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| 15:08 Uhr

Löw trotzt dem Gegenwind

München. Noch überwiegen in Deutschland Trauer und Ärger über die verpasste Titelchance. Dem ersten Sturm der öffentlichen Entrüstung begegnet der DFB mit einem Schulterschluss mit dem Trainer. Löw hat sich eine weitere Chance verdient – 2014 in Brasilien. Klaus Bergmann und Jens Mende

Die Höchststrafe für Joachim Löw und seine unvollendeten Titeljäger gab es erst zwei Tage nach dem selbst verschuldeten EM-K.o. Noch vor dem großen Finale in Kiew musste der Bundestrainer daheim im Schwarzwald seinen längst ausgetüftelten Spanien-Plan in die Tonne schmeißen und sich mit der schmerzhaften Zuschauerrolle begnügen. Zudem durfte der noch vor Tagen gefeierte Trainer-Liebling irritiert feststellen, wie schnell Stimmungen in einer großen Fußball-Nation wie Deutschland umschlagen können. "Man braucht einige Tage Abstand, um die Dinge einzuordnen", hatte der von den Turnierstrapazen gezeichnete Löw bei seinem Abschied von der Mannschaft erklärt: "Zur Ruhe kommen ist ganz gut."

Sturm der Entrüstung

Dem ersten öffentlichen Sturm der Entrüstung über den falschen Matchplan bei der 1:2-Niederlage gegen Turnier-Angstgegner Italien begegneten Löw und der DFB am Wochenende mit einem demonstrativen Verzicht auf weitere Verlautbarungen. Den Schulterschluss mit dem Trainer hatte Verbandspräsident Wolfgang Niersbach noch vor dem abrupten Ende des EM-Unternehmens im Halbfinale verkündet: "Wir werden in dieser Konstellation weitermachen in der Hoffnung, dass es bald auch mal wieder zu einem Titel reicht."

Ein einfaches "Weiter so" darf es nicht geben. Bevor er nach einer letzten Medienoffensive beim Heimflug aus Warschau abtauchte, hatte Löw - wenn auch noch etwas halbherzig - "selbstverständlich die Verantwortung" für das überflüssige Turnier-Aus übernommen: "Ich stehe dafür auch gerade."

Löw hat mit seiner seltsamen Mischung aus Selbstüberhöhung und gleichzeitiger Unterwerfung seiner Aufstellung gegen Italien in den ersten 45 Minuten mit den zwei Balotteli-Toren sein eigenes, in sechs Jahren aufgebautes Gesamtwerk beschädigt. Aber zerstört hat es der immer noch geschätzte Bundes-Jogi nicht. "Die Mannschaft hat weiter großes Potenzial. Ich denke, dass niemand für längere Zeit einen Knacks davonträgt", sagte er - und meinte damit auch sich selbst.

Erste Umfragen in der Fußball-Szene und der Bundesliga ergaben selbst bei Löw-Kritikern keine Rücktrittsforderungen. "Der Trainer hat immer alles richtig gemacht. Wir gehen immer seinen Weg, den er vorgibt", sagte der wegen seiner körper lichen Defizite in Polen und der Ukraine nicht zur Führungskraft taugende Bastian Schweinsteiger, an dem Löw trotzdem von der ersten bis zur letzten Minute festhielt.

Mit seinem Italien-Plan hatte Löw auch die Spieler vor den Kopf gestoßen, ihnen Mut und Selbstbewusstsein genommen. Trotzdem rückte niemand vom Chef ab. Auch die unvermeidliche Führungsspieler-Debatte konterte nicht nur der Bundestrainer. "Es ist eine andere Art von Führung heutzutage. Da sehe ich nicht die Problematik", sagte Löw. Mesut Özil, der mit am meisten unter dem Halbfinal-K.o. leidet, wehrte sich in der "Welt am Sonntag" ebenfalls gegen diese typisch deutsche Diskussion: "Wer ist denn ein Führungsspieler? Lampard? Van Bommel? Rooney? Ribery? Wo waren die bei den Halbfinals?"

Reife fehlt

Khedira, Neuer, Hummels - das könnten die künftigen Anführer sein, auf ihre vor allem von Ehrgeiz getriebene Art. "Wenn man sieht, wie Sami Khedira noch in der 90. Minute rennt, wie Manuel Neuer nach vorne stürmt. Unsere Jungs haben großes Herz gezeigt", betonte Teammanager Oliver Bierhoff. Die Reife fehlte, wie Abwehrspieler Holger Badstuber resümierte: "Die Italiener sind turniererfahrener. Die wissen, wie sie das handhaben müssen." Löw sah es ähnlich: "Die Spieler sind vielleicht noch nicht ganz erwachsen." Man dürfe "nicht immer alles an einem Ergebnis festmachen", mahnte der auch noch nicht ausgereifte Künstler Özil. Immerhin hatte das junge Team zuvor 15 Pflichtspiele in Serie gewonnen und für zahlreiche genüssliche Fußball-Abende gesorgt.

Es kommt jetzt auf die "Aufarbeitung" an, wie Löw betonte, "dass man sich Gedanken macht, was anders hätte laufen können". Und was künftig anders laufen muss, auch im Umfeld, wo das Rundum-sorglos-Paket des DFB überprüft werden sollte. Denn letztendlich ist und bleibt Fußball ein Ergebnissport.