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"Ich befinde mich im Endspiel meines Lebens"

Schach-Computer? Boris Spasski mag sie nicht.
Schach-Computer? Boris Spasski mag sie nicht. FOTO: dpa
Berlin. Eine grandiose Niederlage hat Boris Spasski berühmt gemacht, und noch heute hängt ein Foto seines Bezwingers Bobby Fischer in seiner winzigen Moskauer Wohnung. Schaut er seinen Freund an, dann werden Erinnerungen wach: Sommer 1972, Reykjavik, Laugardalshöllin. dpa/noc

Den legendären Jahrhundertkampf der Schach-Giganten gegen den Sonderling aus Chicago verliert der damals 32 Jahre alte Leningrader nach 2:0-Führung und kuriosem Verlauf mit 8,5:12,5. Drei Jahre zuvor krönt sich das faule Genie zum zehnten Weltmeister der Schach-Geschichte.

Am kommenden Montag wird Boris Wassiljewitsch Spasski 80 Jahre alt. Richtig gut geht es ihm nicht, aber er macht das Beste draus. Nach zwei Schlag anfällen in zehn Jahren schreibt der Russe jetzt sogar an seiner Biografie. "Ich hoffe, ich schaffe es noch, sie zu beenden", meint er. "Ich befinde mich im Endspiel meines Lebens", sagt Spasski der Agentur R-Sport.

Arm und Bein auf der linken Seite streiken, "doch die Birne funktioniert". Er spielt auf dem Brett sogar noch seine alten Partien nach - Schach-Computer mag er nicht.

Der Schach-Krimi auf der Wikinger-Insel Island füllt längst viele Bücher und wird sogar verfilmt ("Pawn Sacrifice"/"Bauernopfer"). Zur Europa-Premiere kommt der betagte Spasski im Oktober 2015 nach Berlin, obwohl er im Rollstuhl sitzt. Als es dunkel wird im Kinosaal, rollt er heraus. Den Hollywood-Streifen hat er längst gesehen. "Ich muss gestehen, dass mir Kampfgeist von Natur aus fremd ist", schreibt Spasski, nachdem er die Krone 1969 im zweiten Anlauf (1966 verliert er gegen Tigran Petrosjan 11,5:12,5) erobert hat.

Seine großen Erfolge über Jahrzehnte hinweg verdankt das am 30. Januar 1937 geborene Kriegskind seinem Naturtalent und Schachverständnis. Bewundert wird sein eleganter Stil beim Spiel auf den 64 Feldern. Durch Schach wird Spasski damals sogar reich, denn Sponsoren zahlen den wenigen Stars immer höhere Dollar-Prämien.

Das ist vor allem ein Verdienst von Bobby Fischer. Lange nach dem "Kampf der Systeme" soll der Russe zum einzigen Freund des Exzentrikers aus den USA werden. Im Jahr 2008 besucht ihn Spasski im isländischen Exil sogar, am Schauplatz ihres historischen Matches. Fischer stirbt mit 64.

Boris Spasskis größter Tag ist und bleibt der 17. Juni 1969: Wieder kommt er zum Großmeister-Duell mit Petrosjan als Favorit nach Moskau - doch diesmal entthront er den Champion und wird Weltmeister. Nach über zwei Monaten klickt die Schachuhr zum letzten Mal - Spasski triumphiert mit 12,5:10,5. 1976 verlässt Spasski aus politischen Gründen die Sowjetunion und lebt für ein paar Jahre mit seiner französischen Frau Marina in Paris. Nach dem zweiten Schlaganfall 2010 wird es still um den früheren Champion, 2012 kehrt Spasski nach Moskau zurück und lebt dort in bescheidenen Verhältnissen.