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| 02:38 Uhr

Entertainer und Buhmann

Mit offenem Haar und in Freizeitkleidung nahm Peter Sagan am Mittwochmorgen in Vittel Stellung. Viele empfinden den Tour-Ausschluss als zu hart.
Mit offenem Haar und in Freizeitkleidung nahm Peter Sagan am Mittwochmorgen in Vittel Stellung. Viele empfinden den Tour-Ausschluss als zu hart. FOTO: dpa
Vittel. Mit dem Ausschluss von Peter Sagan verliert die Tour de France ihre schillerndste Figur. Der Weltmeister ist ein Mann der Extreme. Stefan Tabeling und Andreas Zellmer

Wenigstens Peter Sagans schwangere Frau Katarina darf sich auf gemeinsame Stunden in den nächsten Tagen freuen, die Tour de France verliert dagegen ihre Hauptattraktion. Mit dem Ausschluss des Weltmeisters wegen des Ellbogenchecks gegen Mark Cavendish im Sprintfinale der vierten Etappe am Dienstag in Vittel verabschiedet sich auch der Spaßvogel, Showstar und Leistungsträger der Rundfahrt - als Buhmann.

Sein Abgang am Mittwoch hatte aber Stil. Sagan verlor kein böses Wort gegen die Jury, entschuldigte sich beim verletzten Briten Cavendish und akzeptierte zähneknirschend die Entscheidung. Für den Slowaken ist es die dunkelste Stunde seiner Radsport-Karriere - innerhalb von nur 24 Stunden verwandelte er sich vom strahlenden Etappensieger in Longwy zum bösen Buben. Eine Rolle, die der 27-Jährige bislang noch nicht kannte. Denn Sagan ist der Entertainer des Pelotons, seine Pressekonferenzen garantieren genauso wie seine halsbrecherischen Abfahrten höchsten Unterhaltungswert. Sagan ist immer am Limit.

So ist er bereits in jungen Jahren die mit Abstand schillerndste Figur im Peloton. Mit seinen langen Haaren kommt er wie ein Rockstar daher. Immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Mal übt er sich als Sänger, oder er läuft wie nach seinem Sieg in Longwy hyperaktiv mit einer übergroßen MotoCross-Brille durch den Zielbereich. Bei der Flandern-Rundfahrt kniff er auf dem Podium auch schon mal einer Hostesse in den Po, wofür er sich anschließend entschuldigen musste.

"Das Leben ist zu kurz, um traurig zu sein", lautet Sagans Maxime. Doch der Slowake hat nicht nur eine große Klappe, er ist auch in erster Linie ein herausragender Radprofi. Er kann mitunter Rennen ohne einen Helfer gewinnen, wie etwa bei der brutal schweren WM 2016 in Doha. Bei der Tour gewann er fünfmal in Serie das Grüne Trikot des Punktbesten, in diesem Jahr wäre der Rekord von Erik Zabel fällig gewesen. Mit seiner Vielseitigkeit ist er den Konkurrenten haushoch überlegen.

Es ist dieses grenzenlose Selbstbewusstsein, dieser ausgeprägte Mut zum Risiko und diese Schlagfertigkeit, die ihn so auszeichnet. Auf die Fragen, warum er denn so angriffslustig sei, hat der "Saganator" auch gern mal eine passende Macho-Antwort parat: "Weil ich Big Balls habe."

Wie kaum ein anderer Fahrer beherrscht er sein Rennrad. So ist er die rund vier Millionen Euro pro Jahr, die sein deutsches Bora-hansgrohe-Team überweist, jeden Cent wert. "Er ist ein spezieller Typ, deshalb bezahlen wir ihm auch relativ viel Geld", sagte Teamchef Ralph Denk. Mit dem Sagan-Hype ist es die nächsten Wochen aber vorbei.

Sein Fall beschäftigte am Mittwoch kurzfristig sogar den Internationalen Sportgerichtshof CAS, Anwälte waren involviert, bis unmittelbar vor dem Start wurde verhandelt - doch die Jury kannte kein Pardon. Für den Rad-Weltmeister gab es kein Zurück ins Peloton der 104. Tour de France.

Weiter gingen hitzige Diskussionen, ob die Disqualifikation nach dem Ellbogencheck gegen Cavendish richtig war. "Eine krasse Fehlentscheidung" sei dies gewesen, sagte Teamchef Denk. "Für einen Ausschluss muss ein grober Vorsatz vorliegen, der war nicht da", monierte er.

Die meisten Begleiter im Tourtross empfanden das Urteil ebenfalls überzogen. Auch André Greipel, der unmittbar nach dem Crash mit dem Doppel-Weltmeister noch hart ins Gericht gegangen war. "Manchmal sollte ich die Bilder anschauen, bevor ich etwas sage. Entschuldigung an @petosagan, da ich denke, dass die Entscheidung der Jury zu hart ist", twitterte der dreimalige deutsche Meister später.

Auch Cavendish muss mit einem Bruch des rechten Schulterblatts nach Hause. Er nannte die Jury-Entscheidung mutig. Sein Teamchef Rolf Aldag befand: "Das war kein Unfall. Das war ein vorsätzlicher Ellbogencheck. Sagan boxt, kickt Cavendish in die Bande. Dafür gehört er nach Hause geschickt."