| 02:39 Uhr

Freund für 213 Kilometer gesucht

Der Cottbuser Roger Kluge gewann 2016 eine Etappe beim Giro. In diesem Jahr musste er sich dagegen durch das Frühjahr quälen.
Der Cottbuser Roger Kluge gewann 2016 eine Etappe beim Giro. In diesem Jahr musste er sich dagegen durch das Frühjahr quälen. FOTO: Imago/img1
Chemnitz. Radprofi Roger Kluge aus Cottbus geht bei der Deutschen Meisterschaft ohne Hilfe seines Teams an den Start. Er sucht in Chemnitz seine Form. Und auch Weggefährten. Frank Noack

Normalerweise sind die Aufgaben für Roger Kluge in einem Radrennen klar definiert. Bei seinem Team Orica-Scott aus Aus tralien ist der 31-jährige Cottbuser auf den letzten Kilometern meistens für das Anfahren der Sprints eingeteilt. Kluges Job ist es dann, die Topsprinter seines Teams bei der rasenden Fahrt in Richtung Ziel in eine gute Position zu bringen. Wenn die schnellsten Männer des Pelotons um den Tagessieg sprinten, ist für ihn das Rennen im Prinzip schon beendet.

An diesem Sonntag bei den Deutschen Meisterschaften in Chemnitz wird alles anders sein für Roger Kluge. Diesmal ist er von sämt lichen taktischen Zwängen befreit und kann sich seine eigene Renntaktik zurechtlegen. Denn bei den nationalen Titelkämpfen geht er als Einzelkämpfer an den Start. "Bei einer Meisterschaft wird ganz anders gefahren als bei normalen Etappen. Nur wenige Teams haben mehrere Fahrer am Start", erklärt Kluge.

Normalerweise sind auch unterwegs die Aufgaben klar verteilt. Die meisten Mannschaften stellen Fahrer dafür ab, das Geschehen so gut wie möglich zu kontrollieren und Fluchtgruppen zu besetzen. Auf dem 213 Kilometer langen Kurs durch die Chemnitzer Innenstadt sind solche taktischen Manöver am Sonntag kaum möglich. "Selbst mit drei Fahrern im Feld ist es schwierig, ein solches Rennen zu kontrollieren", erklärt Kluge. Stattdessen heißt es, genau den richtigen Moment zu erwischen, um in der finalen Phase in der richtigen Position oder Gruppe dabei zu sein. Werden angesichts der besonderen Umstände möglicherweise Allianzen mit anderen Einzelkämpfern geschmiedet, um sich gegenseitig zu unterstützen? Roger Kluge schmunzelt: "Mal schauen, ob sich ein Freund findet, dem man einen Gefallen tun kann oder der einem selbst vielleicht aus einem anderen Rennen noch etwas schuldet. Gefragt hat mich aber bisher noch niemand." Auch die Topfavoriten müssen eine Woche vor dem Start der 104. Tour de France in Düsseldorf weitgehend ohne die Hilfe ihrer Teams auskommen. Titelverteidiger André Greipel (Lotto Soudal) hat mit Marcel Sieberg genau wie Marcel Kittel (Quick Step Floors) mit Maximilian Schachmann immerhin einen Sprinthelfer an seiner Seite. Das mit acht Startern größte Kontingent im Bereich der Profiteams stellen die Bora-hansgrohe-Fahrer. Ohne Team-Unterstützung geht John Degenkolb auf die 19,4 Kilometer lange Runde durch die Chemnitzer Innenstadt. "Als Alleinunterhalter wird es sehr schwer", befürchtet der Klassiker-Spezialist vom Trek-Segafredo-Rennstall. Im Fall von Roger Kluge kommt noch hinzu, dass der ehemalige Schüler der Lausitzer Sportschule und Mitglied des RK Endspurt Cottbus gesundheitlich etwas gehandicapt ist. Bei der Slowenien-Rundfahrt vor einer Woche musste er wegen eines Magen-Darm-Infekts aussteigen. Überhaupt hat Kluge in dieser Saison immer wieder mit kleineren Infekten zu kämpfen, die ihm viele Trainings- und auch Wettkampfkilometer gekostet haben. Der mutmaßliche Grund ist aber ein sehr schöner: Töchterchen Jenna (knapp zwei Jahre) geht inzwischen in den Kindergarten und bringt von dort natürlich das eine oder andere Wehwehchen mit nach Hause. "Das gehört halt auch dazu", räumt Kluge ein.

Dabei hat der Cottbuser schon bewiesen, dass er nicht nur auf der Bahn ein exzellenter Fahrer ist. 2008 gewann er bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille im Punktefahren. Im vergangenen Jahr landete Kluge seinen bisher größten Erfolg auf der Straße: den Etappensieg beim Giro d'Italia. Von dieser Topform ist er derzeit allerdings ein Stück entfernt. In diesem Jahr fehlte sein Name in der Startliste der Italien-Rundfahrt. Auch für die Tour de France hat ihn Orica-Scott nicht nominiert.

In Chemnitz will Roger Kluge trotzdem den einen oder anderen Akzent setzen - als Einzelkämpfer oder mit einem vorübergehenden Freund an seiner Seite.