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| 06:00 Uhr

WM 2018
Passmaschinen ohne Gefahr

Dass Ballbesitz längst kein Zeichen von Überlegenheit sein muss, machte die WM in Russland deutlicher als je zuvor. Doch welches Team war das effektivste, welcher Spieler der lauffreudigste? Die Zahlen zum Turnier zeigen, dass Frankreich Weltmeister wurde, ohne statistisch zu glänzen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ist Geschichte. Nun steht fest: Das Turnier, das bereits im Vorfeld durch zahlreiche politische Nebenschauplätze für Schlagzeilen sorgte, wird auch aus fußballerischer Sicht in Erinnerung bleiben. Nicht nur, weil das deutsche Team unfreiwillig den Fluch des Titelverteidigers fortsetzte - auch viele weitere der favorisierten Mannschaften enttäuschten bei der WM-Endrunde. Gleichzeitig spielten sich Underdogs wie Kroatien oder der Gastgeber aus Russland in den Vordergrund. Hinzu kam die Flut an Elfmetern, Eigentoren und Treffern nach ruhenden Bällen. Betrachtet man die Leistungsdaten und Analysen zur WM, lässt sich der überraschende Turnierverlauf besser nachvollziehen. Das Portal Interwetten hat dazu die wichtigsten Statistiken und Grafiken zusammengefasst.

Der Ballbesitzfußball hat ausgedient

Die wichtigste Erkenntnis daraus lautet, dass der einst von den Spaniern etablierte Ballbesitzfußball allmählich ausgedient hat. 2010 in Südafrika spielten die Iberer ihre Gegner noch mit schier endlosen Ballstafetten schwindelig, am Ende musste ein Spieler den Ball meist nur ins Tor schieben. Auf ähnliche Art und Weise gewannen auch die Deutschen die WM 2014. Das Spielsystem von Trainer Joachim Löw war schon damals darauf ausgerichtet, den Ball so lange wie möglich in den eigenen Reihen zu halten. Darauf stellten sich in Russland besonders die "kleinen" Gegner ein und wählten defensive, gleichzeitig aber aggressive Spielweisen. Die Folge ist dramatisch: Spanien, Deutschland und Argentinien, die drei Teams mit dem meisten Ballbesitz (jeweils knapp 70 Prozent), schieden bereits frühzeitig und äußerst enttäuschend aus. Zum Vergleich besaßen die später siegreichen Franzosen im Durchschnitt nur zu etwas mehr als 50 Prozent den Ball und konzentrierten sich auf eine solide defensive Grundordnung.

Da hilft es auch wenig, dass Deutschland durchschnittlich die meisten Torschüsse pro Spiel abgab. Im Gegensatz zu treffsicheren Teams wie Kolumbien oder Kroatien entstanden diese Abschlüsse nämlich meist nicht aus schnellen Tempovorstößen - stattdessen verließ die deutschen Spieler wiederholt die Geduld, wenn sie sich am gegnerischen Sechzehner festgespielt hatten. So gelang es dem DFB-Team kaum, Überraschungsmomente zu kreieren. Die Folge war das peinliche Vorrunden-Aus mit nur einem aus dem Spiel heraus erzielten Treffer. Wesentlich besser machte es der Gastgeber: Russland versenkte starke 51,4 Prozent seiner Torchancen - absoluter Bestwert und neben dem extremen läuferischen Aufwand ein wesentlicher Grund für den Einzug ins Viertelfinale.

Auffällig lesen sich auch die Daten der Franzosen, die in vielen Kategorien lediglich im Mittelfeld landen. Dafür stach einer besonders heraus: Kylian Mbappé erzielte nicht nur vier Treffer und bereitete einen weiteren vor. Vor allem bestach er auch auf höchstem Niveau und unter größtem Druck durch seinen enormen Zug zum Tor und spektakuläre Tempodribblings. Er ging so häufig ins eins gegen eins wie sonst kein anderer Akteur und schaffte mit seiner Geschwindigkeit immer wieder Räume für sein Team. Hinter Neymar und Lionel Messi ist Mbappé dank seiner überragenden Leistung in Russland mit einem Marktwert von 150 Millionen Euro nun übrigens der drittteuerste Fußball der Welt – im Alter von 19 Jahren.

Russlands Haudegen unter den besten Verteidigern

Doch nicht nur vertikales Spiel und Geschwindigkeit im Angriff waren Schlüssel zum Erfolg bei der WM. Auch in den wesentlichen Abwehr-Statistiken wie den gewonnenen Kopfballduellen oder der Laufleistung pro Spiel liegen fast ausschließlich Mannschaften auf den vorderen Plätzen, die später mindestens das Viertelfinale erreichten. In der fiktiven Top-Elf von Interwetten, die anhand von Höchstwerten wie abgewehrten Torschüssen oder gespielten Pässen ermittelt wurde, finden sich einige Akteure dieser Mannschaften wieder. So stehen auf den defensiven Positionen der mittlerweile 39-jährige Russe Sergej Ignashevich mit den meisten erfolgreichen Klärungsversuchen (44), John Stones aus England mit einer unglaublichen Passquote von 94,8 Prozent sowie der Schwede Andreas Granqvist, der insgesamt 13 gegnerische Schüsse blockte. Als Torhüter komplettiert Thibaut Courtois die Verteidigung, der mehr Bälle hielt als jeder andere Keeper der WM (27).

Der vielleicht größte Gewinner der WM ragt zwar in keiner statistischen Kategorie heraus, gehört dazu aber in fast allen relevanten Disziplinen zu den Top-Spielern: Stuttgarts Innenverteidiger Benjamin Pavard, der vor etwas mehr als einem Jahr noch mit dem VfB in der zweiten Liga spielte, etablierte sich in Frankreichs Nationalmannschaft als Stammkraft, und das auf der für ihn ungewohnten Position des Rechtsverteidigers. Mit hoher Passgenauigkeit und exzellentem Stellungsspiel war er defensiv ein sicherer Rückhalt. Mit überraschend vielen Vorstößen, die er sogar mit einem Traumtor gegen Argentinien krönte, unterstütze er sein Team auch offensiv erheblich. Kein Wunder, dass er zu den begehrtesten Spielern des Transfersommers gehört. Unter anderem der FC Bayern soll interessiert sein.