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| 12:00 Uhr

Kegelsport
Kegeln – ein aussterbender Sport?

Alle Neune auf Wettkampfniveau – in Brandenburg sind mehr als die Hälfte der Kegler älter als 50 Jahre.
Alle Neune auf Wettkampfniveau – in Brandenburg sind mehr als die Hälfte der Kegler älter als 50 Jahre. FOTO: dpa / Klaus-Dietmar Gabbert
Arnsdorf. Zwei Frauen aus Arnsdorf haben sich für die Deutschen Meisterschaften qualifiziert. Damit setzt sich ein erfolgreiches Jahr für die Brandenburger Kegler fort. Doch die Sportart hat immer weniger Mitstreiter – die immer älter werden. Von Daniel Friedrich

Leise surrt die Kugel über die Bahn. Dann rumpelt es laut, einem Gewitter gleich. Wer ein glückliches Händchen hat, bei dem mischt sich in das Grollen am Ende der Bahn eine helles Klingeln: Alle Neune! Immer mittwochs herrscht auf der Kegelanlage in Arnsdorf bei Ruhland Hochbetrieb. 100 Sportler zählt der örtliche Sportverein, darunter gibt es 60 Kegler. Viele von ihnen sind Freizeitsportler, die vor allem wegen der Gemeinschaft hier herkommen. Andere nehmen ihre Sache ernster und treten sogar bei Meisterschaften an – mitunter ziemlich erfolgreich. So kommen vom Arnsdorfer Sportverein zwei frischgebackene Landesmeisterinnen im Kegeln: Birgit Wernicke (54) und Irka Korpjuhn (65) haben kürzlich bei den Seniorenmeisterschaften in Spreenhagen (Landkreis Oder-Spree) jeweils den ersten Platz ihrer Altersklasse belegt.

Bereits auf Kreisebene hatten beide einen guten Lauf und qualifizierten sich dann in mehreren Durchgängen auch bei den Landesmeisterschaften. Der Modus: 60 Volle (bei jedem Wurf ein volles Kegelfeld)  und 60 Räumer (solange, bis alle Kegel gefallen sind). Bewertet wird nicht nur die Zahl des getroffenen Holz, wie die Kegel auch genannt werden, weil sie früher einmal aus Holz gefertigt wurden, sondern auch die Zahl der geworfenen Kugeln sowie die benötigte Zeit. „Es geht dort wirklich streng zu“, erzählt Birgit Wernicke. Die Schiedsrichter würden auf ein striktes Alkohol- und Zigarettenverbot achten. Zudem müssten alle Teilnehmer eine Dopingbescheinigung vorlegen.

Besonders ist auch, dass die beiden keinen Trainer dabei haben. „Wir kennen uns schon lange und feuern uns gegenseitig an. Ehrgeiz ist wichtig“, wirft Irka Kropjuhn ein. Und wie sieht es mit Glück aus? „Glück kann man nicht sagen“, meint die Arnsdorferin. „Es kommt zu 90 Prozent auf den Kopf an.“ Nullwürfe, also die berüchtigten Ratten, gäbe es so gut wie nie. Und einen nennenswert muskulösen Oberarm hätten sie auch nicht.

Die beiden Keglerinnen trainieren wöchentlich auf der vereinseigenen Bahn im örtlichen Sportlerheim. Birgit Wernicke ist seit 18 Jahren dabei, Irka Korpjuhn hält dem Kegelsport schon mehr als doppelt so lang die Treue. Bereits als Kind hat sie auf der einstigen Kegelbahn im Schwarzheider Wandelhof die Kegel aufgestellt und die Kugeln zurückgerollt. „Damals gab es noch keine Elektronik, da musste man alles per Hand machen“, erinnert sie sich.

Glückliche Landesmeisterinnen: Irka Korpjuhn und Birgit Wernicke (v.l.) vom SV Arnsdorf haben sich als Brandenburgs Seniorenmeister für die Deutschen Kegelmeisterschaften in Öhringen (Baden-Württemberg) qualifiziert.
Glückliche Landesmeisterinnen: Irka Korpjuhn und Birgit Wernicke (v.l.) vom SV Arnsdorf haben sich als Brandenburgs Seniorenmeister für die Deutschen Kegelmeisterschaften in Öhringen (Baden-Württemberg) qualifiziert. FOTO: LR / Daniel Friedrich

Heute, ein paar Jahrzehnte und viele Pokale später, ist das freilich anders. Die Arnsdorfer Anlage mit ihren vier Bahnen ist 1999 umfassend modernisiert und für den Ligabetrieb fit gemacht worden. Die Kugeln rollen automatisch zurück, die Kegel stellen sich selbst wieder auf und die Punkte zählt ein Computer zusammen. „Alle haben damals Geld dazu gegeben, sonst hätten wir uns das nicht leisten können“, erzählen die beiden.

Doch der Kegelsport erlebt seit einiger Zeit einen kontinuierlichen Mitgliederrückgang. Waren im Jahr 2010 noch über 8200 Mitglieder in Brandenburger Kegelvereinen angemeldet, waren es Anfang dieses Jahres noch knapp 6800. Rund ein Fünftel der Kegler sind Frauen. In Sachsen gingen die Mitgliederzahlen im gleichen Zeitraum um rund 30 Prozent zurück. Hinzu kommt ein vergleichsweise hoher Altersschnitt, der sich nicht nur in Arnsdorf bemerkbar macht. Es wird kolportiert, dass es beim Kegeln überdurchschnittlich viele Todesfälle gibt – was schlichtweg am Alter der Sportler liegen soll. Statistisch belegen lässt sich das nicht, aber: „Über die Hälfte unserer Mitglieder ist tatsächlich älter als 50 Jahre“, bestätigt Udo Sandow, Geschäftsführer des Sportkeglerverbandes Brandenburg.

Ist Kegeln also eine aussterbende Sportart? Nein, meint Sandow. „Auch andere Sportarten verlieren an Mitgliedern. Die Tendenz geht überall eher zu individuellen Aktivitäten und Menschen wollen sich seltener an einen Verein binden“, schätzt der Verbandschef ein. Trotz der weniger werdenden Mitglieder sei etwa der Jugendbereich der Brandenburger Kegler stabil aufgestellt und erfolgreich. So haben Fiona Karl aus Lauchhammer und Jasmin Mohr aus Elsterwerda bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in München Goldmedaillen geholt. Weitere junge Südbrandenburger Einzelstarter und Teams kamen ebenfalls auf das Siegertreppchen. „Wir waren noch nie so erfolgreich wie in diesem Jahr“, fasst Verbandschef Udo Sandow zusammen.

Ihr Bundesland erfolgreich vertreten wollen auch die Arnsdorfer Keglerinnen bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften. Sie finden am 23./24. Juni in Öhringen (Baden-Württemberg) statt. Weil der Termin allerdings mitten in einen lang geplanten Urlaub fällt, wird Irka Korpjuhn nicht dabei sein. Für sie rückt die Zweitplatzierte nach.