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| 02:43 Uhr

Lausitz verpasst den Weltmeister-Zug

Danke für die Blumen: Lennard Kämna wechselt zum Team Stölting – will aber weiter Mitglied beim RSC Cottbus bleiben.
Danke für die Blumen: Lennard Kämna wechselt zum Team Stölting – will aber weiter Mitglied beim RSC Cottbus bleiben. FOTO: Roth/rrt1
Cottbus. Der überraschende Wechsel von Junioren-Weltmeister Lennard Kämna zum Team Stölting wird in der Radsport-Lausitz heftig diskutiert. Hat das LKT-Team Brandenburg da den künftigen Top-Star übersehen? Oder stimmen einfach die Strukturen nicht? Jan Lehmann

Es klang schon nach Abschiedsworten, als Lennard Kämna bei seinem Weltmeister-Empfang beim RSC Cottbus sagte: "Ich bedanke mich bei allen, die mich in den vergangenen Jahren unterstützt haben." Dabei bleibt Kämna noch bis zum Frühjahr in der Lausitz, er will schließlich noch sein Abi an der Sportschule machen. Doch der Abschied steht schon fest. Den Bremer, der seit der neunten Klasse in Cottbus gelernt und sich zum Junioren-Weltmeister entwickelt hatte, zieht es in den Ruhrpott.

Für viele kommt der Schritt überraschend, für manche muss er Konsequenzen haben. RSC-Geschäftsführer Axel Viertler sagt: "Wir müssen schauen, ob unsere Strukturen beim Übergang vom Juniorenbereich zur U 23 noch stimmen."

In der Rennfahrersprache würde man wohl sagen: Die Lausitz hat da einfach den entscheidenden Zug verpasst. Als die Post beim Buhlen um das Cottbuser Top-Talent Lennard Kämna abging, muss das hier ansässige LKT-Team Brandenburg jedenfalls irgendwo zu spät gekommen sein. Denn trotz bester Voraussetzungen verpassten es die Lausitzer, den Junioren-Weltmeister weiter in der Region zu halten und für ihr Team zu verpflichten. Stattdessen hatte sich Team Stölting in Kämnas Windschatten festgesaugt und nicht mehr locker gelassen. Kämna unterschrieb letztlich einen Ein-Jahres-Vertrag bei dem Continentalteam aus Gelsenkirchen.

"Über diesen Wechsel sind wir natürlich sehr traurig" sagt LKT-Teammanager Steffen Blochwitz und betont: "Wir hätten Lennard gern bei uns im Team gehabt." Die Lausitzer hatten Blochwitz zufolge beim 18-Jährigen ein Gesprächsangebot hinterlegt, doch auf dessen Bitte noch die Weltmeisterschaft in Ponferrada/Spanien abgewartet. "Da will man als Fahrer in Ruhe gelassen werden, das wissen Geschäftsführer Robert Bartko oder auch ich aus eigener Erfahrung", so Blochwitz.

Doch als Kämna als umjubelter Zeitfahr-Weltmeister aus Spanien zurückkam, war mit dem Team Stölting schon alles klar. Blochwitz erklärt: "Stölting hat mit Trainer Jochen Hahn sehr zeitig und sehr aggressiv um Lennard geworben. Vielleicht waren wir da nicht aggressiv genug."

Ein bisschen hatte man sich bei LKT wohl auch darauf verlassen, dass ein längst gängiger Automatismus auch bei Kämna funktioniert. So war es bisher beinahe ein ungeschriebenes Gesetz, dass die jungen Talente nach dem Abi an der Sportschule zum LKT-Team wechseln, um sich dort weiterzuentwickeln. Doch die Zeiten haben sich geändert. Blochwitz betont: "Es gibt kaum noch anderswo solche funktionierenden Nachwuchsstrukturen wie in Cottbus. Und auf diese Talente greifen jetzt alle Teams zu."

Das Werben wird also heftiger, dafür lassen sich die Teams einiges einfallen. Es geht nicht immer nur um Geld. Stölting beispielsweise schickte extra einen Vertreter zur Lausitzer Sportschule, um Kämnas Plan für die Abiturprüfungen abzustimmen. Dem Weltmeister sollte so gezeigt werden, wie behutsam er im Team aufgebaut werden soll. Die haben im kommenden Frühjahr Vorrang für den 18-Jährigen, der betont: "Das Abi ist mir wichtig. Falls es mit dem Radsport nicht klappt, will ich eine Ausbildung anfangen."

Doch sein Traum ist ein Leben als Radprofi. Und genaugenommen ist Stölting dafür eine richtig gute Adresse. Die Gelsenkirchener haben in dieser Saison im U23-Bereich alles in Grund und Boden gefahren. Und obwohl es mit der ProTour-Lizenz für 2015 noch nicht klappte, sind die Aufstiegspläne von Stölting längst nicht ad acta gelegt. Steffen Blochwitz gibt zu: "In Sachen Erfolg sind sie uns in diesem Jahr voraus. Ansonsten spricht weiterhin viel für uns." Und dennoch wolle man im Team "die eigene Einstellung überdenken" und "an der Kommunikation arbeiten".

Und Lennard Kämna? Der sieht sich trotz des Wechsels weiterhin ein bisschen als Lausitzer. Er will Mitglied beim RSC Cottbus bleiben und betont: "Wenn die Medien mich weiterhin als Cottbuser bezeichnen, ist das völlig in Ordnung. Cottbus hatte mit dem RSC, der Sportschule und dem Olympiastützpunkt einen sehr großen Anteil an meiner Entwicklung."

Zum Thema:
Das Team: Das LKT Team beherbergt nach eigenem Selbstverständnis die besten U23-Fahrer aus den Bereichen Straße und Bahn-Ausdauer des Landes Brandenburg. Weltspitzenleistungen auf der Bahn sind erklärtes Ziel. Die Fahrer: In der kommenden Saison setzen die Lausitzer vor allem auf Bahn-Europameister Leon Rohde, der um einen Platz im deutschen Vierer kämpft. Willi Willwohl soll nach einem krankheitsbedingt schwachen Jahr auf der Straße wieder in die Erfolgsspur zurückfinden. Und Steher-Europameister Stefan Schäfer gilt ebenfalls als eine der Säulen des Teams.