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Testosteron-Debatte? "Keine Zeit für Unsinn"

Seit der WM 2009 wird über die robuste Läuferin Caster Semenya (r.) diskutiert. Wegen ihrer Testosteronwerte soll sie einen Vorteil gegenüber anderen Athletinnen haben. Es gibt bisher aber keine eindeutige Regelung dazu.
Seit der WM 2009 wird über die robuste Läuferin Caster Semenya (r.) diskutiert. Wegen ihrer Testosteronwerte soll sie einen Vorteil gegenüber anderen Athletinnen haben. Es gibt bisher aber keine eindeutige Regelung dazu. FOTO: dpa
London. Hanna Klein und Caster Semenya standen nach dem 1500-Meter-Finale in den Katakomben des Londoner Olympiastadions nicht weit voneinander entfernt. Die zierliche Deutsche und die robuste Südafrikanerin trennen aber Welten. Andreas Schirmer

Was sie allein vereint, ist ihr Debüt über diese Distanz bei der Leichtathletik-WM in London - und der gegenseitige Respekt. "Sie geht an den Start, obwohl sie so in der Kritik steht", meinte die 24-jährige gebürtige Landauerin. Dafür sollte man sie auch bewundern. Und das tue ich."

Die Doppel-Olympiasiegerin über 800 Meter gewann bei ihrem WM-Einstand über 1500 Meter in 4:02,90 Minuten hinter Faith Chepngetich Kipyegon (Äthiopien/4:02,59) und Jennifer Simpson (USA/4:02,76) Bronze - und wurde danach von der Debatte um ihr Geschlecht eingeholt. "Das ist Quatsch. Ich habe keine Zeit, mich mit so einem Unsinn zu beschäftigen", antwortet die 26-Jährige auf entsprechende Fragen. "Ich bin eine Athletin. Das ist mein Job. Für mich geht es darum, dass ich gesund bin."

Der Weltverband IAAF steht dagegen vor der schweren Aufgabe, Chancengleichheit im Wettkampf und die Würde von Athletinnen mit hohen männlichen Testosteronwerten zu wahren. Eine von der IAAF in Auftrag gegebene Studie zum sogenannten Hyperandrogenismus hatte ergeben, dass Frauen mit hohen Testosteronwerten einen Vorteil unter anderem über 800 Meter von 1,8 bis 4,5 Prozent gegenüber Frauen mit normalem Androgenspiegel haben. Dies würde über 800 Meter ungefähr einen Unterschied von zwei Sekunden ausmachen, über 1500 Meter mehr.

Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hatte im Juli 2015 eine IAAF-Regel mit Testosterongrenzwerten für zwei Jahre aufgehoben und eine wissenschaftliche Untersuchung gefordert, um eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu haben. Nach der WM muss der CAS nun entscheiden, ob Caster Semenya - die seit ihrem WM-Sieg 2009 in Berlin von dieser Debatte begleitet wird - weiter gegen Frauen laufen darf.

"Das Gutachten der IAAF zeigt, dass Handlungsbedarf besteht. Man muss eine vernünftige Regelung finden", sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Nach Ansicht des früheren US-Weltrekordläufers Michael Johnson wird es nicht einfach sein, dabei auch Semenya und anderen ähnlich veranlagten Sportlern gerecht zu werden: "Es ist nicht Caster Semenyas Fehler, und man kann ihr das Recht zu starten nicht einfach nehmen."

Die Südafrikanerin hat in den vergangenen Jahren die 800 Meter dominiert und war am 21. Juli 2016 in Monte Carlo über diese Distanz in 1:55,27 Minuten persönliche Bestzeit gelaufen. Vom 34 Jahre alten Weltrekord der Tschechin Jarmila Kratochvilova (1:53,28) ist sie noch knapp zwei Sekunden entfernt.

Wenn Semenya an diesem Donnerstag über 800 Meter bei der WM die Jagd auf Gold aufnimmt, wird die Diskussion um sie weitergehen. "Für mich ist das keine große Sache", meinte die Südafrikanerin selbstbewusst. "Ich bin eine starke Frau und kann damit umgehen."

Für Hanna Klein war im WM-Finale über 1500 Meter das Semenya-Thema ("Sie soll eine sehr nette Dame sein") und die Konkurrenz noch ganz weit weg. Dennoch war sie glücklich und zufrieden mit dem vorletzten Platz und 4:06,22 Minuten. "Ich bin nicht Letzte geworden und habe die frühere Weltmeisterin Genzebe Dibaba geschlagen", sagte sie. "Damit habe ich es auch verdient, im Finale gewesen zu sein."