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| 12:20 Uhr

Olympia
Loopings auf Büroklammern

Steven Wiesner
Steven Wiesner FOTO: Sebastian Schubert / LR
Wir Deutschen konzentrieren uns bei Olympischen Winterspielen meist auf Biathlon, Skispringen oder Rodeln. Doch die Sportart, die mich am meisten für sich gewonnen hat bei diesen Spielen von Pyeongchang, ist die älteste von allen: das Eiskunstlaufen. Von Steven Wiesner

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es gerade für die männliche Spezies vorteilhaftere Gewänder gibt als lilafarbene Seidenhemden. Aber was manche Herrschaften da mit ihren Rittbergern und Toe-Loops aufs Eis zaubern, ist an Anmut und Magie kaum zu übertreffen. Auf einer Kufe, die nur vier Millimeter breit und damit so schmal wie vier Büroklammern ist, spielen die Athleten mit den Gesetzen der Schwerkraft, drehen sich in die Luft wie eine Gewindeschraube und dabei binnen einer Sekunden bis zu viermal um die eigene Achse und müssen noch zusehen, dass sie bei der Landung den Druck ihres zwölffachen Körpergewichts ausbalancieren. Es ist sagenhaft. Ein Mix aus Power und Poesie.

Der Mann, der all das am besten beherrscht und nun zum zweiten Mal Olympia-Gold gewonnen hat, ist Yuzuru Hanyu. Wenn der 23-jährige Japaner zu asiatischer Folklore dahingleitet, steht die Welt still. Man müsste eigentlich mal überlegen, ob Hintergrundmusik auch den Fußball aufwerten könnte. Ein Messi-Dribbling mit „Nessun Dorma“ unterlegt stelle ich mir jedenfalls großartig vor.

Das alles wird nun aber kaum dazu führen, dass sich Horden von Männern auf der ganzen Welt abends zusammenfinden und mit Sushi und Ente Kross eindecken, um Eiskunstlaufen zu gucken, so wie sie es beim Super Bowl noch mit Chicken Wings und amerikanischem Finger Food getan haben. Der Vorstellung hat trotzdem was.

RUNDSCHAU-Volontär Steven Wiesner (27) hat früher immer über seine Mutter gelacht, wenn sie Eiskunstlaufen geschaut hat – und wird nun von seinem Vater ausgelacht.