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| 19:29 Uhr

Fussball
Die schönen und die hässlichen Seiten

Die Fans machten die WM zu einem farbenfrohen Spektakel.
Die Fans machten die WM zu einem farbenfrohen Spektakel. FOTO: dpa / Martin Meissner
Moskau. Neymars Schauspielkünste, die stolzen Neulinge, rassistische Töne – der Fußball zeigte bei der WM all seine Facetten. dpa

Die Weltmeisterschaft in Russland neigt sich ihrem Ende zu. Vor dem Finale am Sonntag zieht die RUNDSCHAU Bilanz.

DIE SCHÖNE SEITE

WM-Neulinge: Mit voller Begeisterung dabei – Island und Panama bereicherten trotz des Vorrunden-Ausschneidens das Turnier. Die Nordlichter mit ihrem tausendfachen „Huh!“, die Mittelamerikaner mit ihren gerührten Fans und weinenden TV-Reportern, als erstmals bei einer WM ihre Nationalhymne erklang.

Spielstätten: Abgesehen von der Nachhaltigkeit und den immensen Kosten – Russland bot zwölf topmoderne, helle Stadien mit prächtiger Architektur und makellosem Rasen. Die Vorrundenspiele waren zu 97 Prozent ausverkauft, die Organisation klappte nahezu reibungslos.

Spannung pur: Bisher 19 Tore in der Nachspielzeit, dazu gab es in den K.o.-Spielen bereits viermal eine Verlängerung mit Elfmeterschießen. Die Luft vibriert, die Fans sind elektrisiert.

Fantasievolle Fans: Vor allem die weit hergereisten Anhänger aus Lateinamerika mit ihren Tänzen, Gesängen und wilden Kostümierungen verliehen der WM einen farbenfrohen Anstrich.

Hingucker: Frankreichs sprintstarker Kylian Mbappé, Englands Knipser Harry Kane, Belgiens bulliger Mittelstürmer Romelu Lukaku und Kroatiens Mittelfeld-Duo Luka Modric/Ivan Rakitic – da staunten Fans und Experten, was diese Stars auf den Rasen zauberten.

Gastgeber ganz groß: Der 70. der Fifa-Weltrangliste überraschte alle. Mit unbändigem Willen und dem „Rossija, Rossija!“-Gebrüll der Fans kam das Team von Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow bis ins Viertelfinale. Die Sbornaja schickte sogar Ex-Weltmeister und Titelfavorit Spanien nach Hause, das knappe Aus gegen Kroatien erwischte sie an einem denkwürdigen Ort: In Sotschi gab es vor vier Jahren die Medaillenflut für heimische Wintersportler, es folgte ein massiver Dopingskandal.

Funktionierender Videobeweis: Was wurde im Vorfeld über die Premiere des Video-Assistenten geunkt. Doch die Technik hat sich bewährt und häufig für mehr Gerechtigkeit gesorgt. Getrübt wird das Bild noch durch unterschiedliche Regelauslegungen.


DIE HÄSSLICHE SEITE

Rassismus: Vor allem Spieler aus Einwandererfamilien sehen sich, wenn es mal nicht so läuft, mit Hass und Ablehnung konfrontiert. Auch in die Debatte um Mesut Özil mischen sich Rechtspopulisten und Rechtsradikale ein. Das schwedische Team stellt sich hinter seinen im Internet angefeindeten Spieler Jimmy Durmaz; gemeinsame Botschaft: „Fuck Racism“.

Unsäglicher Unsinn: Serbiens Trainer Mladen Krstajic sorgte mit seiner Kritik am deutschen Referee Felix Brych, dem er nach dem Schweiz-Spiel (1:2) den Prozess vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal machen wollte, für große Empörung. Die Strafe der Fifa in Höhe von 5000 Schweizer Franken (4340 Euro) fiel überaus milde aus.

Brasiliens Superstar Neymar wird vor allem wegen seiner Schauspielerei und Lamentiererei im Gedächtnis bleiben.
Brasiliens Superstar Neymar wird vor allem wegen seiner Schauspielerei und Lamentiererei im Gedächtnis bleiben. FOTO: dpa / Frank Augstein

Schwalbenkönig: Der hochveranlagte Neymar hat seine Spuren hinterlassen: statistisch mit zwei Toren und zwei Vorlagen, ansonsten als Schauspieler und Dauer-Lamentierer mit der albernen Spaghetti-Frisur. Für die spanische „Mundo Deportivo“ war der brasilianische Superstar der „Neymal“, „mal“ wie schlecht.

Deutsches Debakel: Für Weltmeister Deutschland war in der Vorrunde als Gruppenletzter Schluss – eine historische WM-Pleite. Torwart Manuel Neuer nannte den Auftritt „bitter und erbärmlich“.

Spielerisches Spektakel: Das blieb manchmal auf der Strecke. Sicherheit geht vor, hieß es bei vielen Teams. Lieber eine doppelte Abwehrkette. Und kein einziges Tor nach einem Fallrückzieher oder unnachahmlichem Solo – stattdessen geht der Trend zum Treffer nach einer Standardsituation.

Tribünenkasper: Argentiniens Fußball-Legende Diego Maradona gab ein trauriges, ja fast tragisches Bild ab. Als der 57-Jährige dann auch noch obszöne Gesten zeigte, schwenkten die Fernsehkameras weg.

Üble Auswüchse: Kolumbiens Abwehrspieler Carlos Sanchéz erhielt nach seiner Roten Karte bei der Niederlage gegen Japan Morddrohungen in den sozialen Netzwerken. Die Polizei in seinem Heimatland ermittelt, zumal Sanchéz im Zusammenhang mit Andrés Escobar geschmäht wurde. Der Nationalspieler hatte 1994 im WM-Spiel gegen die USA zum 0:1 ins eigene Netz getroffen und trug damit zum Vorrunden-Aus einer Mannschaft bei. Wenige Tage später wurde Escobar in seiner Heimat erschossen, vermutlich war sein Eigentor der Grund.

Wagenburg-Mentalität: Die Fifa verpflichtete die Teams zu mindestens einem öffentlichen Training, viel mehr bekamen die Fans aber von den Teams auch nicht zu sehen. Deshalb haben es die meisten auch aufgegeben, ihren Teams hinterher zu reisen. Spanien hatte keinen einzigen Anhänger in Krasnodar. In Deutschland ist die Entfremdung zwischen Nationalmannschaft und Fans ein großes Thema.