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| 02:44 Uhr

Großer Bahnhof für den Weltmeister-Trainer

Cottbus. Er ist eine Lausitzer Radsport-Legende – ein Weltmeister-Trainer. Die Erfolgsbilanz seiner Schützlinge ist so beeindruckend, dass Konkurrenten wie Wegbegleiter neidlos anerkennen: Eberhard Pöschke weiß, wie Radsportler in die Weltspitze fahren. Heute profitieren viele Cottbuser Trainer auch von seinem Wissen, seinen Trainingsmethoden und haben sie vervollkommnet. Der Nestor des Lausitzer Radsports wird am morgigen Sonntag 80 Jahre alt. Christian Taubert

"Riesenschlange mit drei Buchstaben?" - "Boa!" Die gerade mal zwölfjährigen Steppkes, die im Zugabteil neben ihrem Trainer Platz genommen hatten, dürfen das Kreuzworträtsel in der LR mit lösen. In Lübben waren sie - wie nahezu jeden Sonntag in der Saison - um 5.40 Uhr in den Zug gestiegen. Ihre Rennrädern hatten sie selbst in den Gepäckwagen eingeladen, alle Marke Diamant. Etwas anderes gab es nicht. Es ging zum Radrennen irgendwo im damaligen Bezirk Cottbus. Per Freifahrtschein, ein Privileg der Sportler der BSG Lokomotive. Spätestens nach zwei Stationen - in Lübbenau - faltete ihr gerade einmal 30-jähriger Übungsleiter die Zeitung wieder zusammen. Das Kreuzworträtsel war gelöst.

Es sind markante Episoden aus dem Leben von Eberhard Pöschke, die man sich an diesem Sonntag im Vereinsheim des RK Endspurt 09 Cottbus erzählen wird: Bahnhof Lübben, Sonntag, Abfahrt 5.40 Uhr gehört für Generationen von Radsportlern der Spreewaldstadt ebenso dazu wie die Kakteen-Liebe des gelernten Gärtners oder das langjährige Modelleisenbahn-Hobby. Ein ganzes Zimmer seiner damaligen Wohnung in der Lübbener Hauptstraße war damit belegt. Ob der Weltmeister-Trainer am Sonntag überhaupt zum Erzählen darüber kommen wird, ist fraglich. Denn "großer Bahnhof" ist angekündigt.

Darunter wird natürlich auch die Lübbener Abordnung mit seinem langjährigen Weggefährten Theo Heinke sein. Sie kennen ihren "Puschkin" - wie sie ihn damals alle nannten - nur zu gut. "Er konnte schon ganz schön drauftreten", hat Heinke immer wieder erzählt. "Vor allem am Berg." Und der Jubilar räumt ein: "Natürlich wollte auch ich ein großer Radsportler werden." Nach den größten Erfolgen befragt, nennt er stets die unvergesslichen Siege bei den Lausitz-Rundfahrten 1953 und 1954 oder der Gewinn der Bergwertung der DDR-Rundfahrt 1956 in Oberhof. Theo Heinke weiß aber auch, was Pöschke noch viel lieber tat. "Radrennen zu veranstalten, das lag ihm letztlich noch mehr am Herzen, als selbst zu fahren."

Ganz Lübben stand Kopf

Mit dieser Leidenschaft hat Eberhard Pöschke seine Heimatstadt in den 1960er- und 70er-Jahren zu einem Mekka des Radsports gemacht. Hier wurden Bezirks- und DDR-Meisterschaften im Einzel- und Mannschaftszeitfahren sowie im Cross ausgetragen. Und ganz Lübben stand Kopf, wenn die besten Straßenvierer der Welt von 1962 bis 1970 zum Internationalen Olympiapreis über 100 Kilometer kamen. Sogar die damals berühmten schwedischen Brüder Gösta, Sture, Erik und Tomas Pettersson gingen zwischen Lübben, Goyatz und Lamsfeld auf die Strecke.

Längst hatte der Organisator Pöschke damals den Radsportnachwuchs der Spreewaldregion in seinen Bann gezogen. Als Bezirkstrainer erlangte er Bedeutung im Lausitzer Revier. Und mit den ersten deutschen Meistertiteln der DDR wuchs das landesweite Interesse an einem Mann, der seine Lausitzer Talente nicht länger an die Sportklubs in Berlin, Leipzig oder Frankfurt abgeben wollte. Radsport beim SC Cottbus, "das war ab 1969 ein Segen", weiß Pöschke. Damit waren aber auch Erwartungen verbunden.

Doch darum musste sich der inzwischen auch als Trainingsmethodiker anerkannte Pöschke kaum Gedanken machen. Ab 1970 kam ein furioser Siegeszug des Lausitzer Radsports in Gang. So kehrte Hans-Joachim Hartnick 1976 mit dem Gelben Trikot von der damals berühmten Friedensfahrt zurück. Bernd Drogan wurde 1982 Straßen-Weltmeister. Und 1979 wurde zum SCC-Traumjahr: Hartnick und Drogan (Straßenvierer), Lutz Heßlich (Sprint), Lothar Thoms (1000 m) und Volker Winkler (Bahnvierer) konnten sich das Regenbogentrikot des Weltmeisters überstreifen. Pöschke hatte sie alle unter seinen Fittichen.

An 34 Weltmeistertiteln ist Eberhard Pöschke seither beteiligt. Zuletzt war es Trixi Worrack, die für Endspurt 09 Cottbus startet und mit ihrem Profiteam zweimal das Regenbogentrikot gewann. In den Jahren als Männer-, Verbandstrainer Junioren (1987 - 1990), als Bundestrainer (1990 - 1991), Sportwart beim Brandenburger Radsportverband (1990 - 1998) sowie als Geschäftsführer des RSC Cottbus und letztlich bei Endspurt 09 Cottbus formte er auch Asse wie Jan Ullrich, Erik Zabel, Jens Voigt, Steffen Wesemann, Guido Fulst oder Olaf Pollack.

Der RK Endspurt, den Pöschke nach Querelen mit dem RSC Cottbus 1996 wieder aus der Taufe hob, ist inzwischen seine sportliche Heimat. Neben Trixi Worrack sind hier der Olympia-Zweiter Roger Kluge oder Henning Bommel zu Hause. Der neue Verein hat ihn 2012 - gemeinsam mit Ehefrau Lieselotte - für sein Lebenswerk geehrt. Doch das scheint auch mit 80 nicht vollendet. Und Episoden wie Bahnhof Lübben, Sonntag, Abfahrt 5.40 Uhr, möchte Eberhard Pöschke mit dem Radsportnachwuchs noch viele hinzufügen.

Zum Thema:
Der Zweite Weltkrieg war gerade fünf Jahre vorüber, da stieg der 16-jährige Lübbener Eberhard Pöschke in den Rennsattel und fuhr im nahen Krausnick sein erstes Radrennen. Trotz harter Arbeit in der Gärtnerlehre war er so begeistert von seiner Sportart, dass er einen Monat später in der Spreewaldstadt das erste Rennen nach dem Krieg organisierte. Noch im Dezember 1950 folgte die Gründung der Sektion Radsport der BSG Einheit Lübben, aus der später Lokomotive wurde. Seit 1964 arbeitete er als Bezirks trainer Radsport, legte mit DDR-Meistertiteln im Schülerbereich - Lok Forst 1967 und Lok Lübben 1968 - den Grundstein dafür, dass ab 1969 beim Sportklub Cottbus eine Sektion Radsport gegründet und die bis heute währende Erfolgsgeschichte des Lausitzer Radsports gestartet werden konnte.