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| 17:47 Uhr

Leichtathletik
Neustart mit fremder Niere

Der Cottbuser Sven Keuchler dreht derzeit regelmäßig in der Laufhalle im Sportzentrum seine Runden.
Der Cottbuser Sven Keuchler dreht derzeit regelmäßig in der Laufhalle im Sportzentrum seine Runden. FOTO: privat
Cottbus. Der Cottbuser Sven Keuchler bereitet sich auf die EM der Transplantierten vor. Von Sven Hering

Es ist ein Mammutprogramm, das sich Sven Keuchler herausgesucht hat. Die 200 Meter stehen auf seinem Plan, dazu die 400 Meter, 800 Meter, 1500 Meter, 5000 Meter. Und wenn möglich, soll auch noch die 4 mal 100-Meter-Staffel dazukommen. Das alles bei 28 Grad. Im Juni in Sardiniens Hauptstadt Cagliari. Dort finden in diesem Jahr die Europameisterschaften für Transplantierte und Dialysepatienten statt.

Im vergangenen Jahr hat der Cottbuser den Schritt vom reinen Hobby- zum ambitionierten Freizeitsport gewagt. Von den Deutschen Meisterschaften in Leipzig kehrte er mit vier Medaillen zurück, siegte dabei über die 100-Meter-Distanz. „Das lief besser als erwartet“, so Keuchler. Doch der erste Wettkampf dieser Art hat auch für eine höhere Erwartungshaltung gesorgt – vor allem bei Keuchler selbst. So wird er zwar auch in diesem Jahr an den Deutschen Titelkämpfen teilnehmen, die im Mai in Villlingen-Schwenningen ausgetragen werden. Doch das große Ziel bleiben die Europameisterschaften. „Und dort sprechen wir dann noch mal von einem ganz anderen Niveau“, so der Leichtathlet, der in einem Cottbuser Sportstudio mehrmals in der Woche trainiert und außerdem von Stephan Freigang in dessen Laufteam betreut wird.

Das Trainingsprogramm fordert den Vater zweier Kinder ordentlich. Zumal Keuchler ein Handicap hat: Er trägt eine Spenderniere. Und das schon seit einigen Jahren.

Mit einer akuten Nierenentzünding fing alles an. „Eine verschleppte Erkältung“, erklärt Keuchler. Damals war er 21 Jahre jung. Die Medikamente wirkten schließlich nicht mehr. „Ich war 22 Jahre alt, als meine Nieren endgültig versagten und ich zur Dialyse musste“, schildert der Freizeitsportler seine Krankheitsgeschichte. Doch Keuchler hatte Glück – auch wenn dieses Wort in Anbetracht der Vorgeschichte nicht wirklich passt. Denn nur kurze Zeit später konnte ihm eine Niere transplantiert werden. Heute wartet man im Schnitt zwischen vier und acht Jahren.

Das neue Organ, das sehr gut arbeitet, dazu die Rundum-Betreuung im Nephrologicum Lausitz in Cottbus waren Voraussetzungen dafür, dass der einstige KfZ-Mechaniker als Bauzeichner nicht nur beruflich noch einmal neu durchstarten konnte. „Ich habe einfach das Bedürfnis verspürt, wieder mehr Sport zu treiben“, sagt Keuchler. Im Internet wurde er beim Verein TransDia Sport fündig. Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, Transplantierte und Dialysepatienten wieder an Bewegung und Sport heranzuführen. Damit solle demonstriert werden, welche positiven Auswirkungen durch körperliche Aktivitäten für Dialysepatienten und Organtransplantierte erreichbar sind. Außerdem will der Verein die Öffentlichkeit für die Situation der Organspende sensibilisieren und so mit dazu beitragen, die Zahl der Transplantationen in Deutschland zu erhöhen.

Im Vergleich mit anderen Ländern hinkt Deutschland bei der Spendenbereitschaft deutlich hinterher. Und eine Tendenz gibt Anlass zur Sorge. So hat sich im vergangenen Jahr die Organspende erneut rückläufig entwickelt. Bundesweit gab es 797 Organspender, 60 weniger als im Jahr zuvor (2016: 857), teilt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mit. Die Anzahl der gespendeten Organe ist demnach um 9,5 Prozent auf 2594 Organe gesunken. Im Jahr 2016 waren es noch insgesamt 2867 Organe.

Durch den grenzüberschreitenden Organaustausch liegt die Zahl der transplantierten Organe in Deutschland jährlich etwas über der Summe der entnommenen Organe. Insgesamt 2764 Spenderorgane wurden im vergangenen Jahr erfolgreich verpflanzt und haben Patienten das Leben gerettet oder zu einer besseren Lebensqualität verholfen. Im Vergleichszeitraum 2016 konnten bundesweit noch 3049 Organe transplantiert werden. Die bundesdurchschnittliche Spenderrate lag im Jahr 2017 bei 9,7 Spendern pro eine Million Einwohner. „Jedes Spenderorgan – ob Niere, Herz, Lunge oder Leber – bedeutet für einen schwer kranken Patienten auf der Warteliste eine neue Lebenschance“, erklärt Dr. Axel Rahmel, Medizinscher Vorstand der DSO.

Sven Keuchler hat diese Chance genutzt. Doch ein wenig Ungewissheit schwingt bei ihm immer mit. Denn auch wenn Patienten mit einer neuen Niere inzwischen mehrere Jahrzehnte lang leben können, bleibe die Angst natürlich gegenwärtig, dass das Spenderorgan versagen könnte, sagt er. „Aber darüber will ich nicht jeden Tag nachdenken“, so Keuchler. Stattdessen studiert er lieber seine Trainingspläne oder schuftet im Fitnessstudio für den nächsten großen Wettkampf. „Derzeit sieht es ganz gut aus“, verrät er. Auch wenn das Knie ob des großen Trainingsumfangs ein wenig schmerzt. „Doch das“, so gibt sich der 46-Jährige optimistisch, „bekomme ich schon noch rechtzeitig hin.“

Stolz präsentiert Sven Keuchler eine Medaille der Deutschen Meisterschaften 2017 in Leipzig.
Stolz präsentiert Sven Keuchler eine Medaille der Deutschen Meisterschaften 2017 in Leipzig. FOTO: privat