ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:13 Uhr

Cottbus
„Es ist im Sinne von Kristina“

Kristina Vogel stürzte am Dienstag auf der Bahn in Cottbus und zog sich schwere Verletzungen zu.
Kristina Vogel stürzte am Dienstag auf der Bahn in Cottbus und zog sich schwere Verletzungen zu. FOTO: Hammerschmidt Frank / Frank Hammerschmidt
Cottbus. Nach dem Horror-Sturz der weltbesten Sprinterin erwartet die Bahnradsportler beim Großen Preis von Deutschland in Cottbus ein Rennen zwischen Tränen und Trauma. Wie kommen sie mit dem emotionalen Ausnahmezustand klar?

Die meisten der Sportler haben schon Weltmeister-­Titel erkämpft und sind olympische ­Finalläufe gefahren.  Doch der ­Große Preis von Deutschland an diesem Wochenende in Cottbus ist für die Athleten um Maximilian Levy der wahrscheinlich schwerste Wettkampf in ihrer bisherigen Radsport-Karriere. Es ist das erste Rennen nach dem Sturz-Drama um die Olympiasiegerin und elffache Weltmeisterin Kristina Vogel in dieser Woche auf der Bahn in Cottbus.

Das Team des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) und speziell die Sportler aus Vogels Trainings­gruppe vom Chemnitzer Erdgas-Team befinden sich seit Dienstag in einem emotionalen Ausnahmezustand. „Wir werden an den Start gehen und sehen, ob es funktioniert“, sagt Levy vor dem Großen Preis an diesem Freitag und am Samstag.

Zeiten, Ergebnisse und Rang­listenpunkte sind für die Sportler –die normalerweise um jeden Zentimeter kämpfen und dabei kein Risiko scheuen – von heute auf morgen nebensächlich geworden. Seit Dienstag zittern, bangen und weinen sie um ihr Teammitglied Kristina Vogel. Ausgerechnet die Erfurterin, die im vergangenen Jahrzehnt den Bahnradsport geprägt und mit ihrem Lächeln alle begeistert hat, ist einem Albtraum gleich schwer gestürzt. Mit einer Geschwindigkeit von mehr als 60 Kilometern pro Stunde ist sie ungebremst gegen einen niederländischen Nachwuchsfahrer aufgefahren, der sich un­glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt auf der Bahn aufhielt.

Nach Angaben des BDR erlitt Kristina Vogel dabei eine schwere Wirbelsäulenverletzung, dazu Brüche des Schlüsselbeins und mehrerer Knochen. Die 27-Jährige musste sich im BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin einer Not-Operation unterziehen. Weitere Operationen werden folgen. Vogel wurde in ein künstliches Koma versetzt. In dem Krankenhaus wurden auch der Cottbuser Turner Ronny Ziesmer und Rennfahrer Alessandro Zanardi nach ihren schweren Sportunfällen behandelt. „Im Moment ist tatsächlich nicht zu sagen, wo die Reise hingeht“, erklärte Vogels Manager Jörg Werner einen Tag nach dem schweren Sturz gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Ein Satz, der einerseits Hoffnung macht, andererseits aber auch das Schlimmste befürchten lässt. Einige der Sportler mussten den Horror-Sturz mit ansehen und sind entsprechend traumatisiert. „Es ist ein Taubheitsgefühl im Kopf. Je länger man nachdenkt, umso schlimmer wird es“, sagt Bundestrainer Detlef Uibel. Das entscheidende Gruppenspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Südkorea bei der Weltmeisterschaft  in Russland – es war Uibel nach eigenen Angaben „völlig gleichgültig. Ich habe draußen gesessen und gegrübelt. Das, was wichtig war, ist plötzlich völlig unwichtig.“

Immer wieder trifft es Kristina Vogel. 2009 wurde die damals 18-Jährige durch ein Auto vom Rad gerammt. Sie erlitt schwere Verletzungen und lag zwei Tage im Koma. Die Glasscheibe des Autos zerschnitt ihr das Gesicht. Nur ihre Muskulatur habe sie vor einer Querschnittlähmung gerettet, sagte Vogel damals.

Nun also das Drama in Cottbus. Bereits einen Tag nach dem schweren Sturz gingen die Sportler wieder auf die Bahn. Ganz bewusst, betont Uibel. Um anzufangen, diese schlimmen Bilder zu verarbeiten. „Das Training war wie eine Schock-Therapie“, berichtet der Bundestrainer.

Bundestrainer Detlef Uibel hat mit seinen Sportlern eine „Schock-Therapie“ absolviert.
Bundestrainer Detlef Uibel hat mit seinen Sportlern eine „Schock-Therapie“ absolviert. FOTO: Michael Helbig

Am Donnerstag blieben die meisten Beteiligten dann der Bahn fern, um etwas Abstand zu gewinnen. Aber geht das überhaupt? „Die Bilder laufen wie in einer Endlos­schleife in meinem Kopf ab“, sagt Maximilian Levy. Der Cottbuser sprintet seit mittlerweile einem Jahrzehnt mit Kristina Vogel um die Bahnen dieser Welt. In dieser Zeit ist eine echte Freundschaft entstanden, weil Vogel und Levy nicht nur erfolgreiche Sportler sind, sondern auch als Menschen mitten im Leben stehen.

An diesem tragischen Dienstag waren beide so nah beieinander wie noch nie. Levy rannte als Ersthelfer auf die Bahn und hielt für eine gefühlte Ewigkeit Kopf und Hand der verunglückten Trainingskameradin, bis diese transportfähig war. Was diese traumatischen Momente mit einem Menschen machen, weiß Levy selbst noch nicht. „Wie es mir geht? Ich weiß es nicht. Es ist schwer zu verdauen. Schwer, in Worte zu kleiden“, sagt der vier­fache Weltmeister aus Cottbus im Gespräch mit der RUNDSCHAU.

Die Chemnitzer Erdgas-Mannschaft hat inzwischen eine Crowd-Founding-Aktion für Verunglückte unter dem Hashtag „#staystrongkristina“ initiiert. Einige Sportler wohnen seit dem schrecklichen Unfall nicht mehr im Hotel, sondern zu Hause bei Maximilian Levy. Um sich gegenseitig Halt zu geben, um zu reden und auch, um sich irgendwie in die Lage zu versetzen, am Freitag ein Rad­rennen fahren zu können. Der gastgebende RSC Cottbus hat sich in Absprache mit dem Bundestrainer und den Sportlern entschieden, den Großen Preis nicht abzusagen. ­Offiziell ist es den Sportlern freigestellt, ob sie fahren oder nicht.

„Natürlich ist das eine Floskel: Aber wir bilden uns ein, dass ­Kristina das auch so ­sehen würde. Sie hätte wahrscheinlich gesagt: ‚Rauf aufs Rad, lasst uns fahren, einfach Rad fahren!‘ Ich ­denke, es ist im Sinne von Kristina, wenn wir fahren“, meint Uibel.

Und doch wird an diesem Freitag alles anders sein als sonst. Nach RUNDSCHAU-Informationen wird erwogen, den Start der Sprint-­Qualifikation auf der Gegengeraden um einige Meter zu verlegen, damit die Sportler nicht genau an jener Stelle stehen müssen, wo sich der folgenschwere Zusammenprall zwischen Kristina Vogel und dem anderen Fahrer am Dienstag ereignet hat. Die üblichen Vorstellungsrunden mit den Fahrern, Ehrungen und natürlich die musikalische Untermalung – all das wird am Freitag laut Uibel sehr dezent ausfallen. „Möglicherweise lassen wir solche Dinge auch komplett weg und beschränken uns auf den Sport.“

Dieser Sport ist seit Dienstag ein anderer. Und die Sportler, die ihn betreiben auch. Eigentlich wollen und sollen sie am Freitag alle ein Zeichen für Kristina Vogel setzen. Trotzdem wirbt Maximilian Levy dafür, dass jeder für sich selbst diese schwere Entscheidung treffen darf. „Wenn ein Sportler am Start steht und merkt, er kann es doch nicht und geht nach Hause, dann ist das auch völlig in Ordnung.“

Teamgefährten, Freunde, Sieger: Bei der EM im Oktober in Berlin gewannen Kristina Vogel und Maximilian Levy jeweils die Goldmedaille.
Teamgefährten, Freunde, Sieger: Bei der EM im Oktober in Berlin gewannen Kristina Vogel und Maximilian Levy jeweils die Goldmedaille. FOTO: dpa / Jens Büttner