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Nur ein bisschen Sentimentalität bei Danilo Hondo

Danilo Hondo ist seit Anfang des Jahres der Nationaltrainer in der Schweiz und ab diesem Mittwoch bei der Straßen-EM. Der QR-Code führt zu einem Video-Interview mit dem 43-Jährigen unter www.lr-online.de/hondo
Danilo Hondo ist seit Anfang des Jahres der Nationaltrainer in der Schweiz und ab diesem Mittwoch bei der Straßen-EM. Der QR-Code führt zu einem Video-Interview mit dem 43-Jährigen unter www.lr-online.de/hondo FOTO: Tino Schulz
Cottbus. Der Ex-Cottbuser hat eine Stippvisite in der Lausitz gemacht. Er erinnert sich gern, schaut aber doch lieber nach vorn auf seinen Job als Nationaltrainer der Schweiz. Und als Radsport-Berater. Und als Unternehmer auf Mallorca. Jan Lehmann

Als Nationaltrainer ist man manchmal das Mädchen für alles. Danilo Hondo stapelte jüngst nach dem Radklassiker Cottbus-Görlitz-Cottbus die Räder seiner Schweizer Nationalmannschaft ins Teamfahrzeug. Ganz gewissenhaft. Immer eins nach dem anderen. Bis unters Dach. Doch ein Rad fehlte - mit Fahrer drauf. "Einer aus unserem Team ist noch nicht ins Ziel gekommen", berichtete Hondo mit einer Seelenruhe. Dabei hätte er durchaus nervös werden können, schließlich war das Rennen schon lange beendet. Sein Schützling musste also irgendwo in der Lausitz falsch abgebogen sein.

Doch einen wie Danilo Hondo bringt man nicht so leicht aus der Fassung. Der 43-Jährige ist einst auf dem Sattel cool geblieben, hat als Profi zwei Etappen beim Giro d'Italia und viele mehr bei anderen Rundfahrten gewonnen. Er war Weltmeister mit dem Bahnvierer und deutscher Straßenmeister. Als Edelhelfer fuhr er für Erik Zabel oder Alessandro Petacchi die Sprints an, beim Team Gerolsteiner war er selbst der Sprintstar in der Mannschaft. Es gibt viele Jubelbilder von ihm, mit Champagner und mit Frauen im Arm. Aber auch von Stürzen, schweren Kopfverletzungen, einem verbeulten Gesicht.

Das alles konnte Hondo nichts anhaben. Selbst seine Dopingsperre und die gerichtlichen Auseinandersetzungen darüber überstand der gebürtige Gubener mit einer gewissen Gelassenheit. Sogar der sonst so unerbittliche Doping-Ankläger Werner Franke hatte damals für Hondo argumentiert: Die geringe Konzentration des Wirkstoffs Carphedon, die bei Hondo 2005 bei der Murcia-Rundfahrt festgestellt worden war, sei eher auf eine Verunreinigung von Lebensmitteln zurückzuführen, so die These.

Hondo überstand die zweijährige Sperre, die wegen der gerichtlichen Unterbrechungen sogar länger dauerte. Damals erlebte die Sportwelt den ersten Fall, in dem ein Zivilgericht eine vom Sportgerichtshof verhängte Strafe zeitweise wieder aufhob - Hondo war quasi die Claudia Pechstein auf dem Rennrad. Bis 2014 war der Sprinter noch aktiv, schon lange lebte er da im Tessin in der Schweiz. Seit Anfang 2015 betreute er die U23-Fahrer der Schweiz, seit Januar 2017 ist er nun Nationaltrainer.

Dabei könnte er immer noch als Fahrer durchgehen. Hondo hat immer noch Wettkampffigur. Im weißen Shirt und abgewetzten Jeans stand er beim Lausitzer Radklassiker im Sonnenschein, und man hätte leicht die Zeit etwas zurückdrehen können. Na gut, vielleicht nicht gleich ganze 30 Jahre zurück, als Hondo 1987 aus Guben an die Cottbuser Sportschule wechselte. Und vielleicht auch nicht unbedingt 20 Jahre, als er sich 1997 als junger Wilder dem Team Agro-Adler Brandenburg anschloss, ehe er zum Team Telekom wechselte.

