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Geheimes Casting in Cottbus

Die Muskeln des us-amerikanischen WM-Medaillengewinners Brandon Wynn sind für den SC Cottbus wohl eine Nummer zu groß.
Die Muskeln des us-amerikanischen WM-Medaillengewinners Brandon Wynn sind für den SC Cottbus wohl eine Nummer zu groß. FOTO: Nils Bohl
Cottbus. Das 38. Turnier der Meister ist am Donnerstag mit den Qualifikationswettkämpfen gestartet. In dem bunten Treiben mit Sportlern aus 40 Nationen gab es viele interessante Darbietungen zu sehen. Vielleicht kann einer dieser Sportler ja kurzfristig dem SC Cottbus helfen. Denn der Club sucht nach einem Retter für die Liga. Jan Lehmann

"Eyh! In deiner Chromosomenkette kommen die Chromosomen für Musik einfach nicht vor" - so blafft Dieter Bohlen im Fernsehen schon einmal junge Hobbysänger an.

Keine Frage, SC-Cottbus-Trainer Karsten Oelsch hat nicht eine ganz so große Klappe wie der TV-Star. Und Ehrenmitglied Bernd Heide kann vielleicht auch nicht ganz so schön singen wie Marianne Rosenberg. Präsidiumsmitglied Sylvio Kroll hat bestimmt auch weniger Tattoos als Rapper Kay One. Und dennoch sind die drei auf ähnlicher Mission wie Bohlen & Co. bei "Deutschland sucht den Superstar" unterwegs. Wie die Jury-Mitglieder der Casting-Show im TV fahnden auch sie nach verborgenen Talenten.

Ein Unterschied: Im Fernsehen geht es ums Singen, in Cottbus allerdings ums Turnen. Und während RTL die ganz große Werbemaschine ankurbelt, arbeiten die Cottbuser lieber im Verborgenen. Offiziell zugeben wollen sie es nämlich nicht, dass sie beim Turnier der Meister insgeheim nach einem Retter für den extrem schweren Kampf um den Klassenerhalt in der Deutschen Turnliga (DTL) suchen. "Ich weiß von nichts", erklärt Oelsch, der nach längerer Krankheit noch im Genesungsurlaub weilt und nur als "Gast" in der Lausitz-Arena ist.

Entscheidung in einer Woche

Fakt ist aber: Bisher ist der Ukrainer Oleksandr Suprun der einzige ausländische Sportler, den die Cottbuser verpflichten konnten. Suprun hält übrigens auch beim Turnier der Meister die Cottbuser Farben hoch. Der WM-Teilnehmer geht am Freitag in die Qualifikation am Reck. Doch trotz Supruns Unterstützung muss die extrem junge Cottbuser Mannschaft mehr denn je um den Klassenerhalt fürchten - zumal der letztjährige Punktegarant Christopher Jursch wegen seiner Schulteroperation lange ausfällt.

Schon der erste Liga-Wettkampf gegen den Aufsteiger Siegerländer KV (23. März, 14 Uhr, Lausitz-Arena) hat Finalcharakter. Wer dort verliert, muss allem Anschein nach den bitteren Gang in die 2. Liga antreten. Deshalb suchen die Cottbuser jetzt für dieses Duell nach einem weiteren Gaststarter.

Der bisher noch geheime Plan: Ein Turnier-Teilnehmer soll auf der Stelle verpflichtet werden und gleich bis zum Wettkampf am folgenden Samstag in Cottbus bleiben. Wenn möglich, wollen die Lausitzer den Athleten dann auch noch für den Auswärtswettkampf eine Woche später beim MTT Chemnitz/Halle engagieren.

Mit den finanzstärkeren Clubs wie Straubenhardt, Stuttgart oder Obere Lahn kann man in Cottbus ohnehin nicht mithalten. Die Mannschaft ist die mit Abstand die jüngste der Liga - in Turnerkreisen spricht man schon vom Cottbuser "Kinder-Riegel". Da könnte ein Sportler aus der zweiten internationalen Reihe - das Turnier der Meister bietet als Challenge-Cup diesen Athleten eine Bühne - dem SC Cottbus schon weiterhelfen.

Der Vereinsvorsitzende Arved Hartlich gibt zu: "Ja, wir schauen beim Turnier hin. Eigentlich ist der Markt abgedeckt und wir können da nicht mit den finanzstarken Clubs mithalten. Aber vielleicht finden wir ja doch noch eine Verstärkung."

Werbung mit weichen Faktoren

Das Problem liegt allerdings auf der Hand. Der SC Cottbus kann nicht gerade mit Geldscheinen wedeln, um für das kurzfristige Engagement zu werben. Der Verein mit dem Gesamtetat von knapp 200 000 Euro kann nur eine geringe Aufwandsentschädigung zahlen. Das Motto muss also heißen: "Cottbus sucht den Schnäppchen-Star". Dafür können die Lausitzer perfekte Trainingsbedingungen und ein für Turner nahezu ideales Umfeld bieten. Mit diesen weichen Faktoren wollen die Cottbuser an diesem Wochenende punkten.

Am Donnerstag waren Oelsch, Heide und Kroll schon in der Halle. Sie haben bestimmt einige Kandidaten gesehen, die Poten zial für den "Recall" haben. So wird in der TV-Show die zweite Runde des Auswahlverfahrens genannt. Auch die RUNDSCHAU hat vier Kandidaten ausgesucht, die passen könnten. Ob sie aber die richtigen "Chromosomen" für den SCC haben, müssen die Club-Verantwortlichen entscheiden.

Zum Thema:
Der ehemalige Cottbuser Bundesliga-Turner Andreas Bretschneider muss um seine Titelverteidigung am Reck fürchten. Der Chemnitzer musste am Donnerstag seine Übung an den Ringen wegen Schulterproblemen abbrechen. Später kämpfte er sich am Boden noch durch, verpasste aber wegen eines Sturzes das Finale. Ob er am Freitag starten kann, ist noch ungewiss. Die Turn-Legende Oksana Chusovitina fehlte am Donnerstag beim Auftakt des 38. Turniers der Meister. Die 38-Jährige sei nicht angereist, teilte Turnierdirektor Mirko Wohlfahrt mit. Chusovitina gehört in Cottbus eigentlich schon zum Inventar, doch ihre 16. Teilnahme fiel vorerst aus. Vielleicht tritt sie ja 2015 wieder an. Ihre Planungen gehen ja ohnehin bis zu den Olympischen Spielen 2016.