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Explosion der Emotionen

Die Polizei zieht am Dienstagabend in der Allianz-Arena vor der Münchner Fankurve auf, aus der Sitzschalen auf den Rasen fliegen.
Die Polizei zieht am Dienstagabend in der Allianz-Arena vor der Münchner Fankurve auf, aus der Sitzschalen auf den Rasen fliegen. FOTO: dpa
München. Erst Braunschweig, jetzt München: Die Alles-oder-Nichts-Duelle in der Relegation werden immer mehr zum gewalttätigen Problem. Nur auf die im Fußballstadion ausrastenden Fans zu zeigen, sei aber auch zynisch, meinen Experten angesichts der Vermarktung. Ralf Jarkowski

Dramatik bis zur letzten Sekunde, Spannung und Emotionen pur - und dann rasten Fans wieder mal aus: Alles-oder- Nichts-Spiele zum Saisonende oder in der Relegation bergen nach Ansicht von Experten ein besonders hohes Gewaltpotenzial. Doch die Ausschreitungen unbelehrbarer Anhänger wie am Dienstagabend in München sind nach Ansicht von Michael Gabriel, Leiter der Frankfurter Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), auch ein Problem des Fußballs selbst. "Mit Blick auf die Vermarktung des Fußballs ist da eine ganze Menge Zynismus mit im Spiel: Wenn man zur besseren Vermarktung die Emotionen auf die Spitze treibt und sich hinterher beschwert, dass die Fans ihre Emotionen nicht im Griff hatten", sagte Gabriel am Mittwoch.

Einen Tag nach dem Platzsturm von Chaoten in Braunschweig stand das Relegationsduell zwischen 1860 München und Jahn Regensburg (0:2) sogar vor dem Abbruch. "Löwen"-Fans hatten hinter einem Tor randaliert, Gegenstände auf den Rasen geworfen, mehrere Polizisten wurden bei dem Einsatz in der Allianz-Arena verletzt. Schiedsrichter Daniel Siebert unterbrach die Partie in der 81. Minute, behielt aber Nerven und Übersicht: Nach 15 Minuten ließ er weiterspielen.

Eine angemessene Entscheidung, befand DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich am Tag danach. "Im Sinne einer deeskalierenden Strategie war eine Fortsetzung des Spiels nachvollziehbar. Ein Abbruch des Spiels hätte die Situation noch verschlimmern können", ließ Fröhlich über den Deutschen Fußball-Bund mitteilen. Wichtig bei einer solchen Entscheidung sei "die enge Kooperation mit den Sicherheitsverantwortlichen und dem Veranstalter", betonte der ehemalige Fifa-Referee.

"Das, was gestern bei 1860 München passiert ist, geht noch über den bitteren sportlichen Abstieg hinaus. Hier geht es um die Existenz eines ganzen Vereins", sagte Sportwissenschaftler Gabriel. "Es sind die Fans, die das Spiel durch ihre Emotionen mit Bedeutung auf laden. Es wird aber viel zu oft missachtet, dass der Fußball und die Vereine vom Engagement ihrer Fans leben", meinte der 53-Jährige. Für die Anhänger sei ein Abstieg eine existenzielle Frage. "Und das wird in der überflüssigen Relegation noch einmal auf die Spitze getrieben."

Für Fanforscher Gunter A. Pilz liegt das akute Gewaltproblem in der Relegation selbst. "Das ist etwas hoch Dramatisches, wo es wirklich auch um finanzielle und Identifikations-Phänomene geht. Da steht so viel auf dem Spiel", sagte er. "Wenn es dann noch Leute gibt, die offensichtlich auch mit krimineller Energie ihre Gewaltfantasien ausleben - dann kann man nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Oder man stellt gleich neben jeden Fan noch einen Ordner oder einen Polizisten", meinte Pilz. Gewalttätige Fans seien "ja keine Typen, die du eben mal umblasen kannst. Vielleicht wäre es dann hilfreich, wenn man dann hinterher - vielleicht auch in der Anonymität - durchaus den Mumm hat, zumindest diese Leute zu identifizieren und ihrer gerechten Strafe zuzuführen", sagte der Fanforscher.

Nach dem Relegationsspiel zwischen Braunschweig und Wolfsburg (0:1) waren Eintracht-Fans nach dem Abpfiff auf den Rasen gestürmt. Die Wolfsburger Spieler flüchteten nach ihrem Sieg vom Platz. Polizisten schützten den VfL-Fanblock vor den Eintracht-Anhängern, Böller flogen, eine Rakete landete in der Beamten-Gruppe.

Schon vor fünf Jahren endete ein Relegationsduell im Chaos: Im Mai 2012 gewann Zweitligist Düsseldorf das Hinspiel bei Hertha BSC 2:1 und führte vor eigenem Publikum 2:1. Dann flogen Leucht raketen, bengalische Feuer wurden gezündet. Schiedsrichter Wolfgang Stark stoppte das Spiel. Beim Stand von 2:2 stürmten Fortuna-Fans frühzeitig das Spielfeld, und Stark musste erneut unterbrechen. Erst nach 20 Minuten wurde die Begegnung zu Ende gespielt.

Zum Thema:
1860 München, der einst stolze Traditionsverein, liegt nach dem Absturz aus der 2. Liga in Trümmern. "Unsere erste Aufgabe ist es jetzt, einen konkreten Plan für die Zukunft zu machen", teilte der Verein zwar mit. Aber wer setzt den Plan um? Präsident Peter Cassalette trat direkt nach der 0:2-Niederlage gegen Regensburg zurück. Geschäftsführer Ian Ayre war schon vor dem Spiel geflüchtet. Und der mit großen Ambitionen angetretene Trainer Vitor Pereira erklärte sein ambitioniertes "Projekt" für gescheitert und hielt im Pressesaal eine Art Abschiedsrede - freilich ohne klares "Servus". Am Tag nach dem schwarzen Dienstag für 1860 warteten alle auf die Reaktion von Investor Hassan Ismaik. Beim Abstieg war er nicht im Stadion. Nach Informationen der Abendzeitung sind die Konten der KgaA (Kommanditgesellschaft auf Aktien) leer geräumt worden. Auch die Spielergehälter sollen nicht überwiesen worden sein. Angeblich habe auch Kurzzeit-Geschäftsführer Ian Ayre kein Gehalt bekommen. Und die Mannschaft? Auch der wild zusammengekaufte Kader wird auseinanderfallen. Als erster Profi hat Kapitän Kai Bülow am Mittwoch die Löwen verlassen. Er wechselt zum anderen Zweitliga-Absteiger Karlsruher SC.