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| 19:18 Uhr

Radsport
Hinter den Stehern stehen Fragezeichen

Steher-Europameister Franz Schiewer fährt am Sonntag in seiner Heimatstadt Forst. Sein sportlicher Fokus liegt indes mittlerweile woanders.
Steher-Europameister Franz Schiewer fährt am Sonntag in seiner Heimatstadt Forst. Sein sportlicher Fokus liegt indes mittlerweile woanders. FOTO: Frank Hammerschmidt
Forst. Beim Pfingstpreis in Forst gehören die Lokalmatadoren Franz Schiewer und Stefan Schäfer wieder zum Favoritenkreis. Aber beide wollen und müssen künftig andere Prioritäten setzen. Es könnte eine Saison der Wachablösung werden. Von Frank Noack

Auf den ersten Blick wird alles sein wie immer beim Großen Pfingstpreis der Steher am Sonntag in Forst. Es wird wieder laut zugehen auf der 400 Meter langen Betonbahn der Rosenstadt. Und spannend. Und hochkarätig. Trotzdem blicken die deutschen Steher um Europameister Franz Schiewer einer Saison mit vielen Fragezeichen entgegen – obwohl auch diesmal wieder eine Heim-EM im Herbst lockt. Mit welchem Kader Mario Vonhof als Beauftragter für den Stehersport im Bund Deutscher Radfahrer (BDR) für die Titelkämpfe in Erfurt am 7. September planen kann, ist allerdings völlig offen. „Wie müssen erst einmal die nächsten Wettkämpfe abwarten und schauen, welche Fahrer antreten und wie sich die Dinge entwickeln“, sagt Vonhof vor dem Großen Pfingstpreis in Forst.

Denn für die meisten Fahrer ist der Stehersport zwar eine große, laute Leidenschaft – um finanziell über die Runden zu kommen, müssen die Fahrer die Prioritäten aber in anderen Disziplinen setzen. Zum Beispiel Europameister Franz Schiewer. Im Oktober 2017 hatte sich der 27-Jährige bei der EM im Berliner Velodrom den Steher-Titel erkämpft. Bereits kurz nach der Siegerehrung kündigte Schiewer damals an, dass sein Fokus künftig auf dem Tandemfahren im paralympischen Sport liegt. Und daran hat sich nichts geändert. Denn Schiewer ist bei der Landespolizei angestellt und gehört dort zur Sportfördergruppe. Sein Arbeitgeber ist quasi zugleich Hauptsponsor. Diese Förderung ermöglicht es dem frisch gebackenen Polizei-Kommissar, Beruf und Sport nebeneinander ausüben zu können.

Voraussetzung für diese Förderung ist jedoch, dass sich Schiewer auf eine der olympischen Disziplinen konzentriert. Zum Beispiel das paralympische Tandemfahren, wo er seit dem vergangenen Jahr gemeinsam mit Olaf Schulz vom BPRSV Cottbus ein Gespann bildet. Dass der Stehersport nicht zu den olympischen Disziplinen gehört, muss Schiewer akzeptieren. „Dienst ist Dienst und Hobby ist Hobby“, beschreibt er seinen sportlichen Spagat.

Erschwerend kommt hinzu, dass eine Teilnahme an kontinentalen Steher-Titelkämpfen wie zum Beispiel der EM automatisch eine Sperre im paralympischen Bereich für die laufende Saison nach sich zieht. So sieht es das internationale Reglement vor.

Ähnlich sieht es bei Stefan Schäfer aus. Auch der 32-jährige Ex-Steher-Europameister und vierfache deutsche  Meiste verlagert in dieser Saison sein sportliches Augenmerk. Weg von den Stehern, zurück zu den olympischen Bahndisziplinen wie Einerverfolgung, Mannschaftsverfolgung und Madison. Denn Schäfer gehört genau wie Schiewer zur Sportfördergruppe der Landespolizei. Und Voraussetzung für die Förderung ist eben die Konzentration auf die olympischen Disziplinen.

Zudem hat Schäfer bei den Stehern alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er hat dieses ganz spezielle Metier des Radsports in den vergangenen Jahren dominiert wie schon lange keine Sportler mehr vor ihm. „Stand jetzt werde ich in diesem Jahr nur den Pfingstpreis in Forst, am 25. Mai in Erfurt und eventuell den Herbstpreis in Forst fahren“, berichtet Schäfer.

Beim Europakriterium am 1. Juli wird er fehlen. Und auch die Europameisterschaft am 7. September in Erfurt steht nicht in seinem persönlichen Rennkalender. Selbst die EM-Teilnahme von Titelverteidiger Schiewer ist wegen der drohenden Sperre für den paralympischen Bereich fraglich, obwohl sein Schrittmacher Gerd Gessler für Turbine Erfurt startet und sich natürlich gern seinem Heim-Publikum präsentieren möchte.

Für den BDR-Steherbeauftragten Mario Vonhof sind derartige Fragezeichen zwar nicht neu. Aber so groß wie am Beginn dieser Steher-Saison waren die Fragezeichen schon lange nicht mehr. Dazu kommt, dass es immer weniger Bahnen gibt, wo Steherrennen ausgetragen werden können. Auf der traditionsreichen, aber baufälligen Bahn am Reichelsdorfer Keller in Nürnberg fand im vergangenen Jahr zum letzten Mal ein Steherrennen statt. Mangels Perspektive des Heimrennens hat der Nürnberger Thomas Steger (31) seine Karriere beendet. Steger bildet im Herbst bei der EM in Berlin gemeinsam mit Schrittmacher Thomas Ruder das dritte deutsche Gespann und leistete auf dem Velodrom wertvolle Helferdienste für Schiewer und Schäfer.

„In der Nacht nach dem EM-Rennen haben wir zusammengesessen und noch ein wenig gefeiert. Als mir Schiewer und Schäfer mitgeteilt haben, dass sie kaum noch Steherrennen fahren werden, sah die Perspektive ziemlich erschreckend aus. Dazu kam das Karriere-Ende von Steger“, blickt Vonhof zurück. „Inzwischen blicke ich der Saison und auch der EM in Erfurt aber positiv entgegen.“

Weil bei Schiewer die Tür vielleicht doch nicht ganz zu ist. Und weil mit Daniel Harnisch und Stefan Lange junge deutsche Fahrer in die Fußstapfen der Etablierten treten könnten. Es könnte also eine Saison der Wachablösungen werden.

Beim Pfingstpreis in Forst wird allerdings alles noch einmal so sein wie immer. Die Lokalmatdoren Franz Schiewer und Stefan Schäfer gehören neben EM-Silbermedaillengewinner Reinier Honig aus den Niederlanden wieder zum Kreis der Topfavoriten.  „Forst ist und bleibt für mich eine Herzensangelegenheit“, betont Schiewer trotz seines schwierigen Spagats. „Meine Familie wird wieder an der Bahn sein und ich kann ihr bei diesen Gelegenheiten etwas zurückgeben. Denn meine Familie hat mich in meiner Karriere immer unterstützt.“ Zumal nicht klar ist, wie oft Franz Schiewer in Zukunft noch seiner lauten Leidenschaft hinter der Stehermaschine nachgehen kann.