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Radsport
"Ich möchte rechtzeitig die Kurve kriegen"

Weltmeisterin, Europameisterin, Weltcupsiegerin, Brandenburgs Sportlerin des Jahres – Stephanie Gaumnitz hat eine tolle Karriere hingelegt.
Weltmeisterin, Europameisterin, Weltcupsiegerin, Brandenburgs Sportlerin des Jahres – Stephanie Gaumnitz hat eine tolle Karriere hingelegt. FOTO: Imago/img1
Cottbus. Ex-Weltmeisterin Stephanie Gaumnitz vom RSC Cottbus hat ihre Radsport-Laufbahn plötzlich beendet. Das kommt überraschend, aber nur auf den ersten Blick: Die 29-Jährige arbeitet schon an der Karriere nach dem Leistungssport und freut sich auf ihr Familienleben. Jan Lehmann

Schluss, aus, vorbei. Die Radsport-Karriere von Stephanie Gaumnitz ist zu Ende. Das WM-Zeitfahren in Bergen in Norwegen war ihr letztes Rennen, die Bronzemedaille ist ihre achte und gleichzeitig letzte internationale Plakette. Die letzten zehn Kilometer bei diesem Zeitfahren absolvierte die Cottbuserin mit Mieke Kröger vom Canyon-SRAM-Team. Als sie über den Zielstrich rollten, klopfte die Konkurrentin ihr auf den Rücken und sagte: "Stephi, alles wird gut. Du machst das schon." Da rollten bei Stephanie Gaumnitz schon längst die Tränen und tropften auf das Bergener Kopfsteinpflaster.

"Das tat wirklich weh", berichtet die Cottbuserin. So plötzlich ist Schluss, so viele Tränen - kann das wirklich die richtige Entscheidung sein? Stephanie Gaumnitz, die bis zu ihrer Hochzeit im Sommer Pohl hieß, sitzt auf einer Bank vor ihrem Haus in Kunersdorf und nickt. Mit einem Lächeln im Gesicht sagt sie: "Es fühlt sich richtig an. Ich möchte nicht den Moment verpassen, rechtzeitig die Kurve zu kriegen."

Die Sportlerin vom RSC Cottbus hat sich entschlossen, das Rennrad im Stall des kleinen Dreiseitenhofes abzustellen und will nun zwar kein neues, aber ein anderes Leben beginnen. Sie begründet: "Ich wollte einfach nicht mehr immer nur unterwegs sein, immer nur an den Sport denken - und dafür meine Tochter und die Familie hintenanstellen. Der ganz extreme Wille, sich auf dem Rad zu quälen, war einfach nicht mehr da."

Das Pensum der vergangenen Jahre war enorm: Nur vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter Nele im Jahr 2009 war die gebürtige Cottbuserin wieder aufs Rennrad zurückgekehrt, hatte es 2012 als Ersatzfahrerin zu den Olympischen Spielen geschafft. Nach WM-Silber 2014 und WM-Gold 2015 jeweils im Punktefahren wurde sie zu Brandenburgs Sportlerin des Jahres gekürt und war danach bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro die Anführerin des deutschen Damenvierers. In einer normalen Trainingswoche hat sie dafür 20 bis 24 Stunden auf dem Rad gesessen. Dazu die Reisen auf die Radrennbahnen dieser Welt, von Aguascalientes in Mexiko bis nach Minsk in Weißrussland oder Peking in China - das hat an Kräften und Nerven gezerrt.

Stephanie Pohl freut sich darauf, dass ihr Kosmos nun etwas kleiner wird. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael Gaumnitz, der am Olympiastützpunkt in Cottbus als Landestrainer für den weiblichen Nachwuchs verantwortlich und ihr sportlicher und privater Rückhalt ist, will sie nun ein ganz normales Familienleben führen. "Im Garten arbeiten, kochen, einfach Mutter sein", so stellt sich die Cottbuserin ihren Alltag vor.

Die Beine hochlegen kann sie jedoch nicht - im Gegenteil. Schon wenige Tage nach der WM arbeitet die Ex-Weltmeisterin an der neuen beruflichen Karriere. In Königs Wusterhausen hat sie eine dreijährige Ausbildung zur Fachfrau für Bürokommunikation begonnen. Ihr Ausbildungsbetrieb ist die Lausitzer Klärtechnik (LKT) GmbH in Luckau. LKT-Inhaber Michael Müller ist ein großer Förderer des Brandenburger Radsports. Er ist nicht nur Eigner des LKT Teams Brandenburg, sondern in seiner Firma haben auch etliche ehemalige Radsportler wie Sebastian Wotschke, Steven Luttuschka oder Philipp Thiele eine Anstellung gefunden. Stephanie Gaumnitz sagt: "Ich bin sehr froh, dass Michael Müller mir die Chance gibt. Wir waren ja schon länger darüber im Gespräch."

Das Karriere-Ende ist also kein Schnellschuss, seit einem Jahr trug sich die Kunersdorferin mit dem Gedanken. Sie erzählt: "Als es zuhause mal wieder sehr hektisch war, habe ich meiner Tochter gesagt: ,Nur noch ein Jahr, Nele. Dann ist Mama immer für dich da.'" Die Antwort der Tochter hat sich in ihr Herz gebrannt: "Mama, darauf freue ich mich so sehr."

Da fiel die Entscheidung am Ende leicht, zumal Stephanie Gaumnitz auch vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und Bundestrainer André Korff zuletzt immer weniger Windschatten verspürte. Sie will nicht groß klagen, sagt aber: "Ich habe mich über einige Dinge geärgert und hatte letztlich auch dafür nicht mehr die Kraft, mich täglich damit auseinanderzusetzen." Die 29-Jährige betont: "Der BDR hat nach der Geburt meiner Tochter weiter auf mich gesetzt. Dafür bin ich dankbar. Doch um wieder erfolgreicher zu werden, muss sich beim Verband meiner Meinung nach einiges ändern."

Im Hause Gaumnitz überwiegt eindeutig der Stolz auf die erfolgreiche Karriere. Ehemann Michael Gaumnitz hat auf dem Hof in Kunersdorf inzwischen den Grill angeworfen, seine Frau beißt genüsslich in eine Bratwurst und gönnt sich ein frisch gezapftes Bier. Die Familie hat viele Zukunftspläne. Es gibt auf dem Grundstück einiges zu tun. Und Stephanie Gaumnitz verrät: "Wir wünschen uns auch noch ein zweites Kind."

Viel Zeit wird da also kaum bleiben, um dem Leistungssport nachzutrauern. Der hat sich neben vielen netten Grüßen und Geschenken von ihren Wegbegleitern übrigens auf typische Radsport-Art von der Ex-Weltmeisterin verabschiedet - mit einer Dopingkontrolle nach dem allerletzten Rennen. Als ihre Kolleginnen schon WM-Bronze feiern durfte, wurde Stephanie Gaumnitz zur Urinprobe abgeholt. Diese Prozedur wird sie ganz bestimmt nicht vermissen.

Zum Thema:
... ihren größten Erfolg: "Das war die WM-Goldmedaille 2015 beim Punktefahren in Paris. Besonders, weil meine Familie erst einen Tag vorher beschlossen hat, doch zum Rennen zu kommen. Dass ich gemeinsam mit Micha und Nele den Titel feiern durfte, war überwältigend. Das war für uns als Familie ein richtiger Befreiungsschlag, weil wir gemeinsam so viel dafür geopfert haben." ... ihre größten Förderer: "Mein erster Trainer war Lothar Thoms, zu dem ich noch heute Kontakt habe. Er war ja auch bei unserem Polterabend zu Gast. Und dann waren sicher Jürgen Kummer und Rainer Gatzke zwei ganz wichtige Trainer für mich. Aber irgendwie hat der ganze RSC Cottbus bei meinen Erfolgen mitgeholfen. Weil sie meinem Mann immer wieder auch den Freiraum geschaffen haben, mich zu betreuen oder sich um Nele zu kümmern." ... ihre größten Anstrengungen: "Die Wintersaison war immer sehr hart. Wir sind von einem Weltcup zum nächsten Trainingslager geflogen, meistens irgendwo nach Übersee. Ich war zwischendurch immer nur ein paar Tage zu Hause, viel zu kurz, um mich wirklich kümmern zu können. Es tat ziemlich weh, meine Tochter Nele nur so selten zu sehen und nur am Telefon mitzubekommen, was bei ihr gerade passiert." ... ihren großen Rückhalt: "Ohne meine Familie und vor allem meinen Mann Micha hätte das alles nicht funktioniert. Alle mussten immer auf mich und den Sport Rücksicht nehmen. Dafür bin ich sehr dankbar. Nun ist es an der Zeit, dass ich etwas zurückgebe."