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| 08:49 Uhr

Tauziehen um den Handball-Nachwuchs

Die A-Jugend (hier Jonathan Weske/l.) verpasste den Bundesliga-Klassenerhalt. Auf die Quali-Runden verzichtete der Verein – aus Kostengründen.
Die A-Jugend (hier Jonathan Weske/l.) verpasste den Bundesliga-Klassenerhalt. Auf die Quali-Runden verzichtete der Verein – aus Kostengründen. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Eine Infoveranstaltung an der Lausitzer Sportschule zeigt, wie zerstritten die Lager in der Kontroverse mit dem LHC Cottbus sind. Wolfgang Swat

Ein Viertel Jahr ist es nun her, als die Mitteilung des LHC Cottbus, dass er nicht mehr mit der Lehrertrainerin an der Lausitzer Sportschule und Leiterin des Handball-Leistungsstützpunktes in Cottbus, Diane Brucke, sowie Landestrainer René Althaus zusammenarbeiten werde, ein Beben im Cottbuser Nachwuchshandball auslöste. Ein seit Jahren schwelender Konflikt war offen ausgebrochen. Schule, Olympiastützpunkt (OSP), Handballverband Brandenburg (HVB) und LHC müssen sofort an einen Tisch, um Schadensbegrenzung zu betreiben, forderte die RUNDSCHAU damals. Mitte Juni setzten sich Vertreter des Sportministeriums, des OSP, des HVB und der Schulleiter der Lausitzer Sportschule zusammen und einigten sich auf Maßnahmen zur Rettung des Handball-Stützpunktes in Cottbus (die RUNDSCHAU berichtete exklusiv). Diese "Elefantenrunde", wie sie der Vizepräsident Leistungssport des HVB, Alexander Haase, bezeichnete, traf sich dieser Tage nun mit Eltern der Sportschüler zu einer Informationsveranstaltung in der Aula der Cottbuser Sportschule, zu der Schulleiter Wolfgang Neubert eingeladen hatte. Neubert versicherte eingangs, dass "alles, was die Schule in der Handball-Ausbildung zu tun hat, auch im neuen Schuljahr geleistet wird, egal, ob sie beim LHC spielen oder nicht". Neubert unterstrich aber auch, dass für ihn die "Sinnhaftigkeit nicht erkennbar ist, wenn Cottbuser Sportschüler in anderen Vereinen spielen."

Bekannt wurde inzwischen - unter anderem durch eine Veröffentlichung auf der Internetseite des Landesstützpunktes -, dass insgesamt 16 Cottbuser Handballer, die von Lehrertrainerin Diane Brucke betreut werden, die C- und B-Jugend des Grünheider SV in der Oberliga beziehungsweise Brandenburgliga verstärken. Der Vater eines Schülers hat den Deal mit Grünheide nach eigener Aussage "kurzfristig mit meiner Sektionsleiterin" in die Wege geleitet.

Damit ist bereits eine der Entscheidungen, die die "Elefantenrunde" im Juni getroffen hatte, ausgehebelt. Unstimmigkeit zwischen Schule und dem HVB gibt es allerdings auch in der Frage, welche Klassen durch die Lehrertrainer Brucke/Melzer betreut werden. "Ich lass mir doch als Schulleiter nicht vorschreiben, wer wo unterrichtet, da dies letztendlich in der Entscheidung der Schule liegt", grantelte Neubert.

Vizepräsident Alexander Haase bekräftige dennoch, dass der HVB weiterhin zu den Festlegungen stehe. Dazu gehöre, dass die "Kooperationsvereinbarung mit dem stützpunkttragenden Verein LHC Cottbus umzusetzen ist" und das "alle an der Lausitzer Sportschule aufgenommenen Handballer in den Ausbildungsmannschaften des LHC am Spielbetrieb teilnehmen." Die Aussage, dass abtrünnige Schüler das "Recht auf Förderung im Nachwuchsleistungssport" verlieren würden, relativierte er jedoch.

LHC-Präsident Peter Gronem widersprach Vorwürfen in der Öffentlichkeit, dass der Verein sich nur noch dem Breitensport verschreiben will. "Wir haben nie ernsthaft daran gedacht, keinen Leistungssport zu machen und wollen auch Stützpunkt tragender Verein bleiben", versicherte er, erntete dafür allerdings Gelächter von einem Teil der gut 60 in der Aula versammelten Eltern. "Warum dann die Teilnahme an der Qualifikation zur Handball-Bundesliga der A-Jugend abgesagt wurde, obwohl anderes versprochen war", wollten aufgebrachte Mütter und Väter wissen. Als Gronem dafür "finanzielle Zwänge angab", kam es zu heftigen Reaktionen. "Ich kann nicht nachvollziehen, dass Jungs wegen fehlenden Geldes die Perspektive verloren haben", war nur eine Meinung. "Man hätte mit uns ja sprechen können. Bestimmt hätten Eltern Geld dazugegeben", sagte eine Mutter, die dafür lautstarken Beifall erhielt. Andere Eltern klagten, dass beim LHC "Männer schick eingekleidet" seien, sie für ihre Kinder aber alles selbst bezahlen müssten - wie Sportkleidung, Fahrtkosten, Unterbringung, Trainingslager.

HVB-Vize Alexander Haase, der gleichzeitig als Landestrainer in Potsdam tätig ist, erklärte, dass auch in Potsdam zum Beispiel Trainingslager "voll von den Eltern bezahlt werden" müssten.

Beifall, Zustimmung, Murren oder Unmutsbekundungen kamen stets immer nur von einem Teil der Anwesenden, egal ob es um Training, Spiel oder Leistungsbewertung ging oder um Meinungen, mit dem LHC hätte es keinen Zweck mehr und man sollte einen neuen Verein gründen, der sich nur mit der Nachwuchsförderung beschäftige. Schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass es, wie im Verhältnis der Lehrertrainer Brucke/Melzer untereinander und zum Verein LHC auch zwischen den Eltern tiefe Risse gibt. So sagte eine Mutter, dass ihr Sohn, der großen Spaß am Handball habe, diesen verliere, weil er sich "als zweitklassig behandelt" fühle. "Wir lassen an dieser Schule keinen fallen", widersprach Neubert. Gleichzeitig räumte er ein: "Ich bin schockiert über die zwei Lager, die es gibt." Er sprach angesichts der aktuellen Situation von einem "Übergangsjahr" und fügte an: "Für das Schuljahr 2018/2019 muss es das Ziel sein, dass alle Sportschüler wieder in Cottbus spielen." Aus seiner Sicht habe die Aussprache "für den LHC eine zweite Chance eröffnet, um Cottbus als traditionsreichen Standort und als Wiege des Handball-Leistungssports in Brandenburg zu erhalten und zu bewahren."

Wichtige Fragen zu den einzelnen Kosten
Dürfen Sportschüler, die in anderen Vereinen wie Grünheide spielen, weiter Sportstätten und Internat in Cottbus nutzen?
Jan Gloßmann, Sprecher der Stadtverwaltung Cottbus: "Ein klares Ja. Solange sie Schüler der Lausitzer Sportschule sind, ändern sich die Nutzungsbedingungen für die Sportstätten und auch das Haus der Athleten nicht."

Müssen Eltern von Nachwuchsspielern beim LHC alles selbst bezahlen?
"Nein", sagt der Verein. Nach dessen Angaben hat der LHC im Jahr 2016 insgesamt 22 000 Euro aus eigenen Mitteln aufgebracht. Fördergelder sind in dieser Summe nicht enthalten. Davon entfallen unter anderem auf Reisekosten der männlichen Jugend 4031 Euro, Verpflegung 1559 Euro, Eintrittsgelder für Freizeitaktivitäten 239 Euro, Abrechnung Tanken 4467 Euro, Startgelder 1139 Euro, Schiedsrichterkosten 5942 Euro, Sporttaschen für die A-Jugend 343 Euro.

Wie sieht es mit Trikots aus?
Die oben genannte Aufstellung der Kosten berücksichtigt nicht den Kauf von Bekleidung, die von Eltern teilfinanziert wurden. Zuzahlungen der Eltern betragen bei Kindern und Jugendlichen in den Klassen C1 und B2 jeweils 25 Euro, bei denen in den Klassen B1 und C2 je 50 Euro. Pro Kind kostet der Satz mit zwei Trikots und einer Hose etwa 100 Euro. Die Kosten belaufen sich laut LHC zu 70 Prozent auf Aufwendungen für die männliche A-Jugend.