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| 10:13 Uhr

Spitzensport in Farben und Formen

Steffen BlochwitzIn der Collage „Spurwechsel“ hat Anette Lehmann-Westphal ihre Eindrücke von der Begegnung mit Gerd Audehm verarbeitet. Das leere Siegerpodest weist darauf hin, dass Audehm stets ein „Wasserträger“ – also Helfer der Radsport-Stars – gewesen ist. Unten steht die 151 als letzte Startnummer seiner Karriere beim Team Nürnberger. Der Radfahrer im Licht und der Fahrer im Dunkeln weisen auf den schicksalhaften Bruch im Leben des Gerd Audehms hin. Seit einem Herzstillstand hat er sein Kurzzeitgedächtnis verloren.
Steffen BlochwitzIn der Collage „Spurwechsel“ hat Anette Lehmann-Westphal ihre Eindrücke von der Begegnung mit Gerd Audehm verarbeitet. Das leere Siegerpodest weist darauf hin, dass Audehm stets ein „Wasserträger“ – also Helfer der Radsport-Stars – gewesen ist. Unten steht die 151 als letzte Startnummer seiner Karriere beim Team Nürnberger. Der Radfahrer im Licht und der Fahrer im Dunkeln weisen auf den schicksalhaften Bruch im Leben des Gerd Audehms hin. Seit einem Herzstillstand hat er sein Kurzzeitgedächtnis verloren. FOTO: mbFoto: Martin Lehmann
Finale der Viererverfolgung auf der Radrennbahn 1988 in Seoul, Weltmeisterschaften im Straßeneinzelrennen in Goodwood 1982 – bewegende Momente für die Fahrer, die dort alles gaben. Lausitzer Künstler haben diese Erlebnisse gemeinsam mit den Radlegenden der Region auf Leinwand verewigt. Heute werden die entstandenen Werke beim Neujahrsempfang des Unternehmerverbandes Berlin-Brandenburgs versteigert. Von Christian Mathea

Mittlerweile ist der Cottbuser Nachwuchskünstler Marcel Leichtle zu einem Fachmann des Radsports geworden. Die legendäre Geschichte des DDR-Bahnrad-Vierers auf der 4000-Meter-Strecke bei Olympia 1988 in Seoul erzählt er, als wäre er live dabei gewesen. „Das Team um Steffen Blochwitz ist damals nur knapp an der Goldmedaille vorbeigefahren. Es fehlten nur sieben Zehntel bis zum Sieg. Und die DDR-Funktionäre haben im Nachhinein gesagt, dass die Silbermedaille nichts wert ist“ , sagt der junge Künstler mitfühlend. „Die hatten doch vom Radsport keine Ahnung.“
Für Sport habe er sich zwar schon vorher interessiert, so Leichtle, doch erst durch die Begegnung mit dem Bahnrad-Weltmeister Steffen Blochwitz könne er nachvollziehen, welche Emotionen ein Wettkampf auslösen kann. Zwei Monate lang haben der Künstler und der ehemalige Radprofi gemeinsam gearbeitet. „Das war eine gemütliche Atmosphäre. Ich wollte Marcel den Leistungssport näher bringen und habe von meinen Rennen erzählt“ , sagt Blochwitz, der derzeit das LKT Team Brandenburg koordiniert.
Der 26-jährige Maler und der 39 Jahre alte Ex-Profi haben sich schnell aufeinander abgestimmt und ihre Aufmerksamkeit auf das Thema Olympia fokussiert. „Sportler denken sehr geradeaus. Sie wissen, was sie wollen, das hat das Arbeiten erleichtert“ , erzählt Leichtle über seinen Partner.
Grund der Begegnung zwischen den beiden ist ein Projekt der Kunstfabrik Cottbus mit dem Titel „Kunst und Sport“ . Die Idee dazu hatten Steffen Blochwitz und Dr. Dieter Thiel, Initiator der Kunstfabrik. Blochwitz will mit den Einnahmen aus der Versteigerung der entstandenen Werke etwas für die Nachwuchsförderung des Radsports tun. Auch die Maler der Kunstfabrik profitieren von der Zusammenarbeit, betont Thiel. Durch die Arbeit mit diesem populären Thema könnten sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren. Außerdem bekämen auch sie einen Teil des Geldes. Thiel hofft bei der Versteigerung auf einen Erlös zwischen 4000 und 8000 Euro.
Aufgrund dieser für beide Seiten gewinnbringenden Situation ließ die Umsetzung der Idee nicht lange auf sich warten. Ende des vergangenen Jahres überredete Blochwitz ehemalige und aktive Leistungssportler, und Thiel überzeugte seine Künstler von der Idee. Nach dem ersten Kennenlernen kam dann der schwierigste Teil. Jeder Fahrer musste ein persönliches Erinnerungsstück abgeben. Thiel, der mit dem Cottbuser Bernd Drogan zusammenarbeitete, bekam von ihm das Original-Trikot des Weltmeisterschaftssieges in Goodwood überreicht. „Das Rennen seines Lebens, bei dem er nach einer 45 Kilometer langen Alleinfahrt ins Ziel kam“ , erzählt Thiel mit dem Vermerk, dass es dem Sportler alles andere als leicht gefallen ist, sich von seinem Trikot zu trennen.
Auch für Steffen Blochwitz war es nicht einfach. Er entschied sich für seine Olympia-Startnummer 162 in Seoul, mit der er viele Emotionen verbindet. Jetzt ist das kleine Stück Stoff neben 60 Medaillen in die 1,2 mal 1 Meter Collage mit dem Titel „Nicht genug“ eingearbeitet. Das Bild zeigt Blochwitz im Kampf um jede Sekunde. Die Medaillen stehen für den langen Weg bis Olympia.
Die Malerin Anette Lehmann-Westphal hat sich Gerd Audehm als Partner für das Projekt ausgesucht. „Als ich seinen Name hörte, habe ich mich gleich für ihn entschieden. Ich habe da keinerlei Berührungsangst“ , erzählt die Cottbuser Künstlerin.
Das Schicksal des 39-jährigen ehemaligen Radsportlers zeigt, welche Risiken der Leistungssport mit sich bringt. Ein verschleppter Virusinfekt führte vor acht Jahren zum Herzstillstand. Die Reanimation erfolgte zu spät. Das Gehirn wurde daraufhin beschädigt. Bis heute ist das Kurzzeitgedächtnis Audehms nicht wieder hergestellt. Um ihn kennenzulernen, machte sich Anette Lehmann-Westphal Anfang Januar auf den Weg zum Elternhaus des Sportlers in Brieske, in dem Gerd Audehm wohnt, seit ihn seine Frau verlassen hat. „Wir haben versucht, gemeinsam etwas zu zeichnen“ , erzählt Lehmann-Westphal. „Es war schwierig. Er musste oft nachfragen, was wir jetzt machen, obwohl er einen Pinsel in der Hand hielt. Aber an Dinge aus der Vergangenheit konnte er sich noch erinnern. So wusste er genau, welche Farben die olympischen Ringe haben.“
Durch ihren Besuch sind sich Anette Lehmann-Westphal und der zweifache Tour de France-Teilnehmer näher gekommen. „Trotz seiner Behinderung ist er ein Mensch mit Gefühlen wie jeder andere auch. Seinen Humor hat er auf jeden Fall behalten“ , sagt sie.
Einen Teil des durch die Versteigerung eingenommenen Geldes wolle sie dem vom Schicksal so getroffenen Sportler zukommen lassen. Und aus den ersten Versuchen Audehms, sich mit Farben auf Papier auszudrücken, will Lehmann-Westphal eine Collage mit der letzten Startnummer schaffen - der Startnummer, die Gerd Audehm in seinem letzten Rennen seiner Karriere mit dem Team Nürnberger in Nordrhein-Westfalen getragen hat.

Hintergrund „Kunst und Sport“
Sechs Kunstwerke sind aus dem Projekt "Kunst und Sport" hervorgegangen, darunter Collagen, Fotos und Malereien . Heute werden die Werke beim Neujahrsempfang des Unternehmerverbandes Berlin-Brandenburg im Cottbuser Haus der Wirtschaft versteigert. Die Hälfte der Einnahmen geht an Initiativen, die den Nachwuchs im Radsport fördern.
Die einzelnen Arbeitsgruppen: Marcel Leichtle und Steffen Blochwitz (Weltmeister 1989), Anette Lehmann-Westphal und Gerd Audehm (Tour de France 1993/94 mit Team Telekom), Dr. Dieter Thiel und Bernd Drogan (Weltmeister 1982), Martin Lehmann und Martin Müller (Team Milram), Nastasia Adamski und Olaf Pollack (Team Volksbank), Diana Dominus und Heinrich Haussler (Team Gerolsteiner).