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Hertha gegen Köln plötzlich Topspiel

Berlin. Vor vier, fünf Jahrzehnten war es immer ein echtes Spitzenspiel in der Fußball-Bundesliga. 1969 kamen 88 075 Zuschauer zum Duell Hertha gegen Köln – Rekord. Die aktuelle Auflage bringt neue Spannung. Als Spitzenteams sehen sich beide aber noch nicht. Jens Mende

Das Wort Bayern-Jäger will bei den Überraschungsclubs Hertha BSC und 1. FC Köln niemand hören. Zwar begegnen sich die beiden Überflieger der bisherigen Bundesliga-Saison an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) im Spitzenspiel - und ganz Fußball-Deutschland wundert sich. Doch auf Augenhöhe mit dem Spitzenreiter und Branchenprimus aus München sehen sich Hertha, am Freitag von Platz vier auf fünf gerutscht, und der zweitplatzierte FC noch lange nicht. "Es ist ein spannender Vergleich von zwei Mannschaften, die sich richtig gut entwickelt haben", erklärte Berlins Manager Michael Preetz.

Die Kölner legten den besten Saisonstart seit 29 Jahren hin, Hertha startete nur vor 46 Jahren besser. Der FC (derzeit 15 Punkte) könnte mit einem Sieg in der Hauptstadt sogar erstmals seit 20 Jahren nach einem kompletten Spieltag wieder Bundesliga-Spitzenreiter sein, wenn gleichzeitig die Bayern (17) gegen Borussia Mönchengladbach patzen sollten. "Es ist schön, sich mit einer Mannschaft zu messen, die nach ähnlich schwerem Anfang eine gute Entwicklung hat, einen guten Manager und eine gute Phase", sagte Hertha-Coach Pal Dardai.

Lob für den Düsseldorfer

Preetz sieht in der Arbeit seines Kollegen Jörg Schmadtke einen wesentlichen Grund für die Auferstehung des dreimaligen deutschen Meisters. "Jörg ist mittlerweile lange im Geschäft, hat überall gute Arbeit geleistet. Wahrscheinlich war es seine größte Leistung, dass es einem Düsseldorfer gelungen ist, die Kölner zu befrieden und für Ruhe zu sorgen", erklärte Preetz, der auch aus Düsseldorf stammt.

Beide Manager wählten - teilweise auch gezwungen durch die wirtschaftliche Lage - einen anderen Weg als viele andere Clubs. Sie setzten auf ein eingespieltes Team, gaben für neue Spieler nur 5,1 Millionen (Köln) und 6,6 Millionen Euro (Berlin) aus. Die Bilanz vor dem achten Spieltag, die Köln noch ohne Niederlage und Berlin mit nur einem verlorenen Spiel in München listet, hat für Preetz deshalb noch keinen ganz großen Aussagewert. "Für beide ist es noch ein unglaublich langer Weg. Natürlich hilft es, wenn du guten und erfolgreichen Fußball spielst", unterstrich der Hertha-Macher.

Nicht nur die Torjäger Anthony Modeste - der Kölner führt mit sieben Treffern die Torschützenliste an - und Vedad Ibisevic (5) haben dafür gesorgt, dass in beiden Vereinen auch das Selbstbewusstsein gewachsen ist. "Das ist ein Signal an die Bundesliga", meinte Preetz: "Wir sind da, wenn die großen Clubs schwächeln." Das sorge für neue Spannung.

Ein Vorteil für die Gäste um den ehemaligen Cottbuser Leonardo Bittencourt könnte sein, dass sie ohne Ausfälle nach Berlin kommen. Hertha fehlen mit dem gesperrten Valentin Stocker sowie den Langzeitverletzten Vladimir Darida und Ondrej Duda gleich drei Spielmacher.

60 000 im Olympiastadion

60 000 Fans werden erwartet - das erinnert noch nicht an die 60er- und 70er-Jahre, als mehrmals über 80 000 das Duell Hertha kontra Köln verfolgten. "Man muss über zwei unterschiedliche Städte sprechen. Köln ist unglaublich fußballverrückt, jeder will dabei sein. In Berlin ist es noch ein bisschen anders - wir arbeiten daran", erklärte Manager Preetz.