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| 18:11 Uhr

Interview mit Michael Raack
„Da ist kein einziges Püppchen dabei“

 Lina Magull (l.) und Dzsenifer Marozsan bereiten sich intensiv auf das erste Deutschland-Spiel vor. Am Samstag trifft die DFB-Elf auf China.
Lina Magull (l.) und Dzsenifer Marozsan bereiten sich intensiv auf das erste Deutschland-Spiel vor. Am Samstag trifft die DFB-Elf auf China. FOTO: dpa / Sebastian Gollnow
Ortrand. Der Trainer vom SV Ortrand ist Frauenfußball-Enthusiast. Vor dem Start der WM erklärt er, warum Frauen anders ticken als Männer. Von Josephine Japke

Die Frauen vom SV Ortrand sind das Siegen gewohnt. Seit drei Jahren spielen sie in der Kreisliga – schlechteste Platzierung seitdem: Tabellenplatz 2. Vater des Erfolgs ist Michael Raack, der zuvor jahrelang die Männermannschaft trainierte. Kurz vor dem Start der Frauen-WM erklärt der 48-Jährige, was die Geschlechter voneinander lernen können.

Herr Raack, gibt es einen Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball?

Raack Klar, in jeder Weise. Das fängt schon in der Ausbildung an. Die meisten Männer durchlaufen alle Jugendmannschaften, kriegen unterschiedliche Taktiken und verschiedene Trainer mit. Die Grundausbildung ist also häufig viel besser. Das trainiert sich leichter, weil man nicht mehr alles erklären muss. Der Nachwuchs ist im Frauenbereich leider nicht ganz so gut ausgebildet. Da trainieren einige bis zur B-Jugend, also bis sie 16 sind, bei den Jungs mit und hören danach entweder auf oder schaffen den Sprung in die Frauenmannschaft.

Gibt es auch einen sportlichen Unterschied? Viele finden Frauenfußball zu langsam.

Raack Es gibt schon einen Unterschied in der Geschwindigkeit, der Koordination und dem Fußball-Denken. Das macht das Spiel ein wenig anders, aber deshalb nicht weniger attraktiv und gut. Wer sich auf Frauenfußball einlässt, sollte ihn nicht ständig mit dem der männlichen Kollegen vergleichen.

Wer sind denn nun die größeren Zicken, Männer oder Frauen?

Raack (nach langem Überlegen): Das hält sich die Waage. Die Männer lassen ihren Frust gleich raus, bei den Frauen führen wir später oft Gruppengespräche und klären Probleme. Am Anfang, da muss ich ehrlich sein, musste ich das noch lernen. Bei den Männern kann man auch mal einen derben Scherz machen, bei den Frauen kommt das nicht so gut an. Aber mit der Zeit haben wir uns deutlich angenähert.

 MIchael Raack (48) trainiert seit drei Jahren die Damen vom SV Ortrand.
MIchael Raack (48) trainiert seit drei Jahren die Damen vom SV Ortrand. FOTO: LR / Josephine Japke

Der SV Ortrand ist in der Kreisliga Südbrandenburg Zweiter geworden. Winkt bald der Aufstieg?

Raack Dann ginge es direkt in die Landesklasse und da müsste man Großfeld spielen. Das ist aber das Problem in der Liga: Das schafft keiner. Dafür bräuchte man doppelt so viele Spielerinnen, um die Saison durchzustehen, denn zu neunt kann man auf Großfeld nicht spielen. Es ist also immer und ewig die gleiche Liga. Man kann nicht absteigen und die meisten wollen nicht aufsteigen. Dennoch ist nicht alles schlecht: Wir können mehr oder weniger den Spielbetrieb selbst bestimmen und es so machbarer für die Mädels machen. Überlegung ist, dass sie zwei Spiele haben und dann ein Wochenende pausieren. Das lässt sich mit dem Privatleben leichter in Einklang bringen und kann dem Frauenfußball dadurch nur gut tun.

Wie viele Spielerinnen haben Sie denn gerade?

Raack Das sind pro Spiel etwa zehn oder neun. Wir haben eigentlich 16 Spielerinnen gemeldet, aber von denen sind einige Mütter, dann gibt es immer wieder Verletzungen und Gelbsperren und natürlich andere Hobbys. Dann spielen wir Sonntag 14 Uhr und da will man auch mal Zeit mit der Familie verbringen. Es ist nicht immer leicht, die Mannschaft vollzukriegen, aber da geht es vielen Vereinen ähnlich.

Es gibt also zu wenig Spielerinnen, aber auch zu wenig Zuschauer. Der Schnitt in der Frauenfußball-Bundesliga liegt bei knapp 1000. Hat der Frauenfußball ein Image-Problem?

Raack Ja. Aber woran das liegt, kann ich auch nur schwer beantworten. Frauenfußball wirkt langsamer und sieht deshalb anders aus. Doch bei den Frauen kann man sich einiges abgucken, da sie taktisch sehr diszipliniert spielen. Es macht Spaß, ihnen zuzusehen. Vor allem in den letzten Jahren hat sich der Frauenfußball erheblich weiterentwickelt.

Frauen sagt man nach, sie seien auf dem Spielfeld ehrlicher. Beispiel Schwalben: Gibt es die im Frauenfußball?

Raack Ich behaupte mal, da wo wir spielen, gibt es gar keine. Frauen wollen das nicht, haben es aber vielleicht auch nicht gelernt. Vielleicht wollen sie sich im vollen Sprint auch nicht hinschmeißen. Das weiß ich nicht. Im Frauenfußball wird aber auch weniger getackelt.

Wo ist denn die Grundstimmung aggressiver?

Raack Die ist bei Frauen und Männnern völlig gleich. Bei Männern entwickelt sich das im Spiel, bei Frauen wird auch mal gezickt. Aber da ist kein einziges Püppchen dabei, die kriegen auch mal ordentlich was ab, ohne sich zu beschweren oder liegenzubleiben. Die Frauen haben genauso Nehmer-Qualitäten wie die Männer.

Ist es normal, dass Sie als Mann Trainer einer Frauenmannschaft sind?

Raack Ja und nein. Ja, weil ich denke, dass wenn man den Frauenfußball attraktiver machen möchte, sie ein bisschen mehr so spielen müssen wie die Männer. Da gehört dazu, dass man manche Sachen schneller und intuitiv macht, manche Dinge ausprobiert und einstudiert, sich vielleicht auch mal fallen lässt. Aber ich denke schon, dass Frauenfußball immer Frauenfußball bleiben sollte. Wenn Frauen selbst jahrelang gespielt haben, wissen sie als Trainerin, dass manche Sachen einfach nicht anders möglich sind.

 Im letzten Jahr sicherten sich die Frauen vom SV Ortrand mit Trainer Michael Raack (Mitte) den Kreispokal Südbrandenburg. In diesem Jahr trifft man dort auf Kreisliga-Meister Gießmannsdorf.
Im letzten Jahr sicherten sich die Frauen vom SV Ortrand mit Trainer Michael Raack (Mitte) den Kreispokal Südbrandenburg. In diesem Jahr trifft man dort auf Kreisliga-Meister Gießmannsdorf. FOTO: FuPa Brandenburg / Eric Buntzel