| 17:50 Uhr

Nachruf
Lothar Thoms – der Kilometer-Mann aus Atterwasch

Christian Taubert
Christian Taubert FOTO: Sebastian Schubert / LR
Cottbus. Ein Lausitzer Ausnahme-Radsportler, der alles gewonnen hat, was es auf den Radrennbahnen der Welt zu gewinnen gab, ist tot. Ein Nachruf auf den verstorbenen Olympiasieger Lothar Thoms. Von Christian Taubert

Es war die letzte Dienst-Mail, die ich am 6. November 2017 erhielt. Noch kurz vor Mitternacht hatte Horst Uibel mitgeteilt, dass Lothar Thoms sein letztes Rennen verloren hat. Ein Lausitzer Ausnahme-Radsportler, der in seiner sportlichen Karriere alles gewonnen hat, was es auf den Radrennbahnen der Welt zu gewinnen gab, ist tot.

Horst Uibel, der Vater des Bahnradsprint-Bundestrainers Detlef Uibel, gehörte Anfang der 1970er-Jahre  mit seinem Bruder Heinz Kahle zu den Entdeckern und Übungsleitern von Lothar Thoms. Welches Juwel die beiden damals gefunden hatten, wurde mit dem Wechsel des Supertalents zum 1969 gegründeten Radsport-Leistungszentrums des
SC Cottbus schnell sichtbar. In der Paradedisziplin des DDR-Radsports, dem 1000-m-Zeitfahren, kämpfte sich der Junge aus Atterwasch ab 1975 immer weiter nach vorn. Er machte nie ein Hehl daraus, ganz nach oben zu wollen. Und dabei half ihm vor allem, dass er sich im Wettkampf extrem konzentrieren und steigern konnte.

So verdrängte Thoms Weltmeister Klaus-Jürgen Grünke, um sich 1977 bei seinem ersten Welttitelkampf im venezolanischen San Cristóbal selbst das Regenbogentrikot überzustreifen. In den Folgejahren bis 1981 verteidigte der Cottbuser die WM-Trophäe viermal hintereinander, was später nur noch der Franzose Arnaud Tournant (1998 bis 2001) wiederholen konnte. Doch der „Weltbeste Radsportler 1981“ krönte seine Laufbahn mittendrin noch mit einer außergewöhnliche Leistung. Bei den vom Westen boykottierten Olympischen Spielen 1980 in Moskau gewann er nicht nur Gold. Auf der Lärchenholzpiste des Velodroms von Krylatskoje spulte er den Kilometer in 1:02,995 Minuten herunter: Weltrekord!

Einen erheblichen Teil seines Erfolges hat Lothar Thoms immer wieder seinem Trainer Gerd Müller zugeschrieben, der auch das Lausitzer Radsprint-Idol Lutz Heßlich (viermal Weltmeister, zwei Olympiasiege) unter seinen Fittichen hatte. Er war aber auch stolz auf den Zusammenhalt in der Cottbuser Radsportfamilie dieser Jahre. Immerhin gehörte Lothar Thoms zu jenem fünfblättrigen Kleeblatt von SCC-Radassen, die 1979 fünf Weltmeistertitel in die Lausitz holten. Dazu gehörten: Lutz Heßlich (Sprint), Volker Winkler (Bahnvierer), Bernd Drogan und Hans-Joachim Hartnick (Straßenvierer). Der SC Cottbus wurde damit zum erfolgreichsten Radsportklub aller Zeiten.

Das Karriere-Ende des Ausnahmeathleten Lothar Thoms war letztlich politisch bestimmt. In der RUNDSCHAU hatte er 2005 geschildert, dass er sich 1984 nach vielen Knieoperationen noch einmal auf Olympia vorbereitet hatte. Anfang Mai 1984 habe er dann im sowjetischen Fernsehen das „Njet“ gehört und daraufhin Lutz Heßlich angerufen. „Die Russen haben gerade abgesagt, das wird bei uns genauso sein“, prophezeite er den Olympiaboykott des Ostens für Los Angeles. „An dem Tag war das für mich gegessen.“ Thoms sei noch überredet worden, mit Maik Malchow einen Nachfolger heranzuziehen. Der habe bei Ersatz-Olympia in Moskau, so Thoms, mit seinem zweiten Platz den Plan erfüllt. „Damit konnte ich abtreten.“

Horst Uibel habe ich geantwortet, wie leid mir Lothars früher Tod tut und dass ich ihn nie vergessen werde. Außerdem wird mich seine goldene Plakette, die an der Seite
vieler anderer Cottbuser  Olympia-Medaillengewinner den „Weg des Ruhmes“ vor dem Cottbuser Rathaus ziert, immer wieder erinnern: an den Kilometer-Mann aus Atterwasch.

RUNDSCHAU-Reporter Christian
Taubert war selbst einst mehrfacher DDR-Meister im Radsport.