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Wenn jedes Kilo zählt

Forst. Die Verpflegungsstation ist in Sichtweite. Noch ein paar Meter quält sich Siegmar Büdner. Sven Hering

Dann nimmt er sich eine kurze Auszeit. Fünf Kilometer hat der 55-Jährige in den Beinen. Die Hälfte ist damit geschafft. Schon. Oder eben erst. "Ich bekomme heute schlecht Luft", erklärt der Läufer. Die Trinkpause nutzt er, um ein wenig durchzuschnaufen. Dann geht es für ihn weiter. Aufgeben ist keine Option. Nicht hier.

Der Vetschauer gehört zu den 35 Teilnehmern, die sich an einem Freitagabend in Forst zu einer ganz besonderen Sportveranstaltung treffen, die es so wohl kein zweites Mal gibt. Beim Gewichtslauf ist nicht alleine die Zeit entscheidend. Sondern diese wird am Ende mit dem Gewicht des Läufers verrechnet.

"Diesen Modus gibt es seit der ersten Auflage im Jahr 1985", erzählt Mitorganisator Thoralf Haß. "Bis auf die Strecke haben wir seitdem nichts verändert." Während überall im Land die Laufveranstaltungen boomen, sich die Organisatoren mit vermeintlichen Innovationen überbieten, halten die Forster an ihrem Konzept fest. Und sind damit erfolgreich.

"Wir hatten mal überlegt, ob wir die Sportler vielleicht in einer Art Einzelzeitrennen auf die Strecke schicken", so Haß. Der Schwerste wäre somit mit seiner Zeitbonifikation als Erster gestartet, der leichteste Läufer zum Schluss. Wer als Erster in Ziel kommt, hätte dann auch gewonnen. Doch diese Idee wurde wieder verworfen.

So müssen die Läufer auch weiterhin auf die Auswertung warten. Doch gerade das ist ein zusätzlicher Spannungsfaktor. Die Zeit wird zudem gern genutzt, um ein wenig zu plaudern. In der Lauffamilie kennt man sich längst.

Ein Kilogramm Gewicht bringt übrigens 30 Sekunden Zeit. Wer also zehn Kilo mehr auf den Rippen hat, der macht fünf Minuten Laufzeit gut. Das ist eine Menge.

Das führt immer wieder dazu, dass plötzlich Läufer ganz oben auf dem Treppchen stehen, die bei keiner anderen Veranstaltung auf der Welt diese Chance hätten.

Haß erinnert sich an einen Urlauber aus Bayern, der von dem Lauf hörte, den Modus interessant fand, sich anmeldete - und gewann. Sein Vorteil waren seine 123 Kilogramm, die er mit sich rumschleppte. "Das konnte kein anderer Läufer ausgleichen", erzählt der Mitorganisator vom LTSV Forst. So gesehen hat Siegmar Büdner ganz gute Karten. Beim öffentlichen Wiegen, das traditionell vor dem Lauf stattfindet, bringt er 113 Kilogramm auf die Waage. Doch den Vetschauer, der zu den Stammgästen der Veranstaltung gehört, plagen diesmal ein paar gesundheitliche Probleme. "Es lief heute nicht ganz so rund", bilanziert er nach dem Zieleinlauf. Gut eine Stunde brauchte er deshalb für die Zehn-Kilometer-Distanz. Das reicht am Ende aber trotzdem noch für den achten Rang.

Der Erfinder des Gewichtslaufes ist der ehemalige Forster Krankenhauschef Detlef Lischka. "Ich hatte damals etwas mehr Gewicht, die Dünnen hatten weniger zu schleppen, beim Lauf war man da chancenlos", erzählt der heute 73-Jährige. Doch mit dem neuen Modus stiegen fortan seine Chancen. "Ich konnte da schon einige Plätze gutmachen", erinnert er sich. "Und ich habe mich diebisch gefreut, wenn ein paar Dünne hinter mir blieben." Am Ende hätten das aber alle Läufer mit Humor genommen. Und so sei es auch noch heute.

Diesmal suchte man den Namen Lischka allerdings vergeblich in der Teilnehmerliste. "Ich war leider verhindert", erklärt er. Im nächsten Jahr wolle er auf jeden Fall wieder mit dabei sein. "Das habe ich mir ganz fest vorgenommen."

Wenn alles nach Plan läuft, wird er dann Siegmar Büdner wiedersehen. Auch der Vetschauer peilt eine Teilnahme bei der 34. Auflage an.

Beide wissen, dass sie vor dem Lauf nicht unbedingt auf Diät gehen müssen. Ganz im Gegenteil. Denn jedes Kilo zählt, bringt in der Endabrechnung eine bessere Platzierung. Das gibt es so nur in Forst.

Zum Thema:
Schnellster Läufer war Torsten Hentschel (HSG Turbine Zittau), der die 10 km in 36:03 min absolvierte. Für den Gesamtsieg reichte diese Zeit jedoch nicht, dafür war er mit 69 kg einfach zu leicht. Am Ende stand Platz 4 für ihn zu Buche. Deutlich langsamer, dafür aber auch schwerer waren die drei Erstplatzierten: Steffen Bär (LTSV Forst 1990) holte sich erstmalig den Sieg beim Forster Gewichtslauf. Seine Laufzeit von 41:49 min sowie sein Gewicht von 89 kg ergaben einen Quotienten von 0,460. Auf Platz 2 folgte Daniel Haberland (Spremberger SV 1862) mit einem Quotienten von 0,482 (Laufzeit 42:23 min/87kg). Nur einen Tausendstel Punkt dahinter erreichte Ingo Busse (LTSV Forst 1990) mit 0,483 und einer Laufzeit von 44:00 min (91kg) Platz 3.Bei den Frauen reichte Kristin Zimmermann (HSG Turbine Zittau) der herausgelaufene Vorsprung, um auch am Ende auf Platz 1 zu stehen. Mit einer Laufzeit von 38:09 min und einem Quotienten von 0,603 (63 kg) gewann sie vor Kerstin Thierfelder (LTSV Forst 1990 - Laufzeit 46:47 min/Quotient 0,638/72kg) und Jeannette Bayer (LTSV Forst 1990 - Laufzeit 49:35 min/Quotient 0,765/64kg).