistiken. Sein Archiv füllt ein ganzes Zimmer. Gespräche münden stets im Thema Fußball, da kennt er kein Pardon.

Es gibt einen einzigen weiteren Sport, dem Ernst sein Interesse und seine Anerkennung nicht verweigert - Motorsport. Mit dem verhält es sich ein wenig anders. Da ist er, nach eigener Ansicht, eher aktiv. Bei aller Gesetzestreue, die ihn sonst auszeichnet, muss man ihm bescheinigen, dass Ernst am Steuer seines eigenen Autos zum Raser mutiert. Er selbst sieht das natürlich anders. Seine Darstellung lautet, er sei kein Raser, sondern ein sportlicher Fahrer. In dieser Hinsicht vergisst er seine Erziehung und gerät immer mal wieder mit den gesetzlichen Vorschriften in Konflikt.

Zu seinem Leidwesen sitzen die Behörden, die flächendeckend über die Einhaltung der Regeln wachen, eindeutig am längeren Hebel. So bekam Erwin vorige Tage mal wieder Post von einem Polizeipräsidium in einem anderen Bundesland. In einem Einschreiben in gelbem Umschlag wurde ihm mitgeteilt, dass sein rasantes Fahren als Raserei gewertet werde. Die Quittung für seine Geschwindigkeitsübertretung: 128 Euro Geldbuße plus Verlust der Fahrerlaubnis für einen Monat, weil er ein zweites Mal innerhalb eines Jahres die Grenze von mehr als 126 km/h überschritten hatte.

Also hat Ernst sich erst einmal belehren lassen, wie das Prozedere in einem solchen Fall ist. Ab Rechtskraft der Behördenverfügung bleibt ihm nun eine Frist von vier Wochen zur Abgabe seiner Fahrerlaubnis. Das hat ihn zu tieferem Nachdenken über seine Situation verlanlasst, das ihm zu folgendem Ergebnis verhalf: Zunächst wird er sich - noch mit dem Auto - ein größeres Depot an Lebensmitteln und Bier beschaffen, schließlich kurz vor Anpfiff der Fußball-WM seinen Führerschein an die zuständige Behörde schicken. Dann kann das Weltfest in Russland kommen. Wo ist da die Strafe?

Angesichts der Lust, die Ernst an der Geschwindigkeit empfindet, könnte man eher sagen: Aus Spaß wurde Ernst, und Ernst guckt jetzt Fußball. Unbehelligt und nach Herzenslust - zumindest, solange die deutsche Mannschaft im Wettbewerb ist.

(RP)