| 02:40 Uhr

Ein Volkssport sucht Kontakt zum Volk

DÜSSELDORF. ANALYSE Nach 28 Jahren findet wieder eine Tischtennis-Einzel-Weltmeisterschaft in Deutschland statt. Das Turnier in Düsseldorf beginnt an diesem Montag. Die DTTB-Verantwortlichen wollen die Chance nutzen, um dem Mitgliederschwund entgegenzuwirken. Von PATRICK SCHERER

Es ist 1989, und auf einmal steht Tischtennis deutschlandweit im Fokus. Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner gewinnen in Dortmund den WM-Titel im Doppel. Die ARD kauft prompt für 150 000 D-Mark die Übertragungsrechte für das Europapokalfinale ein paar Wochen später, berichtet vier Stunden live. Und "Rossi" und "Speedy" tingeln durch die TVShows der damaligen Zeit. 28 Jahre später kehrt die Einzel-WM nach Deutschland zurück. Der Wunsch der Verantwortlichen für das Turnier vom 29. Mai bis 5. Juni in Düsseldorf ist eine ähnliche Nachhaltigkeit für den Sport wie damals.

Doch es gibt Probleme: die Hürden der heutigen, schnelllebigen Gesellschaft und fehlende Haupt- und Ehrenamtler. "Ich weiß nicht, ob Timo mit Tischtennis angefangen hätte, hätten wir damals nicht so gut gespielt", sagt Roßkopf heute. Als Bundestrainer wird er das Team ab Montag betreuen.

Mit Timo meint er natürlich Timo Boll. Das Aushängeschild des deutschen Tischtennis. Über Jahre trug Boll dieses Schild durch die Welt. Jetzt ist er 35 Jahre alt, seine Karriere neigt sich dem Ende entgegen und ein jüngeres Zugpferd dieser Güteklasse ist nicht in Sicht. Der Manager von Bolls Verein Borussia Düsseldorf, Andreas Preuß, sagt: "Es gibt zwei Fragestellungen: Wie kommen wir an den nächsten Boll? Und: Wie stärken wir am besten die Basis?" Dabei soll die WM helfen. "Es ist eine Jahrhundertchance für uns", sagt Preuß. Seit 2001 haben die knapp 10 000 Vereine in Deutschland mehr als 130 000 Mitglieder verloren. Ein Phänomen, mit dem alle Sportarten zu kämpfen haben - außer dem Fußball.

Michael Geiger, Präsident des Deutschen Tischtennis Bundes (DTTB), erklärt: "Das hängt sehr stark mit gesellschaftlichem Wandel und verändertem Freizeitverhalten zusammen, das wiederum auch durch das geänderte Schulsystem bedingt ist."

Tischtennis hat aber einen Vorteil gegenüber anderen Sportarten: "Tischtennis geht überall und sofort", sagt Preuß. Tischtennis gilt im aktiven Bereich als Volkssport auf Augenhöhe mit dem Fußball. Nahezu jeder stand im Kindesalter mal an der Platte. "Über alle Altersschichten verteilt, könnte ich mir sogar vorstellen, dass mehr Leute zum Tischtennisschläger greifen als zum Fußball", sagt Geiger. Es hakt allerdings beim Transfer vom Hobbyspieler an der Steinplatte zum Vereinsakteur in der Halle. Genau da wollen die Verantwortlichen ansetzen.

Der Weltverband ITTF versucht es vor allem mit optischen Reizen und alternativem Spielkonzept. TTX heißt das neue Programm. Mit bunt bemalten Tischen und Schlägern will der Verband beeindrucken. Der Satz endet nicht nach einer bestimmten Anzahl von Punkten, sondern nach zwei Minuten, es gibt keine Regeln für die Schlagtechnik und die Möglichkeit, Extra-Punkte für spezielle Schläge zu erhalten. In der Düsseldorfer Altstadt soll heute mit Hilfe von Biertischen die längste Tischtennistheke der Welt entstehen. Ein Eintrag ins Guiness- Buch der Rekorde ist das Ziel.

Die Frage bleibt aber, wie das geweckte Interesse dann zu einer Mitgliedschaft führen soll. "Wir können ein noch so schönes Konzept schreiben, wenn der Vereinsvorsitzende froh ist, dass er überhaupt einen hat, der einmal in der Woche die Halle aufschließt, dann wird es in der Breite nicht fruchten", sagt Geiger. Bei einem Strategiekongress wurde zuletzt mit den Landesverbänden erörtert, was verbessert werden kann. Die Unterschiede sind aber sehr groß. Der bayerische und der westdeutsche Verband umfassen fast ein Sechstel der Mitglieder. "Die gesamte Mitgliederzahl in Mecklenburg-Vorpommern ist kleiner als die von einem Bezirk in Bayern", erklärt Geiger. Das Problem der fehlenden personellen Ressourcen scheint so schnell nicht zu lösen. "Wir können aber alle gemeinsam noch mehr machen", sagt Preuß, der vor allem im Bereich der sozialen Medien noch Bedarf für Verbesserung sieht.

Aber: Wenn Timo Boll und der zweite Topspieler des DTTB, Dimitrij Ovtcharov (28), in absehbarer Zukunft aufhören, droht ein Vakuum auf Profi-Ebene in Deutschland. Zumal andere Nationen aufrüsten. Neben dem dominanten China ist vor allem Japan auf dem Vormarsch. "Die Japaner sind mit riesigem Tross auf der World Tour unterwegs. Olympia 2020 in ihrer Heimat spielt dabei sicher eine Rolle. Jeder Spieler hat seinen Coach dabei. Diese Möglichkeit haben wir nicht", sagt Geiger.

China und Japan würden beide im Vergleich mit Deutschland mindestens das Doppelte investieren. Geigers Plan ist es deshalb nicht, die Japaner oder Chinesen zu kopieren: "Es hat uns Deutsche ja oft ausgezeichnet: Dann müssen wir es eben anders machen."