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| 13:05 Uhr

Auszeit
Wie ich mit Stich in Ungarn Wimbledon gewann

Der einstige Tennis-Star Michael Stich wird am Donnerstag 50 Jahre alt. RUNDSCHAU-Reporter Jan Lehmann hat mit ihm 1991 gemeinsam Wimbledon gewonnen – in Ungarn. Von Jan Lehmann
FOTO: DPA / Kai-Uwe_Wärner

Alle wollten Boris Becker sein – ich dagegen immer Michael Stich. Beim Softball-Tennis über die gespannte Schnur auf dem Hof unserer Großeltern lieferte ich mir epische Duelle mit meinem Cousin. Während mein Gegenüber ständig wie wild mit der Becker-Faust rumfuchtelte und sich regelmäßig beim Becker-Hecht die Hosen dreckig machte, ahmte ich den großen Kühlen aus dem Norden nach.

Ein Aufschlag wie ein Pfeil und danach ein wunderbar eleganter Volley am Netz – am besten mit der Rückhand, die Stich virtuos wie einen Geigenbogen strich. Dann ganz lässig umdrehen, die Tennissocken schön hochgezogen, keine Gefühlsregung und weiter. Als der Elmshorner 1991 Wimbledon gewann, war ich gerade im ­Ungarn-Urlaub und vernichtete dort die ausländische Konkurrenz mit meiner nahezu perfekten Rückhandvolley-­Geigenbogen-Stich-Imitation. Es waren wohl die größten Tage in unserer beider Tennis-Karriere –  manchmal kann man Wimbledon eben auch in Ungarn gewinnen.

Für mich war Michael Stich einfach immer der Coole, der nicht so viel Gewese um sich gemacht hat. Bei Becker gab es dagegen immer nur Drama, das ist ja auch noch heute so. Während der Leimener seine ­finanziellen und familiären Probleme öffentlich austrägt, kümmert sich Stich um seine Stiftung, die sich für an Aids erkrankte Kinder und deren Familien einsetzt. Dafür erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Private Eskapaden kennt man von ihm nicht.

Klar kann man jetzt sagen, dass Boris Becker der große deutsche Tennisheld ist – und wegen mir auch bleibt. Zugegeben: Becker hat deutlich mehr Erfolge gesammelt als Michael Stich, dessen besagter Wimbledon-Sieg der einzige Grand-Slam-Titel in seiner Karriere geblieben ist. Und ja, auch die sportliche Bilanz aus den direkten Duellen der beiden deutschen Tennis-Widersacher spricht für Becker: Dort hat er mit 8:4 die Oberhand behalten.

Becker war einfach immer ein bisschen siegeshungriger als Stich.Nur für die epischen Duelle Faust gegen Geigenbogen über Omas Wäscheleine gilt das meiner Erinnerung zufolge natürlich nicht.