An diese bewegten Zeiten beim damaligen Radsport-Marktführer erinnert der Hondo von heute noch ein bisschen. Es war damals die Hochphase vom Jan-Ullrich-Hype bis hin zum Dopingabsturz einer ganzen Branche. Später plädierte Hondo in einem vielbeachteten Aufruf für eine Doping-Amnestie und einen Schlussstrich.

Den zogen zumindest einige der Profis mit ihren Beichten. Einer der ersten, die sich offenbarten, war Telekom-Profi Christian Henn. Der 53-Jährige war als Sportlicher Leiter vom Team Lotto-Kern-Haus ebenfalls zuletzt beim Radklassiker in Cottbus dabei. "Wir hatten damals als Sportler sehr intensive gemeinsame Jahre", erinnert sich Hondo. Er konnte in Cottbus noch weitere bekannte Gesichter begrüßen, hielt hier ein Schwätzchen und schüttelte dort ein paar Hände. Allerdings immer mit der ihm eigenen Coolness - oder ist das die Schweizer Lockerheit? Hondo erklärte: "Ich bin ein Typ, der relativ emotionsfrei ist. Aber es ist spannend, mal wieder zurückzukommen. Ich bin ja wirklich selten da. Es gibt schon viele tolle Sachen, die ich hier in Cottbus erleben durfte."

Zweimal musste der gebürtige Gubener bereits eine Einladung zum Ehemaligen-Treffen an der Sportschule absagen. Er bedauert: "Da hätte ich bestimmt viele Leute wiedergetroffen, die meisten vielleicht gar nicht wiedererkannt." Ein kleines bisschen Sentimentalität kann der gebürtige Gubener dann doch nicht verhehlen. Hondo berichtete: "Wir haben extra im Sportinternat übernachtet. So konnte ich den Jungs zeigen, wo ich herkomme und von wo aus man es schaffen kann, ein großer Rennfahrer zu werden."

Ja, wie wird man ein großer Radfahrer? Diese Frage beantwortet Hondo auch in seiner Agentur, die er mit dem Forster Andreas Klöden gegründet hat. Diese Freundschaft stammt aus Sportschulzeiten. Gemeinsam sind sie bei Telekom und RadioShack gefahren, nun beraten die beiden Lausitzer junge Sportler. Hondo betont: "Es wird heutzutage viel über Details wie Datenerfassung gesprochen. Ich finde aber, die Basis ist wichtiger. Also die Lust am Sport, sich selbst zu motivieren. Daran sollte man sich abarbeiten, bevor man sich um die vermeintlich wichtigen Details kümmert."

Hondo hat noch die alte DDR-Radsportschule erlebt, ist dann als Profi im Westen durchgestartet. Sein Erfahrungsschatz ist riesig. Darauf setzt man in der Schweiz. Nächste Etappe ist die Straßenrad-EM in Herning (Dänemark) vom 2. bis 6. August. Dabei gab es bei der Benennung von Hondo als Nationaltrainer auch Gegenstimmen. Schließlich galt bis dahin bei den Eidgenossen das ungeschriebene Gesetz, dass kein ehemaliger Doping-Verurteilter eingestellt werden solle. Doch weil der Hondo-Fall ein spezieller war, setzte sich Leistungssportchef Thomas Peter über diese Prinzipien hinweg. Er wollte Hondo unbedingt.

Doch was will Hondo? Will er mal deutscher Bundestrainer werden? Hondo hebt abwehrend die Hände und lacht: Nein, das sei nicht sein Ziel. Er sehe sich mehr als Berater. Die Anstellung in der Schweiz ist auf hundert Tage pro Jahr festgeschrieben. Dazu noch die Agentur mit Andreas Klöden und ein Radverleih auf Mallorca, bei dem Hondo geführte Touren über die Insel anbietet. Zuletzt hat er bei Eurosport als Co-Kommentator bei der Tour de France gearbeitet.

Der Terminkalender ist voll. Aber der 43-Jährige macht nicht den Anschein, dass er sich davon stressen lässt. Apropos, was war eigentlich mit seinem jungen Fahrer, der sich irgendwo in der Lausitz verfranzt haben musste? Hondo zuckte mit den Schultern: "Da muss er jetzt durch. Das Leben ist die beste Lehre." Er muss es wissen.