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| 18:53 Uhr

Radsport
„Gigantisch“: Kämna sorgt bei Tour-Premiere für Schlagzeilen

 2019: Lennard Kämna strampelt für Team Sunweb die Berge hoch bei seiner ersten Tour de France – am liebsten, wenn es regnet.
2019: Lennard Kämna strampelt für Team Sunweb die Berge hoch bei seiner ersten Tour de France – am liebsten, wenn es regnet. FOTO: Augenklick / Roth/Augenklick
Cottbus/Foix. Der frühere Cottbuser Lennard Kämna fährt bei seiner ersten Tour de France in starker Form. Der jüngste Deutsche im Fahrerfeld ist nach 15 Etappen zweitbester Deutscher im Gesamtklassement. Von Steven Wiesner

Als es so richtig nass und ungemütlich wurde und der Großteil des Feldes im Platzregen absoff, wurden seine Waden immer kräftiger: Lennard Kämna. Der 22-Jährige und damit jüngste Deutsche im Fahrerfeld der 106. Tour de France hat spätestens bei der Pyrenäen-Etappe am Sonntag seine Visitenkarte abgegeben beim größten Radrennen der Welt. Im Unwetter von Foix fuhr der ehemalige Eleve der Lausitzer Sportschule auf Rang sechs – und hochdekorierten Tour-Größen wie dem Gesamtsieger von 2018 Geraint Thomas davon.

„Der Regen war wunderbar. Für mich ist das perfekt als Norddeutscher, ich mag so ein Wetter“, grinste der gebürtige Schleswig-Holsteiner unmittelbar nach der Zielankunft ins ARD-Mikrofon. „Wären 35 Grad gewesen, hätte ich wahrscheinlich nicht Sechster werden können.“ Sein Auftritt im Fritz-Walter-Wetter war nahezu ritterlich. Auch Ex-Profi und Tour-Experte Fabian Wegmann adelte Kämna danach: „Was er da abgeliefert hat, war gigantisch.“

Der Trip nach Foix war die bisherige Sternstunde einer sowieso schon bemerkenswerten Rundfahrt für Kämna. „Lennard ist einer, der für seinen Captain arbeiten kann, aber auch in der Lage ist, in eine Fluchtgruppe zu gehen und selbst vorne weg zu fahren“, sagte mit Rainer Gatzke sein früherer Trainer beim RSC Cottbus kürzlich in einem Interview mit dem „Weser-Kurier“.

Und genau das tat Kämna am Sonntag. Er attackierte in einer Ausreißergruppe und mischte so das Feld auf. „Es war mir erlaubt, vorne mitzufahren. Ich hatte die freie Karte vom Team bekommen“, erklärte der coole Blondschopf, der mit Nikias Arndt (von 2010 bis 2012 beim LKT Team Brandenburg) noch einen zweiten Fahrer mit Cottbuser Vergangenheit im Sunweb-Stall an seiner Seite weiß. Vor der 16. Etappe am Dienstag in Nimes liegt Lennard Kämna im Gesamtklassement auf Rang 54. Eine Stunde und 18 Minuten hinter Julian Alaphilippe und dem Gelben Trikot. Als zweitbester Deutscher hinter Emanuel Buchmann (6.). Und das alles bei seiner ersten Tour de France überhaupt.

Für ihn selbst sind „die Platzierungen total unwichtig“, sagt Kämna, der mittlerweile in Bremen lebt, dem „Weser-Kurier“. „Ich tue immer alles dafür, dass unser Siegkandidat die möglichst beste Ausgangsposition bekommt. Sobald ich damit fertig bin, gehe ich raus, rolle die letzten anderthalb Kilometer aus und komme entspannt ins Ziel, um am nächsten Tag frisch zu sein.“ Nicht wenige sehen aber auch in Kämna selbst bald mehr als einen bloßen Wasserträger. „Er ist ein schmächtiger Kerl, der gut Zeitfahren und die Berge hochfahren kann“, sagt Fabian Wegmann. „Er bringt alles mit für einen guten Rundfahrer.“

 2014: RSC-Geschäftsführer Axel Viertler (v.l.), Präsident Bernd Kühner und Trainer Rainer Gatzke (r.) verabschieden Lennard Kämna.
2014: RSC-Geschäftsführer Axel Viertler (v.l.), Präsident Bernd Kühner und Trainer Rainer Gatzke (r.) verabschieden Lennard Kämna. FOTO: Michael Helbig/mih1

Sein Potenzial hatte der Junioren-Weltmeister im Zeitfahren zwischen 2011 und 2014 auch in der Lausitz immer wieder angedeutet, wenngleich die Anfänge nicht einfach waren. „Er hat akzeptiert, dass er in Cottbus gute Bedingungen hatte, um sich zu entwickeln. Aber seine Heimat hat er nie vergessen“, sagt Rainer Gatzke. „Lennard war jemand, der auf die Ratschläge und Meinung des Trainers gehört hat. Einer, der sie auch wollte. Es war recht harmonisch, was sich ja auch an den Ergebnissen gezeigt hat. Er wollte lernen, ich hab ihm den Weg gezeigt, und den ist er gegangen.“

Und der soll ihn kurzfristig nach Paris führen, wo am 28. Juli das Tour-Finale stattfindet. „Ich würde gerne in Paris ankommen. Das ist das größte Ziel, das ich habe“, sagt Kämna. Und wenn der ganze Trubel dann überstanden ist, „freue ich mich auf meine Freundin, mein eigenes Bett – und natürlich auch auf eine schön fettige Pizza“. Vorher dürfen aber gerne noch ein paar Fritz-Walter-Wetter-Tage kommen in der letzten Tour-Woche.