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Kein einziges gutes Wort für den Kaiser

Nach der erfolgreichen WM-Bewerbung 2006 nutzte Franz Beckenbauer laut Garcia-Report weiter sein Netzwerk als Multi-Funktionär.
Nach der erfolgreichen WM-Bewerbung 2006 nutzte Franz Beckenbauer laut Garcia-Report weiter sein Netzwerk als Multi-Funktionär. FOTO: dpa
Zürich. Franz Beckenbauer war nicht nur zentrale Figur des deutschen Fußballs. Im Exekutivkomitee der Fifa war er international vernetzt und knüpfte an Kontakte aus der Sommermärchen-Zeit an. Der Garcia-Report gibt Einblicke in die Mentalität des Multi-Funktionärs. Arne Richter und Florian Lütticke

Seitenweise Protokolle und manch kurioses Detail, aber kein einziges gutes Wort für den Kaiser: Mit der Veröffentlichung des Garcia-Berichts durch die Fifa ist auch die Rolle von Franz Beckenbauer im lange skandalumwitterten Vergabeprozess der WM-Turniere an Russland und Katar wieder in den Mittelpunkt gerückt. Großen Raum nimmt dabei die Fragebogen-Affäre ein, die Beckenbauer mitten während der WM 2014 eine provisorische 90-Tage-Sperre einbrachte, die nach 14 Tagen endete, weil der deutsche Fifa-Wahlmann notgedrungen einlenkte.

Zu der kompletten Publikation des Protokolls im Internet gab es am Mittwoch trotz Anfrage vorerst keine Reaktion von Beckenbauer oder seinem Management. Gefallen dürfte der unerwartete Fifa-Schritt, die viel diskutierte Ermittlungsakte online zu stellen, aber weder der einstigen deutschen Fußball-Lichtgestalt noch deren Freund und Berater Fedor Radmann, dessen Rolle als WM-Strippenzieher ebenso im Detail geschildert wird.

Auch Radmann äußerte sich vorerst nicht. Weder zu seiner Arbeit für die kläglich gescheiterte australische WM-Bewerbung, noch zu seiner Hilfestellung für Beckenbauer, die Beantwortung des Fragebogens von Chefermittler Michael Garcia vorerst zu vermeiden.

Klare Worte zur Rolle des Beckenbauer-Freundes fand am Mittwoch DFB-Präsident Reinhard Grindel. "Es ist schon sehr bedrückend, was vor allem über die Rolle des früheren WM-OK-Mitglieds Fedor Radmann im Garcia-Report zu lesen ist", sagte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes. Allein, dass Beckenbauer damals Radmann zurate zog, war schon ein Verstoß gegen die Fifa-Regeln, die ihn zur Verschwiegenheit in der Sache verpflichteten. Untersucht wurde von Garcia auch, inwiefern Radmann als Australiens Spin Doctor den Wahlmann Beckenbauer beeinflusst haben könnte. Ex-Fifa-Chef Joseph Blatter soll Radmann demnach als "gelegentlicher Sprecher" Beckenbauers bezeichnet haben.

Auf mehr als fünf Seiten dokumentiert Garcia in seinem Bericht allein die schwierige Kommunikation mit Beckenbauer und unterstellt ihm dabei mehrfach, die Unwahrheit gesagt zu haben. Als Fifa-Wahlmann bei der umstrittenen Abstimmung für Russland und Katar war Beckenbauer im Gegensatz zu Radmann zur Kooperation verpflichtet.

Aber: Anfragen blieben unbeantwortet, Fristen wurden nicht eingehalten und lustig anmutende Ausreden vorgebracht. Das Argument von Beckenbauer, er könne englische Fragen nicht beantworten, wird von Garcia ebenfalls als Legende enttarnt. So hatte Beckenbauer auch konstatiert, ihm seien 130 Fragen vorgelegt worden, darunter solche wie nach dem Sterbealter seiner Oma. Garcia weist darauf hin, es seien 21 Fragen mit einigen Unterfragen gewesen, alle im Zusammenhang mit der WM-Bewerbung. Die Beckenbauer-Oma spielte also keine Rolle.

Mit dem für ihn so typischen, nonchalanten Duktus kam der frühere Weltklasse-Fußballer bei US-Top-Jurist Garcia nicht weiter. Letztlich musste er kurz vor dem deutschen WM-Triumph in Rio einräumen: "Ich habe die Angelegenheit unterschätzt".

Juristisch schloss die Fifa die Akte erst im Februar 2016. Richter Jack Kariko aus Papua-Neuguinea sprach eine Verwarnung aus und verhängte eine Geldstrafe von 7000 Schweizer Franken. Keine Fifa-Konsequenzen haben für Beckenbauer dessen Geschäftsbeziehungen mit Russland und Katar, die dem Vernehmen nach erst nach der WM-Vergabe richtig ins Rollen kamen. Keinen Zusammenhang stellt der Fifa-Report zudem mit dem Skandal um das deutsche WM-Sommermärchen her, in dem Beckenbauer und Radmann eine zentrale Rolle spielen.

Zum Thema:
Krasse Selbstbedienungsmentalität, dreiste Selbstgefälligkeit, aber kein klarer Beweis für eine gezielte Einflussnahme auf die umstrittene WM-Vergabe an Russland und Katar: Mit der plötzlichen Veröffentlichung des mehrere Jahre geheimgehaltenen Garcia-Reports hat die Fifa Einblick in ihre Erkenntnisse der Turnier-Entscheidungen gegeben. Auf 430 Seiten beschrieb der US-Jurist und Fifa-Chefermittler Michael Garcia im Jahr 2014 eine Vielzahl von Ungereimtheiten - besonders im Zusammenhang mit der Katar-Kandidatur. Eine Empfehlung für eine international geforderte Neuvergabe der WM findet sich im Bericht aber nicht. Der Weltverband reagierte mit dem überraschenden Manöver auf das erstmalige Durchsickern von Details des Reports in der "Bild"-Zeitung am Montagabend. "Im Sinne der Transparenz begrüßt die Fifa die Neuigkeit, dass dieser Bericht nun endlich veröffentlicht wurde", hieß es in einer Pressemitteilung. Damit solle "die Verbreitung irreführender Informationen" verhindert werden. Garcia kommt zu dem Schluss, dass vor allem Fifa-Wahlmänner statt der Bewerber sich nicht an die Regeln hielten. "Darüber hinaus operierten die Bewerber in einem Umfeld, in dem mehrere Exekutivmitglieder nicht zögerten, ein System zu nutzen, das sie in bestimmten Bereichen nicht an die gleichen Regeln band wie die Bewerber", heißt es. Einige Fifa-Exekutivmitglieder hätten "persönlichen Nutzen" gesucht, um ihren Status in den Heimatländern zu verbessern.