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Löw "voller Wut" auf Fan-Chaoten

Rund 200 Deutsche hatten am Freitag beim Spiel gegen Tschechien rechtsradikale Parolen gegrölt – für Bundestrainer Joachim Löw eine "Schande".
Rund 200 Deutsche hatten am Freitag beim Spiel gegen Tschechien rechtsradikale Parolen gegrölt – für Bundestrainer Joachim Löw eine "Schande". FOTO: dpa
Stuttgart. Nach den schlimmen Entgleisungen von Prag will die deutsche Mannschaft nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die sportlichen Ziele gegen Norwegen an diesem Montag verblassen fast – dabei liegt das WM-Ticket bereit. Klaus Bergmann und Jens Mende

Joachim Löw ist "voller Wut". Der Bundestrainer verurteilte die schlimmen Entgleisungen von deutschen Fan-Chaoten beim Sieg in Tschechien in einer emotionalen Wortmeldung und verband sie mit einem eindringlichen Fairness-Appell an das Publikum beim zweiten WM-Qualifikationsspiel des Weltmeisters in Stuttgart.

In der vollbesetzten Mercedes-Benz-Arena wollen Mats Hummels und seine Kollegen an diesem Montag (20.45 Uhr/RTL) gegen Norwegen wieder ein fröhliches Fußballfest mit ihren wahren Anhängern feiern. Die Partie soll nicht wieder von Misstönen auf den Zuschauerrängen geprägt sein wie in Prag, sondern möglichst vom Jubel über das im Idealfall vorzeitig gelöste Ticket zur WM 2018 in Russland.

"Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte Löw am Sonntag bei der DFB-Pressekonferenz in Sichtweite des Stadions. Es folgte ein Monolog, in dem sich der Weltmeistercoach so klar von den "sogenannten Fans" absetzte, wie es seine Mannschaft schon zwei Tage zuvor getan hatte. Nach dem 2:1 in Prag hatte sie auf Kommando von Wortführer Hummels auf den sonst üblichen Gang zu den mitgereisten deutschen Anhängern verzichtet. "Dass die Mannschaft nicht in die Kurve gegangen ist, war das absolut richtige Zeichen", urteilte Löw.

"Diese Chaoten wollen wir nicht, das sind nicht unsere Fans. Ihr Verhalten ist zutiefst verachtenswert", sagte der Bundestrainer. Eine Gruppe von rund 200 Deutschen, die ihre Karten nicht über das DFB-Kontingent erworben hatten, riefen rechtsradikale Parolen, störten eine Gedenkminute und fielen auch durch Schmähungen des 1:0-Schützen Timo Werner negativ auf. "Ich bin nicht besorgt und traurig, sondern voller Wut. Ich bin sehr angefressen", sagte Löw.

Die Chaoten hätten die Bühne des Fußballs und eines Länderspiels "mit ihrem oberpeinlichen Auftreten" missbraucht und "viel Schande" über Deutschland gebracht, schimpfte der 57-Jährige: "Jeder, der von diesen Leuten nicht ins Stadion kommt, ist ein Gewinn."

Politisch stellte sich Löw auf jene Seite, "die absolute Härte bei Sanktionen fordert". Chaoten raus, lautet die Forderung, die auch Siegtorschütze Hummels schon direkt in Prag geäußert hatte. "Man muss einfach schauen, dass man sie aus dem Stadion rauskriegt", sagte der Bayern-Profi. Als "Katastrophe" und "ganz schlimm" beschrieb Hummels die verstörenden Vorfälle: "Das fing ja schon bei der Schweigeminute an. Da gab es schon ein schlechtes Verhalten von einigen. Timo Werner wird beleidigt, bepöbelt. Dann fangen die Fans an, diesen Scheiß zu rufen. Da distanzieren wir uns komplett davon", sagte Hummels besonders zu rechtsradikalen Rufen.

Am Wochenende waren die "Chaoten" weiterhin ein Thema im Teamhotel. Löw äußerte den Wunsch, dass sich im Heimspiel gegen Norwegen auch die verbalen Schmährufe gegen Reizfigur Timo Werner nicht wiederholen mögen. Der Bundestrainer warb intensiv für den 21 Jahre alten Angreifer mit Vergangenheit beim VfB Stuttgart: "Er spielt mit größter Freude und Leidenschaft für sein Land."

Löw geht mit klaren Vorstellungen in die drittletzte Partie der WM-Ausscheidung 2018. "Das Spiel zu gewinnen und die Qualifikation zu schaffen, steht im Vordergrund." Der Chefcoach kündigte "zwei, drei Wechsel" an, benannte aber nur Julian Draxler als fixe Veränderung.

Mit einem Sieg gegen Norwegen könnte Deutschland vor den mehr als 50 000 Zuschauern in der Stuttgarter Arena den Gruppensieg perfekt machen, wenn der Tabellenzweite Nordirland gegen Tschechien zeitgleich Punkte einbüßen sollte. Für Hummels und Co. stünde dann ein Zahltag an: Der DFB müsste für das WM-Ticket rund 4,5 Millionen Euro an Prämien an die Spieler ausschütten.