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| 18:51 Uhr

Radsport
Hinze steigt aus dem Keller aufs Podium

Emma Hinze (l.) aus Cottbus durfte sich beim Weltcup in Berlin über Silber im Teamsprint und im Keirin freuen.
Emma Hinze (l.) aus Cottbus durfte sich beim Weltcup in Berlin über Silber im Teamsprint und im Keirin freuen. FOTO: Frank Hammerschmidt
Cottbus. Beim Bahnrad-Weltcup in Berlin ist Emma Hinze noch näher an die Spitze herangesprintet. Dabei stand die Rad-Karriere der Cottbuserin vor gut einem Jahr beinahe still. Von Frank Noack

Selbst die wahrscheinlich heikelste Frage kurz nach dem Gewinn ihrer zweiten Silbermedaille beim Bahnrad-Weltcup in Berlin umkurvte Emma Hinze. Ob sie jetzt bereit sei für die Weltmeisterschaft, um dort in die Fußstapfen von Olympiasiegerin Kristin Vogel zu treten, wurde die 21-jährige Cottbuserin von den Journalisten gefragt. Hinzes Antwort war eine Mischung aus Zurückhaltung und neu gewonnenem Selbstbewusstsein. „Ich bin ja noch gar nicht für die WM nominiert“, konterte sie mit einem freundlichen Lächeln  und ergänzte: „Außerdem möchte gar nicht so viel darüber reden. Ich möchte vor allem weiterhin gute Zeiten fahren.“

So wie beim Weltcup im Velodrom. Dort gewann Emma Hinze zum Auftakt am Freitag gemeinsam mit Miriam Welte die Silber­medaille im Teamsprint. Einen Tag später wurde sie Fünfte im Sprint. Und zum Abschluss am Sonntag musste sie im Keirin lediglich der Niederländerin Laurine van Riessen den Vortritt lassen.

Hinze hat in diesem Jahr den größten Leistungssprung im Kurzzeit-Team des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) hingelegt. „Emma hat eine sehr gute Entwicklung ­genommen. Sie ist lernwillig und bringt sich bei den Analysen der Rennen mit ein. Seit der Europameisterschaft hat sie auch an Selbstbewusstsein  gewonnen und wird immer stärker“, lobt Bundestrainer Detlef Uibel. Bei den kontinentalen Titelkämpfen im August  im ­Sir-Chris-Hoy-Velodrom in Glasgow gab es ebenfalls an der Seite von Welte Bronze im Teamsprint.

Mit ihren  starken Auftritten am Wochenende in Berlin hat die gebürtige Hildesheimerin jetzt den Fuß in der Tür zur Weltspitze. ­Dabei ist es eine ganz schwierige Saison für den BDR. Denn gemeinsam mit Miriam Welte und Pauline Grabosch muss Hinze die große Lücke schließen, die nach dem verletzungsbedingten Karriere-Ende der zweifachen Olympiasiegerin und mehrfachen Weltmeisterin Kristina Vogel entstanden ist. Vogel war Ende Juni in Cottbus schwer gestürzt und sitzt seitdem im Rollstuhl.

Vor allem Pauline Grabosch, die an diesem so tragischen 26. Juni ebenfalls auf der Bahn in Cottbus trainierte, fiel in ein mentales Loch, aus dem sie sich erst mühsam ­wieder herausziehen muss. „Sie hatte eine Blockade im Kopf“, konstatiert Bundestrainer Detlef ­Uibel. „Aber inzwischen geht es Schritt für Schritt aufwärts.“

Die Fußstapfen für Emma Hinze sind also riesengroß. 2016 wurde sie als Ersatzfrau für die Olympischen Spiele in Rio für das BDR-Aufgebot nominiert. Danach stand die einst so verheißungsvolle Laufbahn der vierfachen Junioren-Weltmeisterin aber beinahe komplett still. Wegen einer hartnäckigen Rückenverletzung musste Hinze mit dem Training aussetzen. Erst im Oktober 2017 konnte die Cottbuserin wieder mit kontinuierlichen Übungseinheiten beginnen. „Ich war damals echt im ­Keller. Aber jetzt fühlt es sich super an, weil ich wieder Spaß habe“, blickt sie nach der letzten Siegerehrung in Berlin auf die schwierige Zeit zurück.

Kein Training, keine Rennen, kein Selbstvertrauen – aus dieser ­Negativspirale fand Emma Hinze erst durch die Rückkehr zu ihrem früheren ­Trainer  Alexander Harisanow heraus. Er hatte sie auch schon im Junioren-Bereich betreut. Unter den Fittichen von  Harisanow blühte die Sprinterin wieder auf. „Er weiß genau, welches Training gut für mich ist. Und er hat mir wieder Selbstvertrauen gegeben“, erklärt Hinze. Auch die Rückenbeschwerden haben beide gemeinsam in den Griff bekommen – eine wichtige Voraussetzung für stabile Leistungen auf hohem Niveau.

Und diese Leistungen liefert die Cottbuserin in diesem Jahr mit zunehmender Konstanz aab. Bei den deutschen Meisterschaften holte sie Gold im Kerin. Neben EM-Bronze im Teamsprint gab es bereits vier Weltcup-Medaillen für Emma Hinze. Auch beim nächsten Weltcup vom 14. bis 16. Dezember in London gehört sie zum Favoritenkreis.

Das große Ziel in dieser Saison ist natürlich die Weltmeisterschaft. Sie findet vom 27. Februar bis 3. März im polnischen Pruszkow vor den ­Toren von Warschau statt. „Natürlich hoffe ich, dass ich für die WM nominiert werde“, sagt Hinze freundlich, aber selbstbewusst.

Langjährige Wegbegleiter bescheinigten der viermaligen Junioren-Weltmeisterin in den Weltcup-Tagen von Berlin, dass sie auch als Persönlichkeit gereift ist. Den Weg aus dem Keller hat Emma Hinze längst gefunden. Den Weg auf das Podium im Damenbereich inzwischen auch. Und wenn die Entwicklung so positiv weiterläuft, dann dürfte der erste Titelgewinn für die Cottbuserin nur noch eine Frage der Zeit sein.

Emma Hinze (l.) hat gute Chancen auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft vom 27. Februar bis 3. März im polnischen Pruszkow.
Emma Hinze (l.) hat gute Chancen auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft vom 27. Februar bis 3. März im polnischen Pruszkow. FOTO: Frank Hammerschmidt