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Tour-Held Kittel – Sturz zerstört seinen Traum

Marcel Kittel war am Mittwoch schon nach wenigen Kilometern gestürzt und zog sich schmerzhafte Verletzungen am Arm und an der Schulter zu.
Marcel Kittel war am Mittwoch schon nach wenigen Kilometern gestürzt und zog sich schmerzhafte Verletzungen am Arm und an der Schulter zu. FOTO: dpa
Serre Chevalier. Die so fantastisch verlaufene 104. Frankreich-Rundfahrt ist für den fünfmaligen deutschen Etappensieger schmerzhaft beendet. Stefan Tabeling und Andreas Zellmer

Marcel Kittel erlebte den ersten Schlagabtausch in den Alpen mit dem Überraschungs-Coup des früheren Skispringers Primoz Roglic bereits im Hotel. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hatte der deutsche Tour-Held, der in Frankreich bereits als "Le Kaiser" gefeiert wurde, nach einem frühen Sturz bei der 104. Tour de France aufgeben müssen. Kein sechster Etappensieg, kein Grünes Trikot in Paris - der Traum vom krönenden Abschluss endete für den in den Massensprints überragenden Supersprinter Kittel am Mittwoch vorzeitig auf dem harten Asphalt.

Dafür bekam Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron bei seiner ersten Stippvisite auf der 183 Kilometer langen 17. Etappe von La Mure nach Serre Chevalier zwar keinen Heimsieg, aber einen starken Lokalmatador Romain Bardet zu sehen. Der Vorjahreszweite attackierte beim Anstieg zum 2642 Meter hohen Col du Galibier mehrmals den britischen Spitzenreiter Chris Froome. Der dreimalige Tour-Champion hatte aber stets eine Antwort parat und verteidigte sein Gelbes Trikot erfolgreich. Bei der Kletterpartie wurde sogar der bisherige Zweite Fabio Aru aus Italien abgehängt. Damit liegt Froome nun 27 Sekunden vor den zeitgleichen Bardet und Rigoberto Uran aus Kolumbien.

Den Tagessieg holte sich aber mit 1:13 Minuten Vorsprung der Slowene Roglic, der bereits früh mit dem spanischen Altstar Alberto Contador und weiteren Fahrern ausgerissen war. Am Galibier setzte sich der starke Zeitfahrer schließlich ab und ließ sich von den Favoriten nicht mehr einholen. Eine kuriose Karriere hat Roglic hinter sich, 2007 war er noch Mannschafts-Weltmeister im Skispringen, ehe er zum Radsport wechselte.

Für Kittel endete dagegen die so traumhaft verlaufene Tour schmerzhaft. Der 29-Jährige vom Quick-Step-Team war am Mittwoch bereits nach wenigen Kilometern in einen Sturz mit mehreren Fahrern verwickelt worden. Kittel fiel auf die rechte Seite und musste am medizinischen Begleitfahrzeug behandelt worden. Aufgeben kam zunächst nicht in Frage, den Col d'Ornon und den Col de la Croix Fer nahm er noch in Angriff. Doch die Schmerzen an Arm und Schulter waren zu groß. Der Sturz war gar so heftig, dass er das Rad und seinen rechten Schuh wechseln musste.

"Er hatte keine gravierenden Verletzungen", sagte Tour-Ärztin Florence Pommerie, und Teamsprecher Alessandro Tegner bestätigte: "Marcel ist schwer gestürzt, aber hat offensichtlich nichts gebrochen."

Damit verlässt der beste Sprinter der Tour 2017 das Peloton. Mit fünf Etappensiegen hatte er deutsche Rekorde purzeln lassen und Uralt-Bestmarken von Eddy Merckx ins Wanken gebracht. Und in diesem Jahr war die Chance auf das erste Grüne Trikot eines deutschen Radprofis seit Erik Zabel 2001 zum Greifen nah - zumal der ausgeschlossene Seriensieger Peter Sagan nicht mehr im Feld war. Mit einem Vorsprung von 29 Punkten auf den Australier Michael Matthews war Kittel auf die fünftletzte Etappe gegangen. Der Australier eroberte nun kampflos Grün.

Noch am Ruhetag am Montag in Saint-Ètienne hatte Kittel Zuversicht ausgestrahlt. "Das Grüne Trikot wäre ein Traum, der wahr werden würde. Ein Traum, den ich eigentlich schon abgehakt hatte", hatte Kittel betont. Dafür wollte er sich auch über die Bergriesen quälen. "Ich freue mich nicht wahnsinnig auf die Alpen, aber es ist die letzte große Hürde. Das Ziel Grün bringt mich darüber."

Kittel hatte aber auch immer wieder angemerkt, wie schnell nach einem Sturz alles vorbei sein kann. So kam es dann auch. Wie bei seiner ersten Tour-Teilnahme im Jahre 2012, als er krank wurde, erreichte der Wahl-Schweizer die Champs Èlysees in Paris nicht mehr. Trotzdem zählt er zu den ganz großen Siegern dieser Rundfahrt. In Lüttich, Troyes, Nuits-Saint-Georges, Bergerac und Vittel hatte er die Konkurrenz mit zum Teil spielerischer Leichtigkeit düpiert.

Der Kampf um den Gesamtsieg geht indes weiter. Froome zeigte sich erneut stark und eroberte durch den dritten Platz hinter Roglic und Uran sogar noch vier Sekunden Zeitgutschrift. Damit bleibt seinen Rivalen nur noch eine realistische Chance, den Briten bei der Tour zu entthronen: Am Donnerstag bei der Bergankunft auf dem Col d'Izoard. Das abschließende Zeitfahren über 22,5 Kilometer spricht für Froome.

Mit dem slowenischen Ausreißer Primoz Roglic entschied am Mittwoch ein ehemaliger Skispringer die 17. Etappe für sich.
Mit dem slowenischen Ausreißer Primoz Roglic entschied am Mittwoch ein ehemaliger Skispringer die 17. Etappe für sich. FOTO: dpa