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| 19:37 Uhr

Fussball
England vereint in Schmerz und Stolz

Englands Trainer Gareth Southgate spendet Dele Alli (M.) und den anderen Spielern nach der 1:2-Niederlage am Mittwoch in Moskau Trost.
Englands Trainer Gareth Southgate spendet Dele Alli (M.) und den anderen Spielern nach der 1:2-Niederlage am Mittwoch in Moskau Trost. FOTO: dpa / Rebecca Blackwell
Moskau. Der kollektive WM-Rausch ist vorbei. Die Fans feiern ihr Team dennoch. Trainer Southgate ist Sinnbild einer neuen Identität. dpa

Im Moment völliger Leere und tiefsten Schmerzes konnten sich Englands WM-Fußballer auf ihre Fans bis hinein ins Königshaus verlassen. „Ich weiß, wie enttäuscht Ihr jetzt sein müsst. Aber ich könnte nicht stolzer sein auf diese Mannschaft, und Ihr solltet es auch sein“, schrieb Prinz William via Twitter. Auf den Rängen des Moskauer Luschniki-Stadions feierten die Anhänger ihre gestürzten Helden noch Minuten nach dem Abpfiff eines dramatischen Abends für das Fußball-Mutterland, durch die Lautsprecher dröhnte der „Oasis“-Klassiker „Don‘t Look Back In Anger“ (Schau nicht in Wut zurück).

„Ich bin unglaublich stolz auf das, was sie geleistet haben“, sagte Trainer Gareth Southgate. Die Stimme stockte manchmal, auch er musste um Fassung ringen. Die Augen verrieten die Gemütslage des 47-Jährigen nach dem 1:2 im WM-Halbfinale nach Verlängerung gegen den Sensations-Finalisten Kroatien: „Im Moment fühlen wir nur den Schmerz.“ Ein Siegerteam zu werden, das tue aber auch mal weh. „Wir dachten, wir könnten es schaffen, aber es hat nicht sollen sein“, sagte Kapitän Harry Kane.

„Es war, als ob man zuschaut, wie ein wunderschönes Gemälde vor deinen eigenen Augen zerrissen wird“, schrieb die englische Zeitung „The Guardian“ am Donnerstag. Die frühe Führung durch Kieran Trippier in der fünften Minute, wirkungslose Kroaten, Bierpartys im Hyde-Park – alles lief zunächst perfekt für die Engländer auf ihrem Weg, den ersten WM-Titel nach 62 Jahren zu holen. „Eine bessere Chance, die Jahre des Leidens zu beenden, werden wir vielleicht nie mehr bekommen“, klagte der „Mirror“.

Ivan Perisic und Mario Mandzukic zerstörten mit ihren Toren alle Träumereien der Briten – der kollektive Rausch war jäh vorbei. „Der Trainer hat kurz zu uns in der Kabine gesprochen: Wir sollen uns nicht schlecht fühlen, sondern stolz sein“, erzählte Kane.

Angeführt vom bisher sechsmaligen WM-Torschützen hat diese englische Mannschaft nicht nur den Fans in der Heimat viel gegeben. Für manche wurde sie zum Sinnbild eines neuen Gemeinschaftsgefühls. Ähnlich wie 2006 die deutsche Mannschaft und ihre Fans ebenfalls trotz einer Niederlage im Halbfinale dem Land eine neue, freundliche und weltoffene Identität gaben, wähnen manche auch Southgates Schützlinge auf eben diesem Weg.

„In einer Zeit, in der unsere politischen Anführer ein solch erbärmliches Gefühl an Orientierungslosigkeit hinterlassen – egoistisch, unnahbar und hoffnungslos gespalten – zeigte sich die englische Nationalmannschaft erfrischend anders“, schrieb der „Independent“: „Danke für die erlösende Ablenkung vom ­Brexit. Wir sind stolz auf Euch. Danke, dass Ihr uns vereint habt.“

Ein Verdienst vor allem auch vom „ehrgeizigen, aber auch bescheidenen“ Southgate, wie das Boulevard-Blatt „The Sun“ hervorhob: „Der Messias mit der Anzugweste heilte unser unruhiges Volk mit seinen jungen Jüngern.“