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| 07:48 Uhr

Erfolgstrainer geht in Rente
Der Radsport-„Professor“ auf Ehrenrunde

Rainer Gatzke hat als Trainer beim RSC Cottbus fünf junge Radsportler zum Weltmeistertitel im Juniorenbereich geführt – jetzt geht der Diplom-Mathematiker und Lehrer an der Lausitzer Sportschule in Rente.
Rainer Gatzke hat als Trainer beim RSC Cottbus fünf junge Radsportler zum Weltmeistertitel im Juniorenbereich geführt – jetzt geht der Diplom-Mathematiker und Lehrer an der Lausitzer Sportschule in Rente. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Statt einer Karriere in der Wissenschaft ging der Lübbener Rainer Gatzke beim Radsportklub Cottbus den Weg zum Weltmeister-Trainer. Von Christian Taubert

Wieder einmal endet beim Radsportklub Cottbus eine große Karriere. Allerdings ist es nicht die eines Radrennfahrers, der von der Lausitz aus die Welt eroberte. Es ist eine Trainerlaufbahn, die nach mehr als 40 Jahren ein Ende findet: Rainer Gatzke, der Radsport-„Professor“ im Team der RSC-Betreuermannschaft, geht in Rente. Unwideruflich. Auch, wenn man den Lehrer-Trainer noch bis Anfang Juli im Unterricht an der Lausitzer Sportschule und mit seiner Trainingsgruppe erleben wird.

Den Abschied gibt es ein wenig auf Raten. Denn schon im Dezember ist Gatzke vom Cottbuser Stadtsportbund mit dem Ehrenpokal für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden. Fünf Junioren-Weltmeister hat er als RSC-Trainer geformt. Hinzu kommen acht Medaillen, die seine Schützlinge mit nach Cottbus brachten. Jetzt dreht er beim RSC die Ehrenrunde.

Dabei ist das so gar nicht sein Ding. Ins Rampenlicht zu treten, hat er immer anderen überlassen. Das war schon in Lübben so, als der Autor dieses Beitrages mit dem zweiten Sohn der Familie Gatzke bei der BSG Lokomotive in die Pedale trat. „Professor“ haben ihn dort bereits die älteren Renner genannt. Nicht wegen seiner im Radrennen auffälligen Sportbrille. Nein, für Rainer Gatzke gab es einfach keine Frage, die er nicht beantworten konnte.

Für die sportliche „Liebe seines Lebens“, die ihm später die Berufswahl nicht gerade einfach gemacht hat, fing er im Spreewald Feuer. Radrennen zu fahren, das faszinierte den 15-Jährigen. Von der Lübbener Spielbergstraße aus eroberte er seine Welt des Radsports. Jene Straße übrigens, in der vis-à-vis der Gatzkes die Familie Janz wohnte. Vater Guido war an der Erweiterten Oberschule Sportlehrer von Rainer und dessen zwei Brüdern, die alle drei mit dem Einser-Abitur kein Problem hatten. Janz-Tochter Karin startete in den 1960er-Jahren von hier aus ihre Turn-Karriere. 1972 räumte sie bei Olympia in München zweimal Gold ab – bis heute ist die Lübbenerin die erfolgreichste deutsche Kunstturnerin aller Zeiten.

Der Renner aus der Spielbergstraße wurde Anfang der 1970er-Jahre zum SC Cottbus delegiert, fuhr für den aufstrebenden Lausitzer Klub bis zum Männerbereich. Mit dem Karriere-Ende war schließlich eine der schwersten Entscheidungen verbunden: im Sport bleiben oder zum Studium gehen? Schweren Herzens schrieb er sich an der Technischen Universität in Dresden ein, studierte Mathe/Physik. Doch den Radsport konnte der Student nicht verdrängen. Jede freie Minute trainierte er bei Dynamo Dresden-Nord, wo damals die ostdeutsche Cross-Legende Günter Mosch zu Hause war. An den Wochenenden traf man sich mit dem Cottbuser Radsportnachwuchs bei Wettkämpfen.

