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Süßstoff kann sogar dicker machen

Cottbus. Forscher haben untersucht, wie sich Süßstoffe auf Mensch und Tier auswirken. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Süßstoffe die Bakterien im Darm bedenklich beeinflussen.

(nn) Künstliche Süßstoffe sind Ersatzstoffe für Zucker und übertreffen dessen Süßkraft deutlich. Aspartam zum Beispiel ist 200-mal süßer als Zucker, Saccharin mindestens 300-mal und Sucralose sogar 600-mal. Im Gegensatz zu Zucker enthalten die Süßstoffe kaum Kalorien. Doch deshalb machen oder halten sie noch lange nicht schlank. Denn sie können über eine Störung der Darmbakterien sogar den Blutzucker erhöhen und damit das Gewicht und das Diabetesrisiko steigern. Das legen Forschungsergebnisse aus Tierversuchen und an freiwilligen Versuchspersonen nahe.

Ein Forscherteam am israelischen Weizmann-Institut hat untersucht, wie sich die Süßstoffe Saccharin, Aspartam und Sucralose auf Mäuse auswirken. Elf Wochen lang wurden die Stoffe ins Trinkwasser gegeben. Am Ende waren die Blutzuckerwerte der Tiere angestiegen. Ihre Werte waren deutlich schlechter als die von Mäusen, denen reines Trinkwasser zur Verfügung gestanden hatte. Und sie waren schlechter als die von Mäusen, die Zuckerwasser getrunken hatten. Die Effekte konnten sowohl bei normalgewichtigen als auch bei vorher gemästeten Tieren nachgewiesen werden.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Süßstoffe die Bakterien im Darm beeinflussen. Genetische Untersuchungen zeigten, dass die Süßstoffe die Bakterienzusammensetzung im Darm verändert hatten. Bakterien, die verstärkt Kohlenhydrate (Zucker) abbauen, hatten sich vermehrt. Der zusätzliche Zucker könnte zu der gestörten Glukosetoleranz geführt haben. Diese gilt als Vorstufe von Diabetes.

Um ihre Ergebnisse zu erhärten, transplantierten die Forscher die Darmausscheidungen von Tieren, die mit Süßstoffen gefüttert worden waren, in Mäuse, die keimfrei aufgezogen worden waren und noch nie künstliche Süßstoffe verzehrt hatten. Nach der Stuhltransplantation war auch die Glukoseverarbeitung der bislang gesunden Mäuse gestört. Es zeigte sich zudem, dass bestimmte Bakterien auch vermehrt Fettsäuren bildeten. Insgesamt führten die Süßstoffe also dazu, dass sich im Darm Bakterien vermehrten, die imstande sind, aus der Nahrung mehr Kalorien zu ziehen. So können Süßstoffe nicht wie erhofft dazu beitragen, Gewicht zu verlieren. Im Gegenteil, sie tragen zur Vermehrung des Hüftgolds bei.

Zu ähnlichen Ergebnissen führte eine Ernährungsstudie mit Menschen. Keiner der 380 Teilnehmer litt unter Diabetes, keiner war krankhaft übergewichtig. Die Probanden, die größere Mengen von Süßstoff konsumierten, wiesen letztlich schlechtere Blutzuckerwerte auf. Auch ihre Darmflora war verändert, die Verwertung von Glukose gestört. Zudem legten die Konsumenten von Süßstoffen deutlich an Gewicht zu.

Ein weiteres Experiment sollte beweisen, dass ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Süßstoffen und einer veränderten Darmflora besteht. Sieben gesunde Probanden, die normalerweise keinen Süßstoff zu sich nahmen, erhielten jeden Tag die Dosis an Saccharin, die die US-Lebensmittelbehörde als Maximum empfiehlt: fünf Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Nach sieben Tagen war die Verwertung von Glukose bei vier der sieben Probanden gestört, ihre Blutzuckerwerte hatten sich verschlechtert und ihre Darmflora war verändert. Als der Stuhl der auffälligen Teilnehmer in gesunde Mäuse transplantiert wurde, veränderte sich auch deren Darmflora.

Aus den Studienergebnissen zieht die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie den Schluss, dass künstliche Süßstoffe kein geeignetes Mittel seien, um das Gewicht zu halten oder gar um abzunehmen. "Doch gerade übergewichtige Menschen greifen häufig zu synthetischen Süßungsmitteln, um ihre Kalorienzufuhr zu drosseln", sagt der Endokrinologe Professor Dr. Klaus Döhler aus Hannover. "Die meisten machen die Erfahrung, dass sie wider Erwarten eher zu- als abnehmen." Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zeigten, dass mit Süßstoffen keine deutliche Gewichtsabnahme erzielt werde, sagt der Experte. "Sie werden deshalb von Ärzten nicht als Diätmittel verordnet."

Professor Dr. Helmut Schatz, Bochum, weist darauf hin, dass Süßstoffe, die nicht nur in Diät- oder Light-Getränken enthalten sind, sondern auch immer häufiger Fertignahrungsmitteln zugesetzt werden, nach zeitweisen Vorbehalten in den letzten Jahrzehnten als unbedenklich galten. "Diese Einschätzung kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Übergewichtige Menschen, die mit Süßmitteln ihr Körpergewicht senken wollen, müssen wissen, dass sie nach den neuen Forschungsergebnissen damit möglicherweise ihr Diabetesrisiko sogar erhöhen." Um Übergewicht zu reduzieren, sollte die Ernährung ausgewogen sein, reichlich aus Obst und Gemüse sowie Zucker in Maßen bestehen und täglich um 500 Kilokalorien verringert werden. Dies entspreche den aktuellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Adipositas, an denen auch die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie mitgewirkt habe, erklärt Helmut Schatz.

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