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| 02:45 Uhr

Schmerzhafte Show-Einlage im Ring

Im Ring gehört Robert Kaiser zu den Bösen. Wie hier haben seine Gegner oft unter seinen Aktionen zu leiden.
Im Ring gehört Robert Kaiser zu den Bösen. Wie hier haben seine Gegner oft unter seinen Aktionen zu leiden. FOTO: Tobi Capullo
Cottbus/Berlin. Sie heißen Crazy Sexy Mike, Pascal Spalter oder Dynamite Dave, Wrestler führen in Deutschland eher ein Nischendasein und werden teilweise belächelt. Trotzdem ist der Sport anspruchsvoll und die Fangemeinde begeistert vom Spektakel im Ring. Der Cottbuser Marcel ist seit vier Jahren als Robert Kaiser mit dabei. Sven Scheffler

Pfiffe, Buh-Rufe, Plakate mit wüsten Beleidigungen. Wenn der Cottbuser Robert Kaiser in den Ring steigt, ist ihm der Hass der Menge sicher. Die 500 Menschen im Zelt nahe des Berliner Ostbahnhofs sind aufgebracht, sie wollten den Cottbuser am Ende verlieren sehen. Er winkt ihnen provozierend zu und verhöhnt noch einmal den am Boden liegenden Gegner. Robert ist Wrestler bei der German Wrestling Federation (GWF). Dort stehen sich immer böse und gute Kämpfer gegenüber. Robert gehört zu den Bösen. "Wenn die Leute mich ausbuhen, habe ich alles richtig gemacht", sagt Robert, der im wahren Leben Marcel heißt. Seit vier Jahren steht er im Ring und schwenkt bei seinem Einmarsch immer die Cottbuser-Stadtfahne.

"Ich habe schon immer Wrestling geschaut", sagt er. Bei einer Wrestling-Veranstaltung in Berlin lernt der Cottbuser seine Trainer und heutigen Wrestlingpartner kennen. "Wir kamen schnell ins Gespräch und sie meinten, ich solle mal zum Training vorbei kommen", sagt Robert. In der Turnhalle in Berlin Neukölln gehörte er zu den wenigen Anfängern, die sich beim ersten Training nicht übergeben mussten: "Nach 20 Rollen vorwärts kann einem schon schwindlig werden."

Robert hat schon immer Sport getrieben, war fit, doch die Wrestlingschule verlangte ihm Einiges ab. Anderthalb Jahre dauerte es, bis er in den Ring durfte. Die Techniken müssen lange geübt werden, sonst ist die Verletzungsgefahr zu groß.

Mittlerweile hat er über 50 Kämpfe in der ganzen Repu blik bestritten und sich schon einen Nasen- und einen Jochbeinbruch zugezogen. "Der Anspruch beim Wrestling besteht darin, mit Schmerzen weiter zu machen", sagt er. Nach seinem Nasenbeinbruch habe er zehn Minuten weiter gekämpft.

Ob die Kämpfe abgesprochen sind? "Ein Kampf dauert zwei bis 20 Minuten, solche Zeitspannen kann man nicht detailliert durchplanen", sagt Robert. Aber natürlich gebe es so etwas wie Erzählstränge, ähnlich wie bei TV-Serien. "Es ist halt auch Unterhaltung, aber der Ausgang der Kämpfe steht vorher nicht wirklich fest", sagt Robert. Im Ring käme es darauf an, auf den Gegner zu achten und auf dessen Aktionen zu reagieren. Schmerzhaft seien die einzelnen Aktionen trotzdem. Gekämpft wird Mann gegen Mann oder im sogenannten Tag-Team, also zwei gegen zwei, dabei wechseln sich die Kämpfer durch Abklatschen im Ring ab. Drei verschiedene Titel gibt es in GWF, den "Berlin Title", den "Middleweight Title" und den "Tag Team Title".

Zwei Mal die Woche trainieren die Wrestler in Berlin und Dresden. Dort werden Nachwuchs-Kämpfer und Aktive von Trainern betreut. Einer von ihnen ist Ahmed Chaer, er hat zusammen mit anderen die GWF 1995 gegründet. "Damals war es schwer, irgendwo beim Wrestling mitzumachen. Die Gemeinde hatte sich abgeschottet, wir wollten es allen beibringen", sagt Chaer.

Nur fünf bis zehn von hundert, die zum Training kommen, schaffen es auch in den Ring, sagt Chaer. Er selbst trainiert vier Mal die Woche für das Wrestling. "Solange es geht, mache ich weiter", sagt er begeistert. Heute ist er neben dem Wrestling vor allem als Stuntman unterwegs. Von den Kämpfen leben können Kämpfer wie Robert nicht. Unter der Woche arbeitet er als Kommunika tionsmanager. Dass Robert zu den Bösen in der GWF zählt, ergab sich eher zufällig. "Ich schaue so grimmig, das war die erste Tendenz mich zu einem Bösen zu machen. Mit der Cottbuser Fahne beim Einlaufen kamen die Buh-Rufe dann von allein ", erzählt er. Ihm gefällt seine Rolle. Als Böser habe man es einfacher. Zudem sei er ohnehin kein Fan von Regeln im Ring, die er in seiner Rolle öfter brechen könne.

Zum Thema:
Die Show-Kämpfe des Wrestlings (im Deutschen Ringen) haben ihren Ursprung in den USA. Dort schaffte der Sport, in dem skurrile Charaktere miteinander im Ring kämpfen, Ende der 1980er Jahre den Durchbruch. Seit den 1990er Jahren ist das Wrestling auch in Deutschland populär. Die großen Veranstaltungen der US-Ligen füllen auch hierzulande die Hallen. Das Prinzip ist dabei immer gleich: Ein guter und ein böser Wrestler steigen in den Ring und kämpfen gegeneinander. Die Charaktere zeichnen sich durch bestimmte Stereotypen aus wie beispielsweise der gemeine Rocker oder der nette Schwiegermutter-Typ. Noch vielseitiger als die Charaktere im Ring sind die Wrestling-Techniken. Es gibt unzählige Griffe, Sprünge und Tritte. Aktionen außerhalb des Rings wie das Schlagen mitStühlen sind verboten, werden von den Bösen jedoch gern praktiziert.