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Silber vergolden

Jubel über Rang zwei: Die deutschen Volleyballer feiern die Silbermedaille bei der EM in Polen ausgelassen – das nächste Achtungszeichen nach WM-Bronze 2014.
Jubel über Rang zwei: Die deutschen Volleyballer feiern die Silbermedaille bei der EM in Polen ausgelassen – das nächste Achtungszeichen nach WM-Bronze 2014. FOTO: dpa
Düsseldorf/Cottbus. Die erste EM-Medaille bei den Männern rückt das deutsche Volleyball in den Fokus. Der Erfolg soll sich für eine Sportart auszahlen, die an Schulen und in der Freizeit etabliert ist, aber in der Spitze um Aufmerksamkeit und Sponsoren kämpft. Stefan Klüttermannund Frank Noack

Deutschlands Volleyball-Helden sind inzwischen wieder zurück in der Heimat, nachdem sie zuvor die erste Herren-Medaille bei einer Europameisterschaft bis frühmorgens in einem Krakauer Club ausgiebig gefeiert hatten. Aber was kommt nach dieser Party in Polen? Damit es keinen Kater gibt, muss die Silbermedaille nach dem großen Kampf im EM-Finale gegen Russland jetzt vergoldet werden. Denn plötzlich steht die Sportart Volleyball hierzulande im Fokus, plötzlich ist sie Gesprächsthema. Deswegen soll sich der Erfolg auch nachhaltig auszahlen - für eine Sportart, die als Schul- und Freizeitsport etabliert ist, aber in der Spitze um Aufmerksamkeit und Sponsoren kämpft.

Volleyball ist Volkssport. Kinder und Jugendliche spielen es im Ferienlager auf einem Sand- und Wiesenplatz oder vormittags in der Schulturnhalle, Hobbygruppen und Seniorentreffs am Abend an selber Stelle. Wenn kein Netz da ist, tut es auch eine Schnur. Und im Sommer erfreut sich die Strand-Variante seit Jahren wachsender Beliebtheit. Immer mehr Freibäder, Parks und Sportanlagen können heute ein Sand-Rechteck vorweisen. Immerhin 430 000 Mitglieder zählte der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) 2016. 2006 waren es noch 55 000 mehr.

Doch das ist nur der eine Teil der Geschichte vom Volleyball in Deutschland. Der andere erzählt vom Problem, wie es auch Tischtennis oder Badminton kennen. Jeder kommt mal in Berührung mit dem Sport, aber wenn es darum geht, Zuschauerinteresse am Spitzensport zu wecken, wird aus dem Volkssport eine Nischen-Bewegung. 1435 Zuschauer kamen in der zurückliegenden Spielzeit im Schnitt zu einem Spiel der Männer-Bundesliga, bei den Frauen waren es 1250. Vereinsetats erlauben kaum Sprünge, weil Sponsoren kaum Schlange stehen, weil denen die TV-Präsenz fehlt. Partien werden live nur im Internet auf sportdeutschland.tv gezeigt. Und das ist schon ein Fortschritt gegenüber früheren Jahren. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, warum sich der DVV fast schon kindlich darüber freute, dass die Kunde vom Finaleinzug bei der EM am Samstag Erwähnung in der Tagesschau und im Aktuellen Sportstudio fand. Fast schon einem Sechser im Lotto kam aus dieser Perspektive schließlich die Entscheidung von Sport1 gleich, das Endspiel aus dem Bezahlkanal ins Free-TV zu hieven.

Beim Verband registrierte man im Nachgang des Finales erste positive Reaktionen von Sendern und Sponsoren. Reaktionen, die optimistisch stimmen, den Volleyball als sehenswerte Sportart künftig einem größeren Publikum anbieten zu können. "Möglichst viel im Bewegtbildbereich zumindest im Internet zeigen zu können, muss der Ansatz sein", sagt DVV-Sprecher Thilo von Hagen. "Der andere ist der, die jungen Nationalspieler als Zugpferde für die heimische Liga zu entwickeln." Immerhin sechs von 14 EM-Akteuren spielen daheim, acht in stärkeren Ligen wie in Frankreich, Polen oder Italien.

In der Bundesliga schließt man sich jedenfalls der Zuversicht des Verbandes an, das zarte Pflänzchen EM-Medaille hegen zu können. Um von diesem Zwischenhoch nachhaltig zu profitieren , müsse sich allerdings noch einiges tun, betont Kaweh Niroomand als Manager des Deutschen Meisters BR Volleys. Niroomand erklärt in der "Berliner Morgenpost": "Wir brauchen kontinuierliche Erfolge, sowohl von der Nationalmannschaft als auch von den Klubs." Dies sei aber nur mit einem breiten Nachwuchssystem möglich, sagt der 64-Jährige. "Diesen Schub von der EM müssen wir nun dafür mitnehmen."

Helmut Weissenbach, Manager des in Solingen und Wuppertal beheimateten Bundes ligisten Bergische Volleys, ergänzt: "Wir alle müssen jetzt dafür sorgen, den Erfolg in vernünftigen Strukturen zu versilbern. Volleyball boomt draußen und drinnen." Hier liegt Weissenbachs Hoffnung begründet: Dass sich das Silber aus der Halle mit der Begeisterung um die Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst kombinieren lässt. Dass sich der Hype um die sexy Zweier-Sportart im Sand und das Interesse für die Sechser-Variante unter dem Dach befruchten. In jedem Fall zieht Beachvolleyball. 70 000 Fans kamen jetzt an vier Tagen zur Deutschen Meisterschaft am Timmendorfer Strand. Das Finale der World Tour soll 2018 zum dritten Mal in Hamburg stattfinden - und 2019 die WM. Der DVV hat eine Bewerbung bereits abgegeben.

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