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| 02:39 Uhr

Ein Tor für die Cottbuser Handball-Ewigkeit

Cottbus. Jörg Kämer erzielte einst den allerersten Oberliga-Treffer für Lok RAW. Heute gibt der Flughafen-Manager seiner alten Liebe einen Rat. Wolfgang Swat / wsw1

Der LHC Cottbus hat als Oberliga-Meister seine Vorbereitung auf die kommende Saison begonnen. Er spielt sie nicht in der dritten Liga, weil der Verein aus wirtschaftlichen Gründen auf sein Aufstiegsrecht verzichtet hat (RUNDSCHAU berichtete). Der LHC verbleibt in der Oberliga Ostsee-Spree. Unter den Fans wird diese Entscheidung noch immer unterschiedlich bewertet. "Da wurde in der Lausitz-Arena die Meisterschaft gefeiert, aber nicht der Aufstieg bejubelt. Ehrlich: Da war ich doch etwas irritiert", gab auch Zuschauer Jörg Kämer zu. "Die Fans hätten das verdient, und auch für die Kinder- und Jugendarbeit wäre die höhere Spielklasse wichtig gewesen. Doch es macht keinen Sinn, wenn die wirtschaftliche Basis nicht da ist. Verein, Stadt und Sponsoren aus der Region müssen einfach noch enger zusammenrücken", fügte er hinzu.

Kämer, der Bereichsleiter der Konzernrevision bei der Flughafengesellschaft Fraport AG in Frankfurt am Main ist, weiß, wovon er spricht. Er kennt den Lausitzer Handball gut, verfolgt ihn aus der hessischen Ferne. Und wenn es geht, wie beim Meisterschaftsfinale des LHC am 13. Mai 2017 gegen die Jungfüchse aus Berlin, hautnah. Obwohl der gebürtige Lausitzer seit vielen Jahren in der Nähe von Darmstadt lebt, ist ihm die Region nahe geblieben. "Ich habe Verwandte hier und noch viele Freunde. Für unsere Treffen ist die Lausitz deshalb oft unser Mittelpunkt."

Jörg Kämer und der Cottbuser Handball - das ist eine alte Liebe, der der Frankfurter Flughafen-Manager stets treu geblieben ist. "Der Handball", schätzt der inzwischen 58-Jährige ein, "hat mich in Cottbus geprägt." Und er den Cottbuser Handball. Die älteren Anhänger werden sich noch gut an den Sportler Kämer erinnern, an den wieselflinken Linkshänder auf der rechten Außenposition, auf der er Cottbuser Handball-Geschichte geschrieben hat. Mit seinem Verein Lok RAW Cottbus hatte Kämer 1985 nicht nur zum ersten Mal den Aufstieg in die höchste Spielklasse der DDR, die Oberliga, geschafft, sondern sich auch noch mit einem besonderen Erfolg in der Chronik verewigt. Ihm gelang am 21. September 1985 im Auftaktspiel gegen den SC Dynamo Berlin der erste Cottbuser Oberliga-Treffer. Ein Tor für die Ewigkeit.

Zwar ging das Spiel gegen den Vorjahres-Vizemeister mit 18:23 verloren, doch das Abenteuer Oberliga ist ihm trotz der folgenden Pleitensaison mit nur zwei Siegen, einem Unentschieden und dem damit verbundenen Abstieg heute in guter Erinnerung. "Das Fluidum in der Stadthalle war schon besonders. Die Zuschauer haben zu uns gehalten, auch nach Niederlagen. Die Leistungsdichte in der DDR-Oberliga war damals wirklich sehr hoch. Schließlich spielte mit Rostock zum Beispiel ein Europapokalsieger mit", schwärmt Kämer von dieser aufregenden Zeit und einem Erfolg mit dem Oberliga-Aufstieg von Lok RAW Cottbus, der für die Lausitz ein Beispiel sein könnte, was alles erreichbar ist, wenn man die Kräfte bündelt.

In Altdöbern geboren, spielte Jörg Kämer erst viele Jahre in Senftenberg. In der Bezirksliga fiel der gelernte Maschinist für Tagebau-Großgeräte und spätere Diplom-Ingenieur-Ökonom den Cottbuser Machern der BSG (Betriebssportgemeinschaft) Lok RAW Cottbus auf. Sie überzeugten den sprungkräftigen und schnellen Außenangreifer Ende der 1970er-Jahre zum Wechsel in die Bezirksstadt, wo er unter Trainer Dr. Ulrich Jerga mit Cottbuser Handball-Legenden wie Fred Mellack, Frank Stoy, Ralf Devantier, Silvio Schelleter oder dem heutigen LHC-Torwart-Trainer Dieter Sklenar den sensationellen Aufstieg in die Oberliga schaffte.

Sklenar, der sich nun an der Meisterschaftsfeier gegen die Jungfüchse Berlin mit Kämer an manche Anekdote aus Oberliga-Zeiten erinnerte, ist sein einstiger Mannschaftskollege vor allem wegen dessen "intelligenter Spielweise auf Rechtsaußen oder auf der Halbposition" in Erinnerung. Sklenar: "Der war einfach Klasse."

Den zweiten Einzug von Cottbus in das Handball-Oberhaus in der Saison 1988/1989 erlebte Kämer allerdings nur noch als Betrachter. Beruflich hatte es ihn nach Berlin gezogen und von dort aus führte ihn nach der Wende der Weg ins Rhein-Main-Gebiet. Kämer blieb auch dort dem Handball verbunden, trainierte die Damenmannschaft des SV 98 Darmstadt in der Regionalliga und ist heute häufig Gast beim Meister Rhein-Neckar Löwen in der Bundesliga. Aber der einstige Wirbelwind auf Rechtsaußen bleibt auch der "Alten Liebe" in Cottbus treu. "Der LHC hat eine junge Mannschaft, die schnellen und guten Handball spielt. Allerdings fehlt es an Durchschlagskraft aus dem Rückraum", so seine Einschätzung. "Es ist so viel Gutes entstanden in der Region um Cottbus, da gibt es auch Potenzial für den Handball", ist Kämer überzeugt.

Den Streit zwischen dem LHC und dem Nachwuchsleistungszentrum an der Lausitzer Sportschule könne er nicht nachvollziehen. "Als Profi muss man im Interesse der Sache auch mal zurückstecken", ist seine Erfahrung. Kämer empfiehlt einen Blick über den Gartenzaun: "Bob Hanning hat in Berlin über viele Jahre ein solides Umfeld geschaffen. Jetzt erntet man die Früchte. Vielleicht schauen die Verantwortlichen in Cottbus bei ihm einfach mal vorbei", rät der Cottbuser Aufstiegsheld und erste Oberliga-Torschütze von 1985.