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| 16:50 Uhr

Quereinsteiger mischen die Fußball-Bundesliga auf
Mamba und die Spätberufenen: Cinderella lässt grüßen

 Die Schlange hat zugebissen: Streli Mamba bejubelt sein erstes Bundesliga-Tor gegen Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen.
Die Schlange hat zugebissen: Streli Mamba bejubelt sein erstes Bundesliga-Tor gegen Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen. FOTO: imago images / Kirchner-Media / Kirchner/David Inderlied, via ww
Cottbus. Hoffenheims Sargis Adamyan war vor kurzem noch Amateur und hat nun die Bayern abgeschossen. Die Fälle der abgeschriebenen Quereinsteiger häufen sich. Auch in Cottbus hat man jüngst erlebt, wie schnell es von der Regionalliga in die Bundesliga gehen kann. Von Steven Wiesner

Streli Mamba hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt. Oder besser gesagt an sich. „Wird es überhaupt etwas mit mir?“, fragte sich der Stürmer vor ein paar Jahren, wie er neulich dem „Tagesspiegel“ verraten hat. Es war die Zeit, als der Junge aus Göppingen mit Anfang 20 noch beim SGV Freiberg in der Oberliga Baden-Württemberg spielte und selbst an eine Anstellung beim FC Energie Cottbus noch nicht zu denken war. Mamba schmiedete schon einen Plan B, falls sich der Traum vom Profifußball in Luft auflösen sollte. „Wenn ich 25 und immer noch nicht in der Nähe bin, mit dem Fußball Geld zu verdienen, dann werde ich eine Ausbildung machen“, redete er sich selbst ein. Nur drei Jahre später aber hat Streli Mamba die Existenzängste genauso stehen lassen wie seine Verteidiger auf dem Fußballplatz. Mamba ist mittlerweile 25. Doch er muss sich keine Gedanken über eine Lehre machen, sondern nur über den nächsten Gegner. Denn Mamba spielt für den SC Paderborn – und ist angekommen in der Bundesliga.

Doch die Geschichte des Ex-Cottbusers, der in den vergangenen zwei Jahren 44 Tore in 110 Spielen für Energie erzielte, ist kein Einzelfall. Es gibt in diesen Tagen auffällig viele Spätberufene, die schon fast abgeschrieben waren, mit ihrem Dasein in der Regional- und Oberliga haderten und nun plötzlich im Scheinwerferlicht der Bundesliga ganz groß aufspielen und die Starensembles aus München und Dortmund ärgern, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kannten.

 Doppelpack gegen Dortmund: Marius Bülter war beim bisher einzigen Saisonsieg von Union Berlin der Matchwinner gegen den BVB. 
Doppelpack gegen Dortmund: Marius Bülter war beim bisher einzigen Saisonsieg von Union Berlin der Matchwinner gegen den BVB.  FOTO: Matthias Koch

Quereinsteiger wie Marius Bülter (26) vom 1. FC Union Berlin, der im Juli 2018 noch in der vierten Liga in Rödinghausen unterwegs war, über den 1. FC Magdeburg zum Bundesliga-Aufsteiger nach Köpenick wechselte und die Eisernen beim 3:1-Erfolg über Borussia Dortmund mit zwei Toren auf die Siegerstraße schoss. Oder Kai Pröger (27), der das letzte Weihnachten noch als Regionalliga-Spieler von RW Essen feierte, im Januar nach Paderborn wechselte und vor anderthalb Wochen sein 1. Bundesliga-Tor gegen die Bayern und Manuel Neuer schoss. Oder Sargis Adamyan (26) von der TSG Hoffenheim, der in Neustrelitz und Rostock ausgebildet wurde, bis 2017 Regionalliga beim TSV Steinbach spielte und am Wochenende in seinem überhaupt erst dritten Erstliga-Spiel mit zwei Toren den Rekordmeister aus München abschoss. Wäre jemand auf die Idee gekommen, ihnen all das vor ein paar Monaten zu prophezeien, hätten sie wahrscheinlich gefragt, ob es für solche Fälle auch etwas von Ratiopharm gebe.

 Doppelpack gegen Bayern: Sargis Adamyan hat die TSG Hoffenheim in der Allianz Arena zum 2:1-Auswärtssieg geschossen.
Doppelpack gegen Bayern: Sargis Adamyan hat die TSG Hoffenheim in der Allianz Arena zum 2:1-Auswärtssieg geschossen. FOTO: imago images/ActionPictures / Peter Schatz via www.imago-image

In einer Zeit, in der Kinder schon von Talentscouts umworben werden, ehe sie die Pubertät erreichen, ist die Invasion der Senkrechtstarter schon bemerkenswert. Mit der Einführung von professionellen Nachwuchsleistungszentren und Eliteschulen galten Karrierewege wie der eines Miroslav Klose als unmöglich. Klose hatte seine Anfänge im Männerfußball noch in der siebten Liga gemacht und ist bis zum WM-Rekordtorschützen aufgestiegen.

So weit sind Mamba & Co. zwar nicht, trotzdem ähneln ihre Geschichten schon jetzt kleinen Cinderella-Märchen. Wie das unterschätzte Aschenputtel sind sie lange für nicht gut genug befunden und bei Probetrainings abgelehnt worden, haben Fußball-Internate teilweise nie von innen gesehen und sich dennoch ihren Traum erfüllt.

Wahr werden solche Träume aber nicht nur durch die Spieler selbst, sondern auch durch Sportfunktio­näre wie Markus Krösche. Der ist jetzt Sportdirektor bei RB Leipzig, hatte zuvor aber noch die Wechsel von Mamba und Pröger nach Paderborn eingefädelt. Dem „11 Freunde“-Magazin sagte er kürzlich: „Die Regionalligen bieten einen unglaublichen Pool an Spielern.“ Und vor allem preisgünstige Alternativen in einem explodierenden Markt.

Sehr wahrscheinlich steht auch aus dem aktuellen Energie-Kader schon so manches Talent in irgendeinem Notizbuch. Berkan Taz zum Beispiel, der 2016 im Übrigen auch noch in der Oberliga spielte. Mit sechs Toren in elf Partien hat er in seinem ersten Regionalliga-Jahr bisher auf sich aufmerksam gemacht. Die Union-Leihgabe sagt selbst: „Mein Ziel ist die Bundesliga.“ Und nicht zuletzt Streli Mamba hat ja vorgemacht, wie schnell es gehen kann. Nach vier Bundesliga-Einsätzen steht er bei zwei Toren. Es ist also doch noch was geworden mit ihm.

 Einer für die Bundesliga? Berkan Taz (hier gegen Corentin Tolisso, Thiago und Joshua Kimmich) hat im Pokal schon gegen Bayern getroffen.
Einer für die Bundesliga? Berkan Taz (hier gegen Corentin Tolisso, Thiago und Joshua Kimmich) hat im Pokal schon gegen Bayern getroffen. FOTO: Frank Hammerschmidt