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Kickboxen
Europameister Demirörs und sein Kampf gegen die Klischees

Ümüt Demirörs
Ümüt Demirörs FOTO: Orazio Guarnieri / Sport Pictures
Cottbus. Er wollte so sein wie Jean-Claude van Damme, also wurde er Kickboxer. Nun ist er zum dritten Mal Europameister und will seinen Sport auch in Cottbus salonfähig machen: Ümüt Demirörs. Von Steven Wiesner

Es passiert im Jahr 2010, als sich ein junger Asiate einen bemerkenswerten Kampf liefert. Er ist japanischer Kickbox-Meister und hat als solcher schon vielen Gegnern das Licht ausgeknipst. Diesmal aber ist er derjenige, der Sterne sieht. Er kann nicht Schritt halten, kassiert einen Schlag nach dem anderen und läuft Gefahr, jeden Moment angezählt zu werden. Das Bemerkenswerte an diesem Kampf ist aber nicht die Unterlegenheit des Japaners, sondern die Zurückhaltung seines Widersachers, der darauf verzichtet, seinem geschwächten Gegner weitere Schmerzen zuzufügen, nur damit seine Vita von einem abermaligen K.o.-Sieg aufgehübscht wird. Er lässt die Zeit runterlaufen und den Japaner in Würde verlieren. Fortan wird man den Kämpfer in der Szene „Gentleman“ kosen. Sein Name: Ümüt Demirörs.

Es ist eine Anekdote, die viel darüber aussagt, wie der 34-jährige Deutsch-Türke aus Baden-Württemberg tickt und seinen Kampfsport versteht. Logischerweise ist Kickboxen kein Seniorenhäkeln, sondern ein Wettkampf, bei dem man seinen Gegenüber schlagen und treten muss. Man kann ihn aber auch so ausüben, dass der Verlierer nach dem Kampf nicht auf Gehhilfen angewiesen ist. „Ich sehe meine Gegner nicht als Feinde, denen ich wehtun will. Ich will nur punkten mit meinen Schlägen“, sagt Demirörs. Wahrscheinlich sieht er seine Gegner eher als wandelnde Dartscheibe, die Treffer in bestimmten Körperregionen mit bestimmten Punkten belohnt. So wie Michael van Gerwen und Phil Taylor ihre Pfeile in die Triple 20 schmeißen, zielt Ümüt Demirörs mit Händen, Füßen und Knien Richtung Körper, Kopf und Bein.

Angefangen hatte der gebürtige Friedrichshafener mit Taekwondo und Ringen. „Mich hat Kampfsport schon immer begeistert“, sagt er und fügt lachend hinzu: „Ich wollte so sein wie Bruce Lee oder Jean-Claude van Damme.“ Mit etwa 20 Jahren ist Demirörs dann erst relativ spät zum Thai- und Kickboxen gewechselt und hatte das Glück, beim Thai-Box Club Singen und Ralf Hasenohr in die Lehre gehen zu können. Der Stall vom Bodensee ist so etwas wie der FC Bayern der Kickbox-Landschaft und Hasenohr sein Gründer. „Er ist eine lebende Legende“, huldigt Demirörs seinem Trainer, der im abgelaufenen Jahr mit dem Sportlerehrenpreis ausgezeichnet worden ist – als erster deutscher Kickbox-Trainer überhaupt.

In seinem Übungsleiter sieht Ümüt Demirörs mehr als jemanden, der ihn nur auf den nächsten Kampf einstimmt. „Er ist ein Lebenslehrer.“ Jemand, der nicht nur Muskeln, sondern auch Persönlichkeit formt. Ohne Hasenohr wäre Demirörs nicht das, was er heute ist: ein mehrmaliger Europameister. Nach 2006 und 2009 hat er sich 2017 zum dritten Mal in einem EM-Kampf krönen können.

Ümüt Demirörs (r.) nach seinem dritten EM-Triumph 2017 mit Trainer Ralf Hasenohr.
Ümüt Demirörs (r.) nach seinem dritten EM-Triumph 2017 mit Trainer Ralf Hasenohr. FOTO: Vedat Alyaz

Durch den Sport hat der „Gentleman“ schon viele Teile der Erde sehen dürfen. Als professioneller Kickboxer lebte Demirörs teilweise in Thailand und tourte durch Hongkong, Russland oder Neuseeland. Die Gagen, die ein Kickboxer bekommt, bedeuten zwar keine Reichtümer, „aber es war genug, um über die Runden zu kommen“, sagt Demirörs.

Heute verdient er sein Geld als Fitnesstrainer in der Spreewaldtherme von Burg, wo er alsbald auch Thaibox-Kurse anbieten will. Der Liebe wegen ist der dekorierte Kickboxer nach Cottbus gezogen – und liebäugelt damit, eine Sportschule zu eröffnen, „die die normale Gesellschaftsschicht anspricht“. Das Potenzial dafür glaubt er in Cottbus erkannt zu haben. „Cottbus ist eine Sportstadt, fast jeder Dritte hier ist in einem Sportverein. Ich bin mit meinem Sport nirgends so gut aufgenommen worden wie hier.“

Im Besonderen hat er es sich zur Aufgabe gemacht, seine Sportart auch hierzulande salonfähig zu machen. Demirörs: „Darauf lege ich viel Wert.“ Er will mit dem Klischee brechen, dass Kickboxen nur etwas für üble Schläger ist, die sich abreagieren wollen – sondern auch eine Leibesübung für echte Gentlemen.