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Hitzeschlacht für Kanuten aus Cottbus

Die Cottbuser Kanuten mit dem Trainer- und Betreuerstab bei der Marathon-WM in Südafrika.
Die Cottbuser Kanuten mit dem Trainer- und Betreuerstab bei der Marathon-WM in Südafrika. FOTO: U. Reimann
Pietermaritzburg. "Wir Kanuten wissen: Der Weltmeister wird im Winter gemacht", lacht Wiebke Pontzen (36) und schwitzt um die Mittagszeit bei 38 Grad in Pietermaritzburg in Südafrika. Ein Dutzend Cottbuser Kanuten sind mit ihrer Marathon-Trainerin und Trainer und Lebensgefährte Bernd Leeck (38) nicht zum Vergnügen hier. Ulrich Reimann

Eine Kombination aus Trainingslager und Weltmeisterschaftsrennen über die Marathonstrecken 19 und 23 Kilometer zum Saisonausklang, die erste Woche hier am Kap ist alles andere als Urlaub.

"Bei der Abreise aus Cottbus vor zehn Tagen war es 15 Grad kühler als hier, das ist schon ganz schön brutal", stöhnt Jonas Mode (17), als er mit seinem Kollegen Arved Heine (18) nach 19 Kilometern völlig ausgelaugt aus dem Boot steigt. Als amtierende Europameister sind die beiden nach Südafrika geflogen und haben sich große Chancen auf eine WM-Medaille gemacht. Platz drei im C2 der Junioren, das wäre eigentlich Bronze gewesen, heute zählt das aber nichts. "Wir sind Dritter bei nur drei teilnehmenden Booten geworden, unmittelbar vor dem Start haben drei Nationen ihre Meldung zurückgezogen und jetzt gilt das Rennen nicht als Weltmeisterschaft", ist Arved Heine, der im nächsten Jahr sein Abitur an der Lausitzer Sportschule macht, riesig enttäuscht.

Die nicht ganz ernst gemeinte Erinnerung, dass die Beiden 2013 Deutsche Meister im Badewannenrennen in Tropical Islands waren, kann da die Stimmung auch nicht heben. "Wir haben damals in Krausnick auch kein Preisgeld bekommen, weil wir ja als Profis gegen Amateure gewonnen haben", grinst der 1,90 Meter lange Modellathlet schließlich doch noch ein wenig.

Das Geld ist bei den Exoten unter den Kanuten sowieso kein Thema, weil es keines gibt: Marathonrennsport ist nicht olympisch, der Verband zahlt keine Fördergelder für die Nationalmannschaft und Spesen für Flüge und Unterkunft tragen die Sportler selbst. Jonas Mode fasst das Dilemma zusammen: "Ein Brandenburger Landesmeister bei den Radsportlern bekommt eine Prämie und wir als Europameister eine Hotelrechnung, das ist schon frustrierend", sagt der Schüler der Freien Waldorfschule in Cottbus. Trotzdem bleibt er bei den Langstrecklern auf dem Wasser dabei, Trainerin Wiebke Pontzen hat ihn vor Jahren davon überzeugt, dass er auf den Kurzstrecken keine Chance gegen die deutschen Weltklasse-Paddler hat.

Pontzen ist Orthopädin am Carl-Thiem-Klinikum, der Spagat zwischen Unfallchirurgie am OP-Tisch, Schichtdienst und Training am Bootshaus gelingt ihr nur, weil sie auf Unterstützung zählen kann. Lebensgefährte Bernd Leeck strahlt an der Rennstrecke Ruhe und Gelassenheit aus, ihn bringen selbst die Temperaturen knapp unter 40 Grad in Pietermaritzburg nicht ins Schwitzen. Und Ilka Berger, die als Justizvollzugsbeamtin in der Justizvollzugsanstalt Dissenchen Kummer gewohnt ist, ist Betreuerin, Reiseleiterin und der gute Geist der Südafrikatour.

Ein achter Platz im C1 bei den U23 für Sven Tosch (20) und Platz 15 für Jannis Werner (18) im K1 der Junioren über 19 Kilometer, die sportliche Ausbeute am Kap war eher durchwachsen. Für Jannis Werner war es das erste WM-Rennen überhaupt, er macht im nächsten Jahr sein Abi an der Theodor-Fontane-Schule und will unbedingt auf der Langstrecke dabei bleiben: "Ich kann hier viel Erfahrung unter den Weltklasse-Kanuten aus Ungarn, Spanien, Portugal und Südafrika sammeln", hakt er die Enttäuschung ab, dass er vom Weltmeister "überrundet" wurde und sein Rennen vorzeitig beenden musste.

Die Bilder vom verdreckten Msunduzi River in Pietermaritzburg, 80 Kilometer nördlich von Durban gelegen, werden sie aber alle nicht vergessen. Hier fließen Abwasser und Müll von einem Township am Ufer gelegen rein, in diese braune Brühe will keiner versehentlich reinfallen und ein Bad nehmen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich 27 Jahre nach dem Ende der Apartheid sind immer noch groß. Bettelnde Kinder an den Ampelkreuzungen und Jugendliche, die sich über jedes gratis Erfrischungsgetränk aus dem Athletenzelt an der Regattastrecke freuen, haben die Cottbuser sehr nachdenklich gestimmt. Sie wissen, dass die knapp 2000 Euro Reisekosten - mühsam gesammelt bei Eltern und Großeltern und unterstützt von Spenden des Drachenbootteams, der Wander- und Polosportler des ESV - hier ein Vermögen sind.

Und bevor es dann weitergeht nach Kapstadt, bleibt ein kleiner Teil des Reisegeldes auf dem Hotelbett zurück. Und dort finden sie am Morgen vor ihrer Weiterreise einen Zettel mit vielen kleinen Herzchen drauf: "Meine lieben Gäste, vielen Dank, was ihr für mich getan habt. Das war herausragend! Eure Putzfrau". Für sie sind die zusammengelegten Trinkgelder der zwölf Cottbuser auch ein Vermögen.