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Mit zehn Siegen und 43:3 Toren
Wie schafft man "Übermenschliches"?

Die Qualifikation war kein Problem für Deutschland – Punkte bei der WM muss sich der Titelverteidiger aber wieder neu verdienen.
Die Qualifikation war kein Problem für Deutschland – Punkte bei der WM muss sich der Titelverteidiger aber wieder neu verdienen. FOTO: dpa
Kaiserslautern. Mit zehn Siegen und 43:4 Toren sendet Deutschland eine starke Botschaft an die Fußballwelt. Aber Punkte für die WM in Russland bringt die Rekord-Quali nicht. Klaus Bergmann und Arne Richter

Der Qualifikations-Rekord animierte Joachim Löw zu einem "großen Kompliment" an seine Spieler - mehr nicht. Weltmeister in der WM-Qualifikation klingt als Titel wunderbar. Zehn Siege, 43:4 Tore seien "cool und etwas für die Geschichtsbücher", wie Kapitän Thomas Müller die Leistung nach dem 5:1 gegen Aserbaidschan einordnete: "Diese Quali hat uns Selbstvertrauen gegeben - aber sie bringt uns keinen einzigen Punkt in Russland!"

Und darum verabschiedete der Bundestrainer die Nationalspieler am Sonntagabend in Kaiserslautern mit seinem neuen Mantra in den Alltag des Vereinsfußballs: 2018 gehe es in Russland um etwas Historisches, betont Löw, um etwas "Übermenschliches", um den zweiten WM-Titel am Stück. Und dafür verlangt er eine totale Hingabe, die nicht erst mit dem WM-Trainingslager Mitte Mai in Südtirol beginnen könne. "Die Spieler müssen sich frühzeitig auf das Turnier mental einstellen", lautete Löws Ansage. Die Gruppengegner Nordirland, Tschechien, Norwegen, Aserbaidschan und San Marino stellten nicht den Leistungsmaßstab dar. "Bei der WM kommen andere Kaliber", verkündete Löw.

Interimskapitän Müller sagte: "Es geht schon darum, dass sich jeder Spieler einschärft, dass da nicht nur ein kleines Turnier stattfindet, sondern ein Riesenhighlight. Jeder Spieler muss sich dessen, was den Lebenswandel betrifft, schon bewusst sein." Und der zweifache Torschütze Leon Goretzka, neben dem Sandro Wagner, Antonio Rüdiger und Emre Can auf dem Betzenberg getroffen hatten, ergänzte: "Es gilt für jeden Einzelnen, sich in Topform zu bringen. Wenn du zwei Wochen vor der WM damit anfangen willst, wird das nicht gelingen." Man müsse "das ganze Leben daran anpassen".

Eine "gute Basis" für Löws Agenda 2018 ist in der WM-Ausscheidung geschaffen worden. 37 Spieler hat der Bundestrainer (ohne den stets verletzten Marco Reus) eingesetzt. Der Münchner Dauerbrenner Joshua Kimmich absolvierte als einziger die kompletten 900 Spielminuten. Müller und Wagner waren mit fünf Treffern die besten Schützen. Löw hat einen großen Pool, aus dem er die 23 WM-Kräfte auswählen muss. "Die Tür ist natürlich offen. Manchmal kommt der eine oder andere dazu, mit dem man noch nicht rechnet", sagte er. Vielleicht kommen fast vergessene Klassespieler wie die von vielen Verletzungen geplagten Reus, Ilkay Gündogan oder die Weltmeister Mario Götze und André Schürrle zurück. "Es gibt keinen Grund, irgendwelche Spieler abzuschreiben", sagte der Bundestrainer.

Der fahrige Auftritt in der ersten Hälfte gegen Aserbaidschan offenbarte, dass für das große Ziel in Russland Weltklassespieler wie Manuel Neuer, Toni Kroos, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Mesut Özil oder auch Sami Khedira in Topform benötigt werden. Dazu kommen inzwischen auch Youngster wie Kimmich und der diesmal verletzte Angreifer Timo Werner. Aber werden Talente wie Leroy Sané (21) oder Julian Brandt (21) in acht Monaten schon so weit sein? "Man muss natürlich auch zugestehen, dass manche junge Spieler gewisse Stufen in der Entwicklung durchlaufen. Da funktioniert nicht alles so", sagte Löw.

Am 1. Dezember werden die WM-Gruppen ausgelost. Löw kann den Ernstfall in den kommenden Monaten nur sporadisch proben. Im November wird gegen Spanien und Frankreich oder Holland gespielt, im März gegen Spanien und Brasilien. "Da will ich auch das eine oder andere testen. Die Einspielphase für ein Turnier beginnt erst im nächsten Jahr, wenn wir ins Trainingslager gehen." Spätestens dann wird die WM rund um die Uhr das Denken und Handeln beim Quali-Rekordler bestimmen. Löw: "Nur wir als Weltmeister haben in Russland etwas zu verlieren."