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U21
Kuntz trägt in Cottbus die EM-Bürde

Stefan Kuntz führte den deutschen Nachwuchs im Juni zum EM-Titel. Jetzt muss er allerdings ein ganz neues Team aufbauen.
Stefan Kuntz führte den deutschen Nachwuchs im Juni zum EM-Titel. Jetzt muss er allerdings ein ganz neues Team aufbauen. FOTO: dpa
Cottbus. Die U 21 ist Favorit gegen Aserbaidschan – doch der Bundestrainer warnt. Der letzte deutsche EM-Titel war kein gutes Omen. Steven Wiesner

Wenn es um Cottbus geht, ist Stefan Kuntz geteilter Meinung. Auf die Frage, ob die Lausitz als Standort im deutschen Profifußball fehle, antwortet der U 21-Bundestrainer augenzwinkernd: "Wenn man es egoistisch sieht, dann ist ein schweres Auswärtsspiel wegge fallen." Doch er bedauert es auch, dass er in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender beim 1. FC Kaiserslautern bis 2016 nicht öfter nach Cottbus kommen durfte. "Energie fehlt schon", sagt Kuntz und erinnert sich vor allem an "eine fantastische Atmosphäre, ein enges, traditionelles Stadion. Wenn man zur Pressekonferenz ging, musste man an den Zuschauern vorbei über die Haupttribüne. Da riechst du noch die Bratwurst. Das hatte schon was".

An diesem Freitag nun kehrt Stefan Kuntz als Chefcoach der deutschen U 21 zurück ins Stadion der Freundschaft. In der Qualifikation für die Europameisterschafts Endrunde 2019 steht das zweite Gruppenspiel auf dem Programm. Nach dem 1:0-Auftaktsieg gegen den Kosovo vor einem Monat trifft Deutschland auf Aserbaidschan (19 Uhr/Eurosport).

In Anbetracht der Tatsache, dass Kuntz den deutschen Nachwuchs im zurück liegenden Sommer zum EM-Titel führte, die Vorderasiaten vom Kaukasus dagegen eher zu den Fliegengewichten im europäischen Fußball zählen, erwartet mancher einen Spaziergang der deutschen Talente. Doch Kuntz ist bemüht, die Erwartungen flach zu halten. "Wir haben eine sehr junge Mannschaft, die so noch nicht oft zusammengespielt hat und sich erst kennenlernen muss. Da kann man keine Automatismen und schon gar keine Perfektion erwarten."

Kuntz hat zwar einen veranlagten Kader nach Cottbus bestellt, der auf eine Anzahl von 393 Bundes liga-, 201 Zweitliga- und 35 Champions-League-Spiele verweisen kann. Mit Jonathan Tah und Benjamin Henrichs von Bayer Leverkusen gehören sogar zwei Spieler zum Aufgebot, die bereits unter Joachim Löw für die A-Nationalmannschaft debütiert haben. Tah war vor einem Jahr mit zur EM nach Frankreich gereist, und Henrichs hatte vor wenigen Monaten beim Confed-Cup-Triumph mitgewirkt. "Wir haben aber auch viele Jungs dabei, die nicht jedes Wochenende 90 Minuten in ihren Klubs spielen und dafür ihre ersten Schritte auf internationalem Parkett machen", betont Kuntz. Der Fußballlehrer warnt deshalb davor, das Spiel gegen die Aserbaidschaner schon als gewonnen anzusehen. Auch wenn die ihre beiden Gruppenspiele gegen Israel und Irland jeweils mit 1:3 verloren und somit das einzige Team im 6er-Feld der Gruppe 5 sind, das noch ohne Punkt da steht.

Womöglich mag Stefan Kuntz bei seinem Understatement auch an den ersten deutschen Erfolg bei einer U 21-EM denken. Den hatten im Jahr 2009 Talente namens Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérome Boateng, Sami Khedira oder Mesut Özil herausgespielt. Im anschließenden Zyklus scheiterte der folgende Jahrgang jedoch an der Aufgabe, das Ticket für die Endrunde erneut zu lösen. Deutschland musste sich 2011 in der Qualifikationsgruppe hinter Island und Tschechien einreihen. "Eine gewisse Gefahr sehe ich diesmal auch", sagt Kuntz: "Wir Deutschen neigen immer dazu, nach Erfolgen an das Unbezwingbare zu glauben."

Dabei hat seine derzeitige Formation kaum noch was mit den Europameistern vom Juni zu tun. Mit Felix Platte (Darmstadt), Thilo Kehrer (Schalke 04), Waldemar Anton (Hannover) und Mahmoud Dahoud vom Bundesliga-Tabellenführer Borussia Dortmund sind nur noch vier Goldjungs dabei. Nadiem Amiri (Hoffenheim) und Levin Öztunali (Mainz) sind verletzt, der Rest ist der U 21 entwachsen. Ein richtiger Titelverteidiger ist die Mannschaft von Stefan Kuntz also gar nicht - sie trägt nur die gleichen Trikots.

Nichtsdestotrotz verfolgt die deutsche Delegation den Anspruch, sich im Vorausscheid zu behaupten, um auch in zwei Jahren in Italien wieder um den Titel mitspielen zu können. Die Grundlage dafür soll in Cottbus und dann am Dienstag in Norwegen geschaffen werden. Und Stefan Kuntz muss dabei auch keine schwere Auswärtspartie in der Lausitz fürchten - diesmal bestreitet er ja ein Heimspiel im Stadion der Freundschaft.