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| 15:01 Uhr

Zum Abschied der deutschen Basketball-Legende
Nowitzki: Nicht der Längste, nicht der Stärkste – aber der Größte

 Jan Lehmann
Jan Lehmann FOTO: LR / Sebastian Schubert
Cottbus. RUNDSCHAU-Reporter Jan Lehmann hatte gedacht, dass er mit Superstar Michael Jordan im Basketball schon alles gesehen hat. Dann kam Dirk Nowitzki. Ein Kommentar zum Abschied der deutschen Sportlegende. Von Jan Lehmann

Eigentlich hatte ich meine Karriere als NBA-Zuschauer ja schon 1999 offiziell beendet. Michael Jordan hatte bei den Chicago Bulls seinen Abschied gegeben. Dass er später nochmal zwei Jahre lang in Washington Körbe warf, konnte mich nicht mehr groß begeistern. Jordan bei den Bulls, das war gemeinsam mit Pippen, Kukoc und Rodman der beste Basketballer aller Zeiten beim besten Team aller Zeiten. Was sollte da schon noch kommen?

Jordan hatte den Sport geprägt, den Stil, die Mode und 1992 bei den Olympischen Spielen mit dem ersten „Dream Team“ den Basketball weltweit den entscheidenden Schub gegeben. Während seine Gegenspieler nur sprangen, konnte Jordan fliegen. Seine Bewegungen waren katzenhaft, alles wirke wie in Zeitlupe und dennoch blitzschnell. Dass der Superstar mit der heraushängenden Zunge menschlich durchaus Schwächen hatte, übersah ich mit meiner jugendlichen Begeisterung. Es gibt ein Video, auf dem man sehen kann, wie Jordan einen Freiwurf mit geschlossenen Augen versenkte, um seinen Gegenspieler, den damaligen Debütanten Dikembe Mutombo zu demütigen. Damals empfand ich das als überragend, heute eher als fragwürdig.

Dass 1999 zu Jordans Abschied bereits ein großer junger blonder Deutscher bei den Dallas Mavericks die ersten Würfe genommen hatte, ging zunächst an mir vorbei. Es dauerte eine Weile, ehe man sich an den Namen Nowitzki gewöhnte. Und außerdem: Wie sollte einer, der so blond und so schlaksig war, in der Liga der großen dunklen Jungs mithalten können?

Er konnte, und wie! Nowitzki trat den Beweis an, dass man nicht der Längste, nicht der Schnellste, nicht der Stärkste in der NBA sein musste, um doch zum Größten werden zu können. Der Deutsche kreierte mit seiner Wurftechnik einen neuen Stil, der inzwischen die Liga komplett verändert hat – weg von den kraftstrotzenden Bullen unterm Korb hin zu den beweglichen Riesen, die aus der Ferne treffen.

Dass Nowitzki nun in seiner Abschiedssaison so viele Ovationen zugeflogen sind, hat aber nicht nur sportliche Gründe. Der Mensch Nowitzki ist es, der die Amerikaner und die gesamte Sportwelt verzückte. Anders als einst Jordan, der sich nicht über seine Siege definierte, sondern darüber, seinen Gegnern Niederlagen beizufügen, hat Nowitzki immer den Teamgeist vorangestellt und sich stets als fairer Sportsmann präsentiert. Freiwürfe mit geschlossenen Augen kann er sicher auch, hatte sie aber nicht nötig.

Über Jordan hat mal ein Mitspieler gesagt: „Es war nie einfach, mit Michael zu spielen. Wenn wir verloren haben, lag es immer an uns.“ Über Nowitzki wird man derartiges wohl kaum hören. Er hat zwar im Gegensatz zu Jordans sechs Meisterschaften nur einen NBA-Titel zu bieten. Der Unterschied ist dennoch: Jordan wurde bewundert – Nowitzki aber wird geliebt.

Und deshalb stellt sich für mich mit dem Abschied des deutschen Superstars nun nach 20 Jahren erneut die Frage: Was soll da noch kommen? Aber ich halte die Augen offen: Der nächste Nowitzki soll mir nicht wieder entgehen.