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| 15:38 Uhr

Radsport
„Ein echt abgefahrener Tag“

 Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt bei der Bahn-WM in Polen nach dem Gewinn von WM-Gold im Madison
Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt bei der Bahn-WM in Polen nach dem Gewinn von WM-Gold im Madison FOTO: Szymon Gruchalski
Pruszkow. Roger Kluge und Theo Reinhardt liefern bei der Bahnradsport-WM in Pruszkow eine überaus beeindruckende Vorstellung ab – trotz einer extrem kurzfristigen Anreise des Cottbusers Kluge. Von Thomas Juschus

Auf den nächsten geplanten Flug zurück nach Hause verzichtete Roger Kluge gern, nahm stattdessen die deutlich längere ­Rückreise von Pruszkow zurück nach Berlin mit dem Auto in Kauf. Immerhin konnte der 33-Jährige vom RK Endspurt Cottbus so schon etwas Zeit mit Freundin Judith und Tochter Jenna (3) verbringen. Beide waren am Sonntagmorgen spontan in den Warschauer Vorort gereist, um Kluge und seinen Partner Theo Reinhardt beim Projekt Titelverteidigung im Madison zu unterstützen. Mit Erfolg: Wie schon 2018 holte sich das Duo bei der WM in Polen mit einer Demonstration der Stärke das Regenbogentrikot im Zweier-Mannschaftsfahren.

„Ich bin überwältigt, das ist unfassbar“, jubelte Judith Gabriel aufgewühlt nach dem 200-Runden-Rennen. Als die Lebensgefährtin von Kluge mit Jenna in Berlin startete, saß Kluge noch im Flieger und war auf der Rückreise von einer Rundfahrt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Fast pünktlich landete Flug EK 179 vom Emirates Airlines auf dem Flughafen Warschau-Chopin, knapp drei Stunden später saß Kluge auf dem Rennrad und raste zu WM-Gold.

„Wer hätte das gedacht? Zuvor 1000 Kilometer Rundfahrt und sechs Stunden Flug waren sicher keine ideale Vorbereitung. Der Kopf spielt aber eine größere Rolle. Andere versuchen es erst gar nicht – ich wollte unbedingt mit Theo am Start stehen“, sagte Kluge, nachdem er minutenlang mit Jenna sowie Reinhardts Sohn Pepe (3) für die Fotografen posiert hatte. „Ich bin Roger echt dankbar, dass er das auf sich genommen hat. Das war eine Riesenaktion“, freute sich Reinhardt. „Das war ein echt abgefahrener Tag. Ich habe ihn alleine begonnen, dann kam doch Roger irgendwann dazu. Cool! Einfach geil!“

 Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt in Aktion. „Geisteskrank, wie die hier rumgebrummt sind“, fand Bundestrainer Sven Meyer.
Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt in Aktion. „Geisteskrank, wie die hier rumgebrummt sind“, fand Bundestrainer Sven Meyer. FOTO: dpa / Piotr Nowak

Nach knapp 30 Runden übernahmen Kluge/Reinhardt, die in dieser Saison bei EM (2. Platz), Berliner Weltcup (3.) und Sechstagerennen (1.) jeweils auf dem Podest standen, die Initiative und zerlegten förmlich die Konkurrenz. „Das war geisteskrank, wie die hier rumgebrummt sind“, sagte ein völlig aufgelöster Bundestrainer Sven Meyer nach dem schnellsten WM-Rennen aller Zeiten (Stundenmittel: 59,243 km/h). „Die sind gefahren wie zwei Motorräder“, twitterte der belgische Sixday-Star Jasper de Buyst anerkennend. Mit 105 Punkten siegten Kluge/Reinhardt am Ende souveräner als es das Ergebnis ausdrückt. Lasse Norman Hansen/Casper von Folsach (Dänemark/84) und Kenny de Ketele/Robbe Ghys (Belgien/82) kamen auf die Plätze.

Fünf Runden vor Schluss riss Reinhardt erstmals das Vorderrad jubelnd hoch, klatschte sich lachend bei der Ablösung mit Kluge ab. „Am Ende mussten wir nochmal ein bisschen ackern, konnten die letzten Runden aber echt genießen“, sagte ein strahlender Kluge, der am Vortag noch auf der Schlussetappe der VAE-Tour für sein belgisches Team Lotto-Soudal im Wüstenwind gekämpft hatte. „Das Finale hier war schon etwas härter, letztendlich kann man es aber nicht vergleichen. Hier muss ich immer nur 40 Sekunden schnell fahren“, sagte Kluge gewohnt cool. Nach der Ehrenrunde mit deutscher Fahne führte ihn und Reinhardt dann der Weg direkt zu den Familien an die Bande.

Nach einer ruhigen Woche in der Wahlheimat Berlin startet der Cottbuser Kluge mit Lotto-Soudal ab Sonntag bei der Fernfahrt Paris – Nizza. Im Winter ist aber die erneute Rückkehr auf die Bahn vorgesehen, schließlich warten 2020 die Heim-WM in Berlin und die Olympischen Spiele in Tokio, wo es nach Silber 2008 nochmals eine Medaille geben soll. „Im Velodrom als Titelverteidiger zu starten, wird ein einmaliges Erlebnis“, sagte Kluge, der dann noch eine etwas kurzfristigere Anreise wählen kann. „Da bin ich vielleicht eine Stunde vor dem Rennen da“, scherzte er. Und auch Freundin Judith darf ihn wieder mit Jenna unterstützen: „Wenn ich in der Halle war, hat er noch nie eine Medaille gewonnen. Dieser Fluch ist auch besiegt“, jubelte sie nach dem zweiten WM-Titel im Madison für Roger Kluge und Theo Reinhardt.