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Radsport
Schiewer nach Steher-Gold „komplett leer“

Franz Schiewer (r.) mit Schrittmacher Gerd Gessler.
Franz Schiewer (r.) mit Schrittmacher Gerd Gessler. FOTO: Frank Hammerschmidt / Hammerschmidt Frank
Cottbus. Der Cottbuser erzählt in der RUNDSCHAU, wie schmerzhaft der Gewinn des EM-Titels in Berlin wirklich war. Der letztjährige Sieger Stefan Schäfer wird durch einen Motorschaden ausgebremst.

Der letzte Kampf war der schwerste für den neuen ­Steher-Europameister Franz ­Schiewer vom RK Endspurt Cottbus: Auf dem Siegerpodest im Berliner Velodrom musste sich der 26-Jährige am Samstagabend sichtlich zusammenreißen, um mit zitternden Beinen erst seine Medaille entgegenzunehmen und dann auch noch das blau-weiße Siegertrikot mit den goldenen Europa-Sternen überzustreifen. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich auf den Beinen halten soll. Ich bin komplett leer. Es ist nichts mehr drin“, gab Schiewer nach dem überaus strapaziösen EM-Finallauf über 200 Runden zu.

Dabei hatte der Cottbuser nach relativ verhaltenem Start gemeinsam mit seinem Schrittmacher Gerd Gessler aus Erfurt eindrucksvoll das Kommando auf der 250 Meter langen Holzbahn übernommen und fuhr einem souveränen Sieg entgegen. Titelverteidiger Stefan Schäfer (ebenfalls RK Endspurt Cottbus) hatte dagegen Pech, weil sein Schrittmacher Peter Bäuerlein aus Nürnberg unterwegs die Maschine wechseln musste – schuld daran war ein Motorschaden. Schäfer konnte sich nach dem Maschinenwechsel zwar entsprechend des Reglements wieder auf Position zwei des siebenköpfigen Finalfeldes einreihen, ­verlor aber völlig seinen Rhythmus. Der Niederländer Reinier Honig mit Schrittmacher zog an Schäfer ­vorbei, der am Ende Rang drei ­belegte: „Sonst wären wir sicher auf Platz zwei gefahren. Honig hat das perfekt ausgenutzt.“

Während der dreifache Europameister Giuseppe Atzeni aus der Schweiz überraschend in der Qualifikation gescheitert war, hatte das Team des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) wie geplant alle drei Fahrer ins Finale gebracht. Thomas Steger und Thomas Ruder (Nürnberg) konnte als Fünfte zwar nicht in die Medaillenvergabe eingreifen, leisteten aber während des Rennens bei den Positionskämpfen immer wieder wertvolle Hilfe für Schiewer und Schäfer.

Mario Vonhof, Beauftragter für den Stehersport im BDR, strahlte über Gold und Bronze: „Das große Ziel war es, den EM-Titel vor heimischem Publikum zu verteidigen. Das ist uns gelungen. Franz Schiewer und Stefan Schäfer waren im Verlauf der Saison gleich auf. Diesmal hat die Tagesform zugunsten von Franz entschieden. Ohne den ­Motorschaden wäre Stefan sicher Zweiter geworden.“ Im vergangenen Jahr bei der EM in Paris hatte Schäfer vor Schiewer gewonnen.

Auch wenn es diesmal nach einer recht souveränen Vorstellung des neuen Europameisters aussah – ein leichtes Rennen war es für Franz Schiewer nicht. Trotz seines Vorsprungs kämpfte er gegen die Schmerzen  und riss weit den Mund auf. „Am Ende habe ich gedacht: Ich brauche Luft! Doch da war einfach keine Luft mehr“, schmunzelte der Cottbuser. „Aber wenn du weißt, deine ganze Familie ist in der Halle, dann kannst du nicht langsamer werden. Weil das ganze Team inklusive meines Schrittmachers hart dafür gearbeitet hat.“

Dass ihm dann bei Siegerehrung die Kraft ausging, konnte Schiewer mit Gold um den Hals locker verschmerzen.

Gold und Bronze: Franz Schiewer (l.) und Stefan Schäfer.
Gold und Bronze: Franz Schiewer (l.) und Stefan Schäfer. FOTO: Frank Hammerschmidt / Hammerschmidt Frank