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Zweite Karriere von Trixi Worrack mit nur einer Niere

Trixi Worrack (35) fährt für das Team Canyon/SRAM.
Trixi Worrack (35) fährt für das Team Canyon/SRAM. FOTO: Imago
Cottbus. Die Profi-Radsportlerin aus Dissen hatte nach einem Sturz im vergangenen Jahr den Tod vor Augen. An diesem Freitag will sie deutsche Meisterin werden. In der RUNDSCHAU erzählt sie über ihr neues Leben. Frank Noack

Im Großen und Ganzen, berichtet Trixi Worrack, geht es ihr gesundheitlich wieder richtig gut. Ein Satz, der auf den ersten Blick lapidar klingt. An diesem Freitag in Chemnitz will die 35-jährige Profi-Radsportlerin aus Dissen bei Cottbus ihren deutschen Meistertitel im Einzelzeitfahren verteidigen. Auch in das Straßenrennen am Samstag geht die 2015er-Titel trägerin vom Team Canyon/SRAM mit guten Chancen.

Auf den zweiten Blick ist das Comeback von Trixi Worrack sowie ihrer Gesundheit aber ein Radsport-Wunder! Denn vor gut einem Jahr bangte die Lausitzerin nach einem Sturz in Italien um ihr Leben. Notoperation, Entfernung der linken Niere, Lebensgefahr - Stichworte wie aus einer Medizin-Serie im Fernsehen. Für Worrack wurden sie am 20. März 2016 zur schmerzhaften Realität.

Es war der Tag, an dem ihre erste Radsport-Karriere zu Ende ging. Sie endet mit dem Sturz auf einer lombardischen Landstraße beim Eintagesrennen Trofeo Alfredo Binda. Im Krankenhaus stellt sich heraus, dass die linke Niere dreifach gerissen ist. Im gesamten Bauchraum sammelt sich Blut - es geht um Minuten.

Die Notoperation verläuft zwar erfolgreich, aber nach dem Auf wachen aus der Narkose folgt der nächste Niederschlag. Sie erfährt, dass die linke Niere entfernt werden musste. "Das war ein Schock. Mir ging in dem Augenblick vieles durch den Kopf. Auch, ob ich überhaupt weiter Radfahren kann", wird sie später über diesen einschneidenden Moment berichten.

Es ist der Moment, in dem Trixi Worrack am Beginn ihrer zweiten Karriere steht: als Profi-Radsportlerin mit nur noch einer Niere. Mit unbändigem Willen kämpft sie sich zurück und ist nur vier Monate nach dem schweren Sturz schon wieder bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro am Start. Was für eine Leistung!

Auch wenn sie in Brasilien am Podest vorbeifuhr, schrieb Trixi Worrack mit ihrem fabelhaften Comeback viele Schlagzeilen. Im nacholympischen Jahr ist nun wieder etwas Normalität eingekehrt, wenn man das angesichts des 20. März 2016 überhaupt so sagen kann. "Das war schon ein großer Einschnitt in meinem Leben", blickt Worrack zurück. Aber sie gewöhnt sich immer besser an ihr neues Leben mit nur einer Niere.

Während die vierfache Weltmeisterin im Mannschaftszeitfahren früher bis zu fünf Mal pro Woche trainiert hat, gönnt sie sich jetzt auch mal einen Tag Pause, wenn der Körper danach ruft. Oder wenn sich ein Infekt ankündigt. Zudem geht sie jeden Monat zum Bluttest, damit speziell die Nierenwerte engmaschig überwacht werden können. Einerseits ist Trixi Worrack froh, dass sie überhaupt wieder auf Profi-Niveau Radfahren kann. Andererseits hat sich längst der ihr eigene Ehrgeiz gemeldet. "Meine Grundform ist ganz gut, aber bis Mai war es schon relativ schwer", räumt die sieggewohnte Lausitzerin ein. Die fehlenden Renn- und Trainingskilometer aus der vergangenen Saison muss sie erst nach und nach aufholen. Statt auf Sieg ist Worrack im Frühjahr in vielen Rennen für das Team gefahren.

Eine Rolle, die ihr trotz aller Erfolge nach wie vor überhaupt keine Probleme bereitet. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" adelte sie wegen des ausgeprägten Teamdenkens im vergangenen Jahr als "geborene Helferin im Gewand der Kapitänin". Natürlich will Trixi Worrack in ihrer zweiten Karriere auch wie früher wieder Rennen gewinnen. Aber sie spürt an sich selbst auch, wie sich die Dinge seit dem schweren Sturz relativiert haben. "Ja, man kann schon sagen, dass ich mich total verändert habe. Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden", findet Worrack. Früher sei sie wegen Nichtigkeiten schnell mal an die Decke gegangen. "Inzwischen rege ich mich nicht mehr so schnell auf. Und es gibt auch Schlimmeres, als bei einem Radrennen am Ende nicht ganz oben auf dem Podest zu stehen."

An ein Karriere-Ende aufgrund des Nierenverlustes hat Worrack nach eigenem Bekunden übrigens zu keinem Zeitpunkt gedacht, nachdem der erste Schock im Krankenbett überstanden war. Ihr Vertrag beim Team Canyon/SRAM läuft bis Ende 2018. Und dann? "Dann werde ich natürlich weitermachen", lächelt sie. Die nächsten Olympischen Spiele finden 2020 in Tokio statt. Es wären die fünften Spiele für Worrack. Die zweiten in ihrer zweiten Karriere mit nur einer Niere. Im Großen und Ganzen, das darf man ohne Übertreibung sagen, wäre das eine Riesensache.