Als ein exzellenter Studienabschluss folgte, hat das die Entscheidung für die eigene Zukunft nicht leichter gemacht. Erst einmal heuerte der Diplom-Mathematiker als Übungsleiter für den Nachwuchs beim SC Cottbus an. Wie in Cottbus trainiert wurde, machte in der DDR Schule. Doch für Rainer Gatzke tat sich die letzte Lücke auf, den Sprung in die Wissenschaft zu wagen. An der Ingenieurhochschule Cottbus, der heutigen BTU, wurde in seinem Fachgebiet Nachwuchs gesucht. Rainer sagte zu.

Es hat kein Jahr gedauert, bis das Mathe-Genie merkte, dass er in der Wissenschaft nicht die Erfüllung finden würde. „Ohne Radsport kann ich nicht.“ Diese dann unumstößliche Erkenntnis hat für Rainer Gatzke den Weg zu einem der erfolgreichsten Trainer im Cottbuser Olympiastützpunkt geebnet. So wurde er Teil einer Lausitzer Erfolgsgeschichte, die 1974 begann, als Hans-Joachim Hartnick bei den Weltmeisterschaften in Kanada Bronze mit dem DDR-Straßenvierer gewann. Seither riss die internationale Medaillensträhne nie ab. Mehr als 150 Titel und Medaillen bei WM und EM im Erwachsenen- und Juniorenbereich haben Radrennfahrer in den vier Jahrzehnten mit in die Lausitz gebracht.

Rainer Gatzke hat viele von ihnen trainiert: Trixi Worrack, Angela Hennig, Luise Keller, Jan Gloßmann, Frank Jesse, Thorsten Rund, Danilo Hondo, Ronny Scholz, Heinrich Haussler, Nikias Arndt, Leon Rohde, Lennard Kämna, Max Kanter, Juri Hollmann. Für einige, wie die Dissenerin Trixi Worrack, entwarf er noch die Trainingspläne, als sie längst bei den Profis in der Weltspitze fuhren. Im Team der RSC-Trainer habe Gatzke stets den Part des „Professors“ übernommen, sagt RSC-Geschäftsführer Axel Viertler. Wenn etwa differenzierte Kurbellängen am Tretlager für den Renner Vorteile bringen sollten, „dann hat Rainer das wissenschaftlich belegt und nachgerechnet“.

Beeindruckend ist auch die Analyse des Meistermachers, der an der Lausitzer Sportschule neben Sport auch Mathematik, Physik und Englisch unterrichtet, zum Cottbuser Radsport-Erfolgsrezept in mehr als 40 Jahren und besonders nach der Wende. „Wir waren als SC Cottbus vor der Wende gut, vielleicht auch etwas besser als die Trainingszentren in Erfurt, Gera oder Chemnitz“, weiß der 65-Jährige und verweist zugleich darauf, dass es hier nie einen wirklichen Bruch gegeben habe. „Oder, sagen wir es mal so: Der Bruch, der durch den Radsport in Deutschland ging, war bei uns am geringsten“, erklärt Gatzke. In Cottbus habe es immer ein funktionierendes Trainerteam gegeben, das eine Struktur erhalten wollte, mit der erfolgreicher Leistungssport fortgesetzt und junge Radfahrer zu Olympiasiegern und Weltmeistern geformt werden konnten.

Dass die jungen Talente vom Schüler- bis zum Elitebereich von Trainern mit Hochschulabschluss ausgebildet werden, „das gibt es deutschlandweit nur in Cottbus“, ergänzt der RSC-Geschäftsführer. Alle Trainer seien dazu selbst aktiv gewesen und wüssten, dass Quälen ebenso zum Erfolg gehöre wie einfühlsames individuelles Betreuen.

Nach Joachim Kreuz verabschiedet sich nun Rainer Gatzke aus diesem illustren Kreis. Weitere aus der Generation „Erfolgstrainer“ können inzwischen in der Altersklasse Ü60 starten.

Der RSC ist längst auf der Suche nach engagiertem Nachwuchs, der akzeptiert, sein Geld als Lehrer und Trainer zu verdienen, der nicht auf die Feierabend-Uhr schaut und Wochenenden wie Werktage betrachtet. „Das ist Leistungssport“, sagt Axel Viertler. Rainer Gatzke wollte das immer. Und „Professor“ ist er auch außerhalb der Wissenschaft geworden.