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Fussball
Live-TV bald vom Sportplatz um die Ecke

So sieht sie aus – die Sporttotal Kamera am Tribünendach. Sie kostet etwa 10 000 Euro und kann dem Ball angeblich automatisch folgen.
So sieht sie aus – die Sporttotal Kamera am Tribünendach. Sie kostet etwa 10 000 Euro und kann dem Ball angeblich automatisch folgen. FOTO: PR / Sporttotal
Cottbus. Fußball-Verbände in Brandenburg und Sachsen wollen mit neuer Technik die Amateurspielklassen im Internet zeigen. Jan Lehmann und Frank Noack

Das klingt nach einer neuen Dimension für den Amateurfußball in der Region: Gibt es bald das Landesliga-Derby zwischen Wacker Ströbitz und dem Kolkwitzer SV, das Landesklasse-Duell zwischen Rot-Weiß Bad Muskau und dem SV Zeißig oder den Kreisoberliga-Kracher zwischen Lok Falkenberg und der Spielvereinigung Finsterwalde als Livestream im Internet zu sehen?

Das ist zumindest der langfristige Plan. Der Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) hat am Dienstag eine großangelegte Kooperation über zehn Jahre mit dem Anbieter Sporttotal.tv vertraglich vereinbart. Auch beim Landesverband in Sachsen steht man kurz vor einem Vertragsabschluss. Künftig sollen dank einer innovativen Kameratechnik Spiele aus den unteren Klassen auf der Streaming-Plattform sporttotal.tv zu sehen sein.

Das wirft einige Fragen auf – die RUNDSCHAU liefert die Antworten.

Wie funktioniert das System? Sporttotal nutzt nach eigenen Angaben eine neuartige 180-Grad-Kamera, die dem Unternehmen zufolge etwa 10 000 Euro kostet.  Deren Innovation ist die Software, die in der Lage ist, dem Spielgeschehen automatisiert zu folgen – ohne jeden Chip in Ball oder Trikot. Ein Kameramann wird also nicht benötigt. Die Kamera ist wetterfest und sendet live via Internet. Sporttotal wirbt damit, dass die Kamera neben der Echtzeit-Videoübertragung der Spiele auch  eine automatische Aufzeichnung gestattet sowie Einzelclips zur Auswertung der Leistungen einzelner Spieler oder Trainingsanalysen erstellen kann.

Was wird dem Zuschauer geboten? Der hiesige Fußballfan kann zum Beispiel über die kostenlose App selbst Regie bei der Übertragung vom Sportplatz um die Ecke führen, die Perspektive bestimmen und Szenen direkt in sozialen Netzwerken teilen. Die Nutzung von sporttotal.tv sei kostenfrei, hieß es, weil das digitale Angebot werbefinanziert sei. Große Partner wie die Allianz, die Deutsche Post  sowie die Telekom sorgen für viel Finanzkraft im Hintergrund.

Was müssen die Vereine tun? Jeder einzelne Amateurclub muss einen Vertrag mit Sporttotal abschließen und 9,90 Euro pro Monat bezahlen. Im Gegenzug installiert die Firma die Kameratechnik, die auf einem Tribünendach oder einem Flutlichtmasten angebracht wird. Alexander Neyer von Sporttotal erklärte auf RUNDSCHAU-Nachfrage: „Wenn nötig, installieren wir auch die Stromversorgung, den Internetzugang und stellen auch einen Übertragungsmasten auf.“ Er weist daraufhin, dass die Vereine auch noch die Stromkosten für den Betrieb der Kamera übernehmen müssten, das seien 20 bis 25 Euro pro Jahr.

Was sagen die Landesverbände? Dort steht man dem Angebot sehr aufgeschlossen gegenüber. Das ist wenig verwunderlich, schließlich hat Sporttotal bereits im Juli mit dem Dachverband DFB eine zehnjährige Kooperation vereinbart. „Der Fußball-Landesverband als Heimat des Amateurfußball unterstützt dieses Vorhaben engagiert“, macht Brandenburgs Verbandspräsident Siegfried Kirschen deutlich und betont. „Wir sind in unserem Landesverband mit Spitzenvereinen leider nicht reich gesegnet, deshalb habe ich mich persönlich dafür eingesetzt, nach der Oberliga auch unsere höchste Landesspielklasse in das Projekt einzubinden.“ Vom sächsischen Landesverband war zu hören, dass es schon die erste Informationsveranstaltung für die Vereine gegeben habe. Ein Sprecher berichtete: „Die Verantwortlichen waren sehr angetan.“

Wie weit ist die Verbreitung? In einer Pilotphase hat sporttotal.tv in der Rückrunde der Saison 2016/2017 Spiele aus der Regionalliga Nord, der Oberliga Niedersachsen sowie den Bayernligen Nord und Süd übertragen. Schrittweise folgen nun deutschlandweit weitere Amateurligen. Alexander Neyer von Sporttotal berichtet: „Wir beschäftigen uns derzeit mit den Vereinen von der vierten bis zur sechsten Liga.“ Im kommenden Sommer wolle man dann die siebte Ebene in Angriff nehmen.

Welche Vereine in der Region machen mit? Während es in Sachsen noch keine konkreten Pläne gibt, soll es in Brandenburg schnell losgehen. Die erste Kamera soll in der Winterpause beim Brandenburgligisten Ludwigsfelder FC – dem kommenden Pokalgegner des FC Energie Cottbus – angebracht werden. FLB-Sprecherin Silke Wentingmann-Kovarik berichtet, dass auch Brandenburgliga-Aufsteiger Grün-Weiß Lübben definitiv mitmachen werde. Von Sporttotal aus Köln war zudem zu hören, dass es beim BSV Guben-Nord schon eine Vorbesichtigung zur Anbringung der Kamera gab.

Droht den Clubs der Zuschauerschwund? Etwaigen Befürchtungen, die Live-Übertragungen könnten zu Lasten der Zuschauerzahlen gehen, tritt man bei Sporttotal natürlich entgegen. Mitarbeiter Ben Lesegeld, der den Brandenburgligisten die Technik in einer Infoveranstaltung anbot, erklärte: „Aus 400 Übertragungen haben wir gelernt, dass die Vereine unser Projekt eher als Zusatzangebot betrachten und dadurch ihre Attraktivität steigern